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Jutta Allmendinger Umkremplerin aus Leidenschaft Von Nico Fickinger
Es gibt introvertierte, hausbackene Professoren, die arbeiten im stillen Kämmerlein und kleben an ihren Daten und Zahlen. Es gibt eitle Selbstdarsteller, die ziehen durch Talk-Shows und erklären dem Boulevard mit einfachen Formeln die Welt. Es gibt Koryphäen, die richten sich im Elfenbeinturm eine Schreibwerkstatt ein und brillieren mit immer neuen Werken. Und es gibt Menschen wie Jutta Allmendinger: Beweger, Anpacker, Kümmerer. Wäre die hagere, hochgewachsene Frau mit den kastanienbraunen Knopfaugen, die ein Kinderbuch nicht schöner malen könnte, äußerlich nicht das exakte Gegenteil dessen, was man sich unter einer fürsorgenden Mutter vorstellt, so müsste man der Einundfünfzigjährigen diesen Titel verleihen: Mit ihrer ganzen Energie setzt sie sich für den (nicht nur wissenschaftlichen) Nachwuchs ein – nicht gluckenhaft-betüttelnd, sondern als wohlmeinend-strenge Antreiberin, eine Bildungsvorkämpferin, die weiß, dass man damit nicht früh genug beginnen kann, wenn es diesem Land bessergehen soll. Diese Einsicht hat Allmendinger aus ihren Jahren in Amerika mit nach Deutschland gebracht: Nicht nur, dass die frischgebackene Diplom-Soziologin am Flughafen von ihrem künftigen Doktorvater höchstpersönlich abgeholt wurde; dieser nahm sich auch noch Zeit, die damals 27-Jährige auf dem Universitätsgelände herumzuführen. Vollständig unvergleichbar“ war das mit dem Studierendenbetrieb, den die junge Wissenschaftlerin bis dahin in Deutschland erlebt hatte. Das hat mir was fürs Leben gegeben.“ Inzwischen weiß sie, dass man, um Nachwuchsförderung zu betreiben, die Hierarchien auf den Kopf stellen muss, wie sie es in Amerika erlebt hat: Dort schmücken sich die etablierten Alten mit den Talenten, die sie angeworben haben. Die sind eigentlich die Pretiosen – und nicht umgekehrt.“ Mit Kindern in Harvard? Selbstverständlich!
Noch heute schwärmt sie von der exzellenten Betreuung jenseits des Atlantiks, die nicht nur den einzelnen Wissenschaftlern, sondern auch deren Familien zugutekommt. Eine Professorin mit Kindern oder ein Professoren-Ehepaar in der gleichen Fakultät – in Harvard war das schon vor 20 Jahren selbstverständlich, ebenso die Unterstützung bei der Suche nach dem richtigen Kindergarten. Das hat viel mit Respekt und Anerkennung zu tun: Ich möchte, dass es nicht nur der einzelnen Person, sondern der ganzen Familie gutgeht.“ Und in Deutschland? Was in ihrer Macht stand, hat Allmendinger getan: das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung durch eine höhere Frauenquote verweiblicht“ und dort ein Kinderzimmer“ eingerichtet. Doch anderswo ist die Vereinbarkeit von Familie und Beruf noch immer nicht gelöst – und die Eingliederungshilfen, die sich Allmendinger ersehnt, um bei Neuverpflichtungen dem Partner die Stellensuche zu erleichtern, bleiben vorerst nur der Wunschtraum einer innovativen Professorin. Immer war sie dem System eine Nasenlänge voraus: arbeitete ohne Diplom schon am Zentrum für Umfragen und Analysen in Mannheim, forschte ohne Doktortitel am Max-Planck-Institut in Berlin und erhielt noch vor der Habilitation die Professorenstelle in München. Mit ihrem Tempo hielt das System nicht Schritt; die institutionellen Verkrustungen sind geblieben – Beispiel München: Obwohl man dort schon vor anderthalb Jahrzehnten Nichthabilitierte berufen konnte, wird noch immer eine Habilitation verlangt: So viel Veränderungsresistenz macht mich närrisch.“ Skepsis gegenüber Turbo-Promotion Ihr eigener Aufstieg, der sie bis in den Innovationsrat der Bundeskanzlerin befördert hat, wäre ihr ohne die Zeit in Amerika wohl nicht geglückt. Natürlich habe das Label Harvard“ eine Rolle gespielt, sagt Allmendinger – aber es ist ja nicht nur dieses Label, sondern so viel mehr“: die Vorträge auf großen Konferenzen, die vielen Publikationen schon vor der Promotion, die Lehrerfahrung, die Mitgliedschaft in Auswahlgremien. Ich konnte in meinem Lebenslauf damals schon ein ziemlich breites Spektrum von Erfahrungen abbilden, die ich auf dem klassischen Promotionsweg in Deutschland so nie bekommen hätte.“ Das ist nicht ohne Auswirkungen auf ihr eigenes Einstellungsverhalten geblieben. Ich würde nur mit größter Vorsicht eine ganz schnelle Promovendin einstellen“, sagt die WZB-Präsidentin, die zurzeit rund 150 Ökonomen, Soziologen, Politologen, Juristen und Historiker aus dem In- und Ausland koordiniert. Lieber würde sie einer Person den Vorzug geben, die ein paar Jahre länger gebraucht hat, aber dafür breiter aufgestellt ist in ihrer Ausbildung, die schon publiziert und sich eigenständig in der Welt bewegt hat“. Dass man sich selbstbewusst dem Wettbewerb stellen muss und davon nur profitieren kann, hat sie ebenfalls in Amerika gelernt. Und die Erfahrung, dass eine Ablehnung keinen Weltuntergang bedeutet, hat ihr früh die Scheu vor einer Blamage genommen. Ihr Motto: Lieber einen kreativen Flop riskieren als sich träge im Mainstream treiben lassen.“ Regelmäßige Pausen gegen das Ausbrennen So geht sie auch auf Menschen zu: mit interaktiver Neugierde“ und mit großer Begeisterungsbereitschaft: Ich blühe auf, wenn ich mit Leuten reden kann.“ Aus diesen Gesprächen bezieht die Soziologin mindestens ebenso viel Wissen wie aus Büchern. Im konstruktiven Austausch erhalten ihre Konzepte den Feinschliff, hier stellt sie auch ungewöhnliche Ideen zur Debatte, um aus den Reaktionen zu lernen. Ich sammle Menschen um mich, die gedankenschärfend für mich sein können.“ Doch selbst Allmendingers Kommunikationsdrang benötigt einmal eine Pause. Regelmäßig nimmt sie sich daher ein paar Tage Auszeit, zieht sich ganz ins Private zurück, verschlingt daheim in Einsamkeit und Freiheit“ ein Buch nach dem anderen und schreibt: Sonst wird man ja ausgeleert.“ Wäre sie so weit gekommen, wenn sie nicht ältester Spross eines Architekten und einer Psychologin gewesen wäre? Allmendiger rückt das Bild der begüterten Akademikertochter gerade: Der Vater starb früh und unerwartet, die Tochter musste stets auf eigenen Füßen stehen und sich um ihre beiden jüngeren Geschwister kümmern. Immer hat sie gearbeitet und die Zeit in Amerika durch Stipendien und Fellowships finanziert. Das Einzige, was ich reingebuttert hab’, war ein Bausparvertrag.“ Ihren Sohn bekam sie erst 1994, als ihr die Festanstellung in München ausreichend Sicherheit bot. Doch die materielle Seite ist eben nicht alles. Die Prägung des Elternhauses war entscheidend. Wenn ich in einem Hartz-IV-Haushalt großgeworden wäre, hätte ich – mit den gleichen genetischen Anlagen – vermutlich nie die Disziplin aufgebracht, mich über Jahre hinweg einer Sache zu verschreiben.“ Doch im Hause Allmendinger lebte der selbständige Vater der Tochter täglich vor, dass Leistung sich lohnt. Wie er sich über einen neuen Auftrag, so freut sie sich heute über eine bewilligte Projektförderung – das ist total parallel“. Unbequeme Mahnerin für die SPD Impulsiv, chaotisch, charmant, ungeduldig, wissbegierig, verletzend, profilierungssüchtig, kommunikationsfähig und führungswillig, ein Wirbelwind, gar ein Vulkan – die Archive sind voll von passenden und unpassenden Attributen und Bildern. Doch die Gesten – ständig sind ihre Hände in Bewegung, ihren Pagenkopf wirft sie so ruckartig vor und zurück, dass die Haare wild durcheinanderwehen – lassen keine Zweifel: Aus dieser Frau strömt Schaffensdrang. In München hat sie einen Lehrstuhl aufgebaut. Nach Nürnberg ist sie gegangen, um das IAB aus der Bundesagentur für Arbeit herauszulösen und seine verborgenen Schätze zu heben. In Berlin muss sie ein Konzept finden, das dem WZB neue komparative Vorteile gegenüber den Hochschulen verschafft, da im Rahmen der Exzellenzinitiative auch Universitäten Schwerpunkte setzen und Forschungsprofessuren einrichten können. Und über alldem soll auch Politikberatung nicht zu kurz kommen. Für ihre eigene Partei, die SPD, ist Allmendinger eine unbequeme Mahnerin, für die Medien ein gefragter Schlagzeilenlieferant. Die Schule? Ein Chancenverschlechterungssystem. Das längere Arbeitslosengeld? Führt zum Stillhalte-Sozialstaat. Gerechtigkeit? Nicht auf materiellen Wohlstand, sondern auf die Perspektiven kommt es an. Alleinerziehende? Bald der Normalfall. Die unreflektierten Verirrungen der kurzatmigen Politik führt Allmendinger auf einen Verlust öffentlicher Stimmen“ zurück und betrachtet auch die Soziologie selbstkritisch: Man braucht einen langen Atem für dieses Geschäft und darf sich nicht zu schade sein, die gleichen Sachen immer wieder zu sagen.“
Bildmaterial: Andreas Pein, dpa |
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