27. April 2009 Welcher Manager spricht schon davon, erste prägende Berufserfahrungen in einer geschlossenen Anstalt gemacht zu haben? Frieder Löhrer, Vorstandsvorsitzender des oberfränkischen TV-Herstellers Loewe, scheut das nicht. Als Zivildienstleistender arbeitete er in der Psychiatrie - und profitiert heute noch davon, wie er sagt. Als Mensch, als Chef. Koketterie ist das nicht.
Löhrers Großvater, ein Sozialdemokrat, der im Krieg Zwangsarbeiter während des Baus von U-Boot-Motoren zu beaufsichtigen hatte, lehrte ihn den Respekt vor allen Menschen. Das saß in Löhrers Kopf, erreichte aber erst dann seinen Verstand, als er im Zivildienst ohne Ausbildung 24 kranke Menschen acht Stunden am Tag zu betreuen hatte. Oft auf sich gestellt, experimentierte der junge Mann mit der Dosierung der Medikamente, damit die Patienten nicht dahindämmerten - aus Verantwortung, wie Löhrer sagt, der nach gängiger Methode an der Größe und Weite des Schriftbildes der Patienten ihren Zustand ablas. Zu ihrer Würde sollte auch mehr als ein Satz Wäsche pro Woche gehören. Er setzte sich damit durch. Doch den Patienten zu vermitteln, dass sie nicht nur freitags, sondern auch dienstags duschen sollten, dauerte länger. Ich bin da mit Mitleid rangegangen, erinnert sich der 53-Jährige, das war ein Fehler. Mitleid bildet Stufen, das ist die kultivierte Form der Verachtung. Gerade deshalb: Mehr als 30 Jahre später sagt Löhrer einen Satz, wie man ihn aus sonntäglichen Managerreden kennt: Menschen sind nicht einfach Kostenträger, sondern das höchste Investitionsgut eines Unternehmens. Ihm nimmt man das ab.
Studium als angestellter Organist finanziert
Das hat auch mit der Glaubwürdigkeit des Unternehmens zu tun, an dessen Spitze Löhrer seit einem Jahr steht. Als Flachbildschirme populär wurden, zögerten viele Kunden. 2003 halbierte sich der europäische Markt für Loewe. Aus einem zweistelligen Millionengewinn wurde ein ebensolcher Verlust. Zur Sanierung gehörte ein zehnprozentiger Gehaltsverzicht auf allen Ebenen - und das Versprechen, einen Teil des Geldes an die Mitarbeiter zurückzuzahlen, wenn es dem Unternehmen wieder bessergeht. Heute geht es Loewe besser. Die Mitarbeiter haben ihr Geld bekommen, großzügig verzinst.
Es war nicht absehbar, dass Löhrer sich eines Tages als menschenfreundlicher Manager zitieren lassen würde. Eigentlich schien sein Leben auf eine Karriere als Musiker hinauszulaufen. Mein Vater hat im Aachener Domchor gesungen, sein Vater hat im Aachener Domchor gesungen, ich habe im Aachener Domchor gesungen. Es gab also eine gewisse musikalische Tradition. Die Begeisterung haben sein Opa und der Lehrer Neuhaus in der zweiten Klasse geweckt. Opa redete manchmal vom Wunderkind Mozart. Ich dachte: Mensch, wenn der das konnte . . . Da legt Löhrer eine Kunstpause ein, wartet die Lacher ab - und winkt ab. Nein, nein, ich habe mir nur Notenpapier gekauft und begonnen, darauf zu kritzeln. Der Lehrer half, das Gekritzel zu systematisieren, und animierte Löhrer, ein Instrument zu lernen. Es wurden vier: Flöte, Klavier, Cello, später Orgel. Sein Studium finanzierte er als angestellter Organist in einer Kirchengemeinde.
Der jugendliche Löhrer hatte Talent, seine Kompositionen wurden in der Anna-Kirche in Aachen aufgeführt - gemeinsam mit denen von Karlheinz Stockhausen. Dieses Enfant terrible der Neuen Musik, einer der eigensinnigsten Komponisten des 20. Jahrhunderts, wurde Löhrers Freund. Die Musik ist heute nur noch sein Hobby.
Am zweiten Abend habe ich ihr einen Heiratsantrag gemacht
Eine schwere Krankheit des Vaters veränderte Löhrers Leben. Er überlebte durch die Herz-Lungen-Maschine, 1974, da stand ich kurz vor dem Abi. Mit meiner Musik konnte ich bei ihm nichts bewirken, erklärt er seinen Richtungswandel als nahe liegenden Schritt. Als Junge schon hatte er diesen Traum vom Vermessungsingenieur. Damals wurde in Aachen die Straße in Richtung Belgien ausgebaut, und die Männer waren für mich wie für andere die Lokomotivführer. Der Vater eines Freundes, Professor für Maschinenbau, ermunterte ihn, an die RWTH Aachen zu kommen. Löhrer wollte Maschinen bauen wie die, die seinen Vater am Leben hielten.
Nach einem flotten Studium lernte er am Institut für Thermodynamik den Entwicklungsleiter von Thyssen kennen. Löhrer wurde sein Assistent, der Stahlmanager Helmut Borggrefe sein Mentor. Die Beziehung trägt bis heute. Es war eine günstige Lebensphase, um wichtige Menschen kennenzulernen. Seine Frau zum Beispiel. Am zweiten Abend habe ich ihr einen Heiratsantrag gemacht. Sie hat drei Jahre lang nein gesagt. 1986, als sie mit ihrem Ökotrophologie-Studium fertig war, sagte sie ja. In den ersten Jahren danach bekam das Paar drei Töchter. Aus einer früheren Beziehung stammt Löhrers Sohn. Der ist bald 30, arbeitet bei Porsche: Ingenieur, TH Aachen - hat im Aachener Domchor gesungen.
Ich glaube nach wie vor, New York ist meine Stadt
Beruflich ging es früh steil bergauf. Mit 27 bekam Löhrer seine erste Stelle als Betriebsleiter in Bochum, dennoch hielt es ihn nur ein paar Jahre bei Thyssen. 1985 war Schluss. Einen Schleifer nennt er seinen damaligen Chef. Wenn man 99 Dinge toll machte, zerriss er einen für das hundertste, aber gnadenlos. Das fand er nicht fair.
Außerdem wollte Löhrer nach Amerika. Da sah er eine Anzeige in der F.A.Z.: Wacker Chemie suchte Projektingenieure. Thyssen war erbost, der Vorstand zitierte ihn nach Essen, und schlug vor, die Bewerbung zurückzuziehen. Im Gegenzug sollte er für die gesamte Mikroelektronik der Thyssen-Gruppe zuständig werden. Aber die hatten's verspielt, zu spät. Als Löhrer nach sechs Monaten Kündigungsfrist seinen neuen Job antreten wollte, kam das Amerika-Projekt nicht zustande. Löhrer blieb nur Logistik, in Deutschland, eine Enttäuschung. Das nagte an ihm. So wie der Dienst nach Vorschrift. Er wurde um Viertel vor vier vom Werksschutz hinauskomplimentiert, weil er nicht mehr versichert sei. Also blätterte er wieder in der Zeitung und stieß auf den Leuchtenhersteller Zumtobel in Österreich, der einen strategischen Planer suchte. Das endlich brachte ihn für drei Jahre nach Amerika.
Die Zeit in Übersee hat den jungen Familienvater nachhaltig beeindruckt: Ich glaube nach wie vor, New York ist meine Stadt. Ihn berauschte dieses Leben voller Geschwindigkeit. Dort wurde auch seine zweite Tochter geboren. Und als wäre das nichts, machte Löhrer berufsbegleitend den MBA im britischen Henley-College. Das Programm war für vier Jahre angelegt, Löhrer raste in 13 Monaten hindurch. Vier Uhr morgens aufstehen und lernen bis sieben, tagsüber arbeiten und abends wieder zurück an den Schreibtisch. Während der Abschlussfeier wird er als einer der drei Besten ausgezeichnet. 35 war er jetzt - starker Wille, viel Kraft.
Doppelhaushälfte statt Villa
Löhrer sammelt Erfolge, das führt schon mal zu medialen Beschreibungen, wie sie stereotyper kaum sein könnten. Begeisterter Hobbykoch? Nee, winkt er ab, ich esse gerne gut, das ist alles. Weinkenner? Na ja, ich sage, der eine schmeckt, der andere nicht. Villa? Eine Doppelhaushälfte. Ihm fehlt sogar der Hang zum Langstreckenlauf, ohne den so viele Managerkollegen nicht auszukommen glauben. Löhrer witzelt: Ich bin ganz normal, ich gehe sogar aufs Klo.
Oper und Konzerte, dafür gibt Löhrer sein Geld aus. In New York hatten seine Frau und er ein Abo der Metropolitan Opera, der Carnegie Hall und eines für die New Yorker Philharmoniker. Da haben wir wirklich jeden freien Cent reingesteckt. Das machen sie heute noch: Bayreuth, Salzburg, Bregenz. Löhrer hat Jürg Zumtobel, seinem zweiten Mentor, immer wieder vorgehalten, dass er nicht länger in Amerika bleiben durfte. Doch der setzte ihn als Leiter des Konzernstabs in Vorarlberg ein. Dort musste der Ingenieur mit Erfahrungen als kaufmännischer Geschäftsführer der Zumtobel-Tochter Staff den Vertrieb neu organisieren. Das war wichtig, denn es galt, auch unangenehme Themen zu lernen, am Ende waren 100 Mitarbeiter weniger dabei.
Idiotes will ich nicht sein
Auf Dornbirn folgten Lemgo, Düsseldorf, München, Nagold, Kronach. Auf Leuchten folgten Brillen, Möbel, Fernseher, auf Zumtobel Rodenstock, Rolf Benz, Loewe. Immer neue Orte, Namen, Rollen. Den roten Faden strickt Löhrer heute so: Markennamen, Kundenorientierung, internationale Ausrichtung, das seien die verbindenden Elemente. Von strategischer Planung redet er ausdrücklich nicht. Ich bin immer angesprochen worden.
Was ihn treibt, sei der Spaß, sagt Löhrer mit kurzem a und scharfem s, Spass muss er haben. Und gefordert werden bei der Arbeit. Bei Loewe, sagt er, da freue ich mich jeden Morgen. Bald zieht seine Frau nach Kronach. Ich gehe gern durch diese kleine Stadt, da weiß ich, wo ich mein Bier kriege, eine minimalistische Form von Zuhause. Er könnte ein wahrer Bürger werden. Löhrer bemüht das Griechische: Der Polites kennt Gemeinschaftssinn, Einsatz auch für andere. Der Idiotes ist allein Privatmensch, ein Egoist. Idiotes will ich nicht sein.
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Zur Person
Frieder C. Löhrer wird am 6. Januar 1956 in Aachen geboren. In der Grundschule beginnt er zu musizieren, später komponiert er Stücke, die öffentlich aufgeführt werden.
Die Krankheit des Vaters weckt sein Interesse an Medizintechnik, später studiert er Maschinenbau. In Amerika erwirbt er zusätzlich noch den MBA-Titel.
Seine Karriere führt ihn in technischen und kaufmännischen Führungsrollen zu Thyssen, Wacker Chemie, Zumtobel, Rodenstock, Rolf Benz. Seit April 2008 ist er Vorstandschef des Fernsehgeräteherstellers Loewe in Kronach.
Löhrer ist verheiratet und hat einen Sohn und drei Töchter.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Rainer Wohlfahrt / F.A.Z.