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Gunter Heise Rotkäppchen und der scheue Wolf Von Christian Geinitz
Früher, in der Planwirtschaft der DDR, wusste die Sektkellerei Rotkäppchen schon am 1. Januar, wie viele Flaschen sie bis zum Jahresende verkaufen würde. Heute“, sagt der geschäftsführende Gesellschafter Gunter Heise mit einem Lächeln, ist nicht einmal der Tagesabsatz im Dezember planbar.“ Es gibt Tage, da verlassen mehr als eine Million Flaschen die Werke in Freyburg an der Unstrut, in Eltville, Hochheim und Breisach – so viele wie Rotkäppchen nach der Wende in einem Jahr verkaufte. In kaum 16 Jahren hat Heise, ein zurückhaltender Ingenieur aus einfachen Verhältnissen, das Unternehmen aus Sachsen-Anhalt vom Sanierungsfall zum größten Sekthersteller der Welt nach Freixenet gemacht. Heises sprichwörtliche Diskretion gilt nicht zuletzt den Unternehmenszahlen. Sekt sei stets ein Spiegel der Konjunktur, sagt er nur, das gelte auch in der gegenwärtigen positiven Grundstimmung. Deshalb werde die Rotkäppchen-Mumm Sektkellerei aus 2007 mindestens so gut herausgehen, wie wir hineingegangen sind“. Das ist Heises Art zu sagen, dass 2007 das erfolgreichste Jahr in der mehr als 150 Jahre währenden Unternehmensgeschichte war. 2006 erlöste der Konzern aus dem Verkauf von 115 Millionen Flaschen fast 372 Millionen Euro; den Gewinn verschweigt das Familienunternehmen. 2007 einen seiner größten Coups gelandet Das zurückliegende Jahr ist kaum mit früheren zu vergleichen, denn Heise hat 2007 einen seiner größten Coups gelandet und den Umsatz aus dem Stand um zwei Drittel erhöht. Im November kaufte der Konzern die deutsche Sparte des Spirituosenherstellers Eckes, die 50 Millionen Flaschen befüllt und 250 Millionen Euro erlöst. Der Zukauf des Hochprozentigen bedeutet nicht mehr und nicht weniger als einen weiteren Superlativ: Rotkäppchen ist mit mindestens 37 Prozent nicht nur unangefochtener Marktführer im deutschen Sektgeschäft, sondern mit 9 Prozent auch die Nummer eins unter den Spirituosen. Seine Wässerchen will Rotkäppchen auf ähnliche Weise aufpeppen, wie es Asbach, Berentzen oder Jägermeister tun, und damit die muffigen Klassiker Chantré, Mariacron oder Eckes Edelkirsch endlich vom Großvatersessel holen. Auf dem Nordhäuser Doppelkorn ruhen Heises besondere Hoffnungen. Bei dem ist es ein bisschen wie früher bei Rotkäppchen: Den kennt in Ostdeutschland jeder, man kann viel mehr aus ihm machen.“ Bei Rotkäppchen war dieser Weg erfolgreich, aber steinig, bei Heise selbst ebenso. Zutaten aus Frankreich, Italien, Spanien oder Westdeutschland Er kam 1951 als Sohn eines Bäckers in Laucha nahe Freyburg zur Welt. Die Druckerei seines Großvaters, welche die Unstrut-Zeitung“ herausgab, war 1945 von einer der drei Bomben, die auf Laucha fielen, zerstört worden. Sonst wäre ich heute vielleicht ein Zeitungsmann.“ Als Heise zur Welt kam, existierte die Sektkellerei schon mehr als 100 Jahre, 1856 hatten sie Julius Kloss und Carl Foerster in der damaligen preußischen Provinz Sachsen gegründet. Das Champagnerhaus wuchs so schnell, dass schon 1867 die Weinmengen von Saale und Unstrut nicht mehr ausreichten und Kloss & Foerster“ in Baden und Württemberg zukaufen musste. Bis heute kommt nur ein verschwindender Teil der Zutaten von den sanften Hügeln rund um Freyburg, das meiste wird in Frankreich, Italien, Spanien oder Westdeutschland zugekauft. Nach dem Abitur in Naumburg studierte Heise an der TU Dresden Verarbeitungs- und Verfahrenstechnik. Da firmierte Rotkäppchen längst als Volkseigener Betrieb (VEB). Nach dem Krieg war der letzte private Eigentümer Günther Kloss erst verhaftet und dann enteignet worden. Nach seiner Flucht gründete er in Rüdesheim die Sektkellerei Kloss & Foerster neu. Erst 2006 holte Heise den bekannten Namen zurück, als er der Familie Kloss die Marke abkaufte. Das war eine emotionale Entscheidung, keine betriebswirtschaftliche“, sagt Heise. Sekt hat sehr viel mit Gefühlen zu tun.“ Sentimentalitäten konnte sich Heise bei der Arbeitssuche nach dem Studium ebenso wenig leisten wie den begehrten Sekt. Die Flasche kostete zunächst 15 und in den achtziger Jahren sogar 22 DDR-Mark – wenn sie überhaupt zu bekommen war. Heise muss lächeln, wenn er daran erinnert, dass man in der DDR die Arbeitsstätte nach der Lage der Wohnung auswählte, weil Erstere einfacher zu bekommen war als Letztere. Genau andersherum als heutzutage in Ostdeutschland.“ Er selbst suchte nahe Laucha und hatte die Wahl zwischen einer Konservenfabrik für Kindersäfte, einer Spirituosenfabrik – und Rotkäppchen. 1973 trat der junge Diplomingenieur in den VEB ein, 1978 stieg er zum Technischen Leiter auf. Schlechtes Ergebnis trotz Feierlaune im Osten Die Wendezeit erlebte Heise, der zuvor niemals im westlichen Ausland gewesen war, als Befreiung. Er merkte aber schnell, dass die neue Zeit auf Kosten des Betriebs ging. Trotz der Feierlaune wurde der Dezember 1989 für Rotkäppchen zum schlechtesten Monat des Jahres, weil die Kunden westliche Schaumweine ausprobierten. Bis 1991 brach der Absatz von 15 auf eine Million Flaschen im Jahr ein. Ich habe überlegt, wo ich wohl unterkäme: als Imbissverkäufer oder am Empfang in der Zahnarztpraxis meiner Frau.“ Doch nach dem August 1991, als er zum Geschäftsführer des Treuhandbetriebs avanciert war, fasste Heise wieder Mut. Ich wusste, wir könnten es schaffen, weil das Produkt gut und die Marke bekannt war.“ Vor der Sanierung aber lag ein tiefes Tal der Tränen. Das Management musste 300 der 360 Arbeitsplätze abbauen. Diese Briefe zu schreiben war das Schwierigste, was ich je gemacht habe. Die Betroffenen und ihre Angehörigen wechselten die Straßenseite, wenn sie mich sahen“, sagt Heise. Hier kennt ja jeder jeden.“ Heute ist er, auch wenn der diesen Titel selbst nie akzeptieren würde, ein weiterer großer Sohn der Stadt neben Turnvater Jahn. Rotkäppchen-Mumm hat wieder 500 Mitarbeiter, 120 davon am Stammsitz. Dieselben, die mich früher geschnitten haben, bedanken sich heute, dass wir ihren Enkeln Arbeit geben.“ Vor diesem Erfolg lag indes viel Arbeit. Die erste Privatisierungsrunde scheiterte, weil die Investoren nicht an die Marke glaubten, darunter westdeutsche Sekthäuser, smarte Berater, Adelige mit langen Namen. Ein Interessent sagte: Rotkäppchen klingt nicht wie ein Sekt, sondern wie der Kindersaft Rotbäckchen. Ein anderer meinte, mit dem Namen könnten wir hier höchstens Märchenspiele veranstalten.“ Mit Mumm und Geldermann die Größten An der zweiten Ausschreibung beteiligte sich die Unternehmensleitung selbst. Der Kauf gelang, weil Heise auf einer Feier in Nordhausen den Unternehmer Harald Eckes-Chantré kennengelernt hatte. Er und seine Töchter waren bereit, den Löwenanteil des Kaufpreises aufzubringen. Heute hält die Familie 58 Prozent, 42 Prozent liegen bei Heise und seinen Kollegen Jutta Polomski, Lutz Lange und Ulrich Wiegel. Von 1994 an, als das Unternehmen in Ostdeutschland längst wieder schwarze Zahlen schrieb, strebte Rotkäppchen immer erfolgreicher auf den westdeutschen Markt. Als man auch dort an seine Wachstumsgrenzen stieß, ergriff Heise eine günstige Gelegenheit beim Schopf: Der kanadische Getränkehersteller Seagram wollte sich von seinen Sektmarken Mumm, Jules Mumm und MM Extra trennen, und Heise, Eckes-Chantré und Co. griffen 2002 zu. 2003 erwarb Rotkäppchen zudem die kleine Edelmarke Geldermann und stieg endgültig zur größten deutschen Sektkellerei auf. Wichtig war Heise vor allem der Vertrieb der Neuen. Mit der eingespielten Mannschaft schaffte es die ostdeutsche Kellerei auch in die letzten Regale der westdeutschen Supermärkte. Erst einmal eine Verschnaufpause Nach dem Kauf der Eckes-Spirituosen ist die Erfolgsgeschichte von Rotkäppchen sicher noch nicht zu Ende. Aber wir legen erst einmal eine Verschnaufpause ein, um alles zu verdauen“, sagt Heise. Freilich ist der Mann mit dem lichten grauen Bart, den manche im Unternehmen als scheuen Wolf bezeichnen, für eine Auszeit viel zu beschäftigt. Das fuchst ihn, weil er zu wenig Muße für seinen zwölfjährigen Sohn findet, für den Karnevalsverein und dafür, endlich einen Jagdschein zu machen. Aufwendige Hobbys und weite Reisen vertagt er gern auf den Ruhestand, doch der ist noch fern für den Sechsundfünfzigjährigen. Schon jetzt tue ich mir ab und zu etwas Gutes“, sagt er mit einem Augenzwinkern. Sekttrinken zum Beispiel.“
Bildmaterial: Rainer Wohlfahrt |
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