Briefträger. Klaus Stern erinnert sich noch gut an damals. Daran, wie es sich anfühlte, als er 16 Jahre alt war und eine Ausbildung bei der Deutschen Post begann: uncool. Der große Bruder studierte Volkswirtschaft, die Freunde waren Gymnasiasten und die Mädchen alles andere als beeindruckt von einem, der Briefzusteller lernte. Und was machst du?“, war eine Frage, die den Jugendlichen peinlich berührte, denn die Reaktion fiel stets gleich aus: Unverständnis, Gelächter.
Das ist lange her. Sechs Dokumentarfilme hat der Vierzigjährige seit 1999 gedreht – und gleich mit seinem Erstling Der Austausch – Die vergessene Entführung des Peter Lorenz“ auf sich aufmerksam gemacht, in dem er ein verdrängtes Kapitel bundesdeutscher Geschichte beleuchtete. Stern sucht sich Themen aus Wirtschaft und Politik, die er anhand einer widersprüchlichen Hauptfigur entwickelt: langsam, gründlich, frei von schnellen Urteilen.
Seine Arbeiten sind so unterhaltsam, dass sie zuweilen fast Spielfilmqualität besitzen und längst mit Auszeichnungen wie dem Adolf-Grimme-Preis, dem Herbert Quandt Medien-Preis und Hessischen Filmpreis dekoriert sind. Henners Traum“, der gerade in den Kinos gelaufen ist, steht unter anderem im diesjährigen Wettbewerb für den Max-Ophüls-Preis. Nicht nur unter Dokumentarfilm-Fans hat Klaus Stern einen Namen, auch einem breiteren Publikum ist er bekannt. Das ist nicht selbstverständlich für einen, der sich in einem Nischen-Genre tummelt.
Von den Momenten der Unsicherheit in Jugendtagen erzählt Stern eher beiläufig. Aber womöglich rührt aus der Erfahrung von einst ein Teil jener Empathie, die der Dokumentarfilmer heute seinen maßlosen, bisweilen fast verzweifelt geltungsbedürftigen, überambitionierten Filmhelden entgegenbringt.
Er habe schon als Kind davon geträumt, später einmal bei seinen Freunden mit dem Porsche vorzufahren, heißt es über die Hauptfigur in Lawine – Leben und Sterben des Werner Koenig“. Er war Produzent und Vorstand von Helkon Media, Börsenhasardeur und eine schillernde Figur der New Economy, die sich auf Blendwerk bestens verstand. Sterns Dokumentation aus dem Jahr 2007 zeichnet das Porträt des Verstorbenen als das eines Aufsteigers, besessenen Sportlers und Unternehmers, der Erfolg mit exzessiver Grenzerfahrung verband, dem die geliebte bayerische Heimat letztlich zu eng und ein Durchschnittsleben zu klein war. Dass neben schnellen Autos auch schöne Frauen zu den Insignien des Ruhms gehörten, versteht sich.
Koenig war ähnlich wie Biodata-Gründer Tan Siekmann, Protagonist des Films Weltmarktführer“, ein von Kindesbeinen an Getriebener. Klaus Stern dagegen schildert sich als einen Heranwachsenden, der lange Zeit nicht wusste, welchen Weg er einschlagen sollte. Er sei nicht ehrgeizig gewesen, sondern einer, der sich treiben ließ – die Kinderzeit und Jugend hindurch in der ruhigen nordhessischen Provinz der siebziger und achtziger Jahre. Mit der Geschichte des Jungen, der schon früh mit der Super-8-Kamera durch die Gegend zog, kann er nicht dienen. Auch hat er keine leidenschaftlichen Cineasten als Eltern vorzuweisen, die ihn mit ihrer Begeisterung etwa für Fassbinder oder wenigstens das Western-Genre angesteckt hätten. Er stamme aus einer Schicht, die man heute wohl als bildungsfern bezeichnen würde, sagt Stern und erzählt von dem bäuerlichen Milieu, in dem er aufgewachsen ist.
Seine Eltern, sagt Stern im Rückblick, hätten die Söhne nicht in eine bestimmte Richtung gedrängt. Klaus Sterns Werdegang kann man durchaus als Beleg dafür nehmen, dass Förderung grundsätzlich eine feine Sache ist, Talent aber vor allem eines braucht, um sich zu entfalten: Freiheit. Stern jedenfalls hat sie genutzt, als er reif genug dafür war. Er habe sich schon immer intensiv mit allem beschäftigt, was ihn interessierte, erzählt der Filmemacher. Man kann ihn sich gut als schlaksigen Jungen vorstellen, dem der Schultag zu lang, die Nachmittage auf dem Fußballplatz dagegen viel zu kurz waren. Der Weckruf kam von einem Berufsschullehrer. Der hat gefragt, was machst du hier eigentlich?“, erinnert sich Stern. Die Antwort, die er fand, lautete: Lehre durchhalten, Fachabitur machen. Schließlich studierte er in Kassel Wirtschaftspädagogik und Politik. Stern sah sich als zukünftigen Lehrer.
Tief eingestiegen ist er in das Thema seiner Diplomarbeit über die Entführung des Berliner CDU-Landesvorsitzenden Lorenz. So umfangreich fiel das Material aus, dass ihm die Idee kam, einen Film daraus zu machen. Während des Studiums war Stern eher zufällig an ein Praktikum, später an einen Job als freier Mitarbeiter beim Hessischen Rundfunk gekommen. Den Auftrag für seinen ersten Film erhielt er vom Sender Freies Berlin, dem er das Projekt vorstellte. So arbeite er seither immer. Er hat die Idee und sucht sich einen Sender, der ihm dann den Auftrag für den Film gibt und das Projekt finanziert. Was schnell und einfach klingt, ist alles in allem eher langwierig und nicht unbedingt lukrativ. Doch einen Werbefilm würde er nie drehen, sagt Stern mit Bestimmtheit. Er mache nur, was ihn interessiere. Anbiedern an Moden oder bestimmte Zielgruppen komme nicht in Frage. Er will frei bleiben und sich nicht vorschreiben lassen, wie seine Filme auszusehen haben. Themen findet er in Zeitungsartikeln oder Fernsehbeiträgen, in denen Geschichten nur angerissen werden. Der Dokumentarfilmer sieht buchstäblich genauer hin. Stern, der eine freundlich-unkomplizierte Art besitzt, strahlt zugleich großes Selbstbewusstsein und Hartnäckigkeit aus. Seine Protagonisten Henner Sattler und Tan Siekmann hatte er mehr als zwei Jahre begleitet. Man braucht einen langen Atem“, sagt Stern und lacht, weil er weiß, dass der Langstreckenläufer ein beliebtes Klischee ist, wenn es um Erfolg und Karriere geht.
Der Filmemacher und sein Team erleben persönliche Höhen und Tiefen der Protagonisten. Sie erhalten Einblicke in deren Verhandlungen mit Geschäftspartnern und in Hinterzimmerpolitik, die der Öffentlichkeit verwehrt bleiben. Manche der Porträtierten erlauben das ohne Zögern, um andere muss Stern länger werben. Für sein jüngstes Vorhaben will er einen Fußballprofi gewinnen, doch der lehnt bislang ab. Stern wird so schnell nicht aufgeben, aber den Film nicht drehen, sollte der Sportler bei seiner Haltung bleiben. Denn seine Arbeiten leben davon, dass Bilder und Akteure für sich sprechen. Das Ergebnis ist nicht berechenbar. Der Filmemacher sieht sich nicht in der Rolle des Aufklärers, der in seinen Filmen den Porträtierten die Maske vom Gesicht reißt oder sie vorführt. Doch splittert das Image der erfolgreichen Unternehmer und wagemutigen Politiker, das die Koenigs, Siekmanns und Sattlers dieser Welt pflegen und das sich die Öffentlichkeit nur zu gern von ihnen macht. Etwas lernen könne man aus den Filmen schon, sagt Stern, und da klingt der Lehrer durch, der er fast geworden wäre.
Ich mag meine Helden, aber sie sind nicht meine Freunde“, sagt der Kasseler. Für diese allerdings sind Distanz und Nähe nicht so leicht auszubalancieren und die Filme am Ende nicht immer gut zu ertragen. Manchmal brechen sie gekränkt den Kontakt nach
Abschluss der Dreharbeiten ab, manchmal wollen Medienanwälte bestimmte Szenen verhindern. Er habe durchaus Beißhemmungen“, räumt der Dokumentarfilmer ein. Doch wie einer, der Angst vor Ärger hat, wirkt er nicht.
Zur Person:
- Klaus Stern wird 1968 geboren und wächst im nordhessischen Ziegenhain auf.
- Auf den Realschulabschluss folgt eine Ausbildung als Briefträger, dann Fachabitur. Schließlich studiert er Politik und Wirtschaftspädagogik an der Universität Kassel.
- Als Dokumentarfilmer ist er Autodidakt. Seit 1999 dreht er Filme zur neueren deutschen Geschichte und zu aktuellen Ereignissen. Einem größeren Publikum wird er mit Weltmarktführer, der Geschichte vom Aufstieg und Fall des New-Economy-Unternehmens Biodata, bekannt.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa, Rainer Wohlfahrt