Von Holger Appel
15. April 2009 Klaus Schmidt hat gleich zwei Visitenkarten dabei. Multimillionär a.D. steht auf der einen, Unternehmensberater auf der anderen. Er könnte auch ehemaliger Seemann oder Handwerker oder Kfz-Lehrling draufschreiben. Schmidt hat in seinen sechzig Lebensjahren so ziemlich alles ausprobiert, und niemand würde sich für sein unstetes Leben interessieren, wäre da nicht diese unglaubliche Geschichte. Als nichts mehr ging, spülte ihm das Schicksal fünf Millionen Mark in die Kasse, die er in die Spielbank trug, bis alles weg war. "Alle Menschen sind klug. Die einen vorher, die anderen nachher", zitiert seine Multimillionär-Karte Voltaire. Schmidt hat zwei Jahre gebraucht, um klug zu werden. Zwei Jahre, in denen er alles verspielt hat.
Die Männer vom Amt, die ihm anschließend Sozialhilfe gewähren sollten, haben ihm die Geschichte nicht geglaubt, waren sich sicher, dass von den Millionen noch etwas auf Konten in Luxemburg oder in Großbritannien lag. Und seine Geschichte klingt in der Tat unglaublich. Doch Schmidt hat vor Gericht geklagt und obsiegt. Jetzt zieht er durch die Lande und erzählt. "Ich hätte mich nie so erniedrigt", versucht er die Zweifel zu zerstreuen, begleitet von seinem inzwischen 33 Jahre alten Sohn, der berichtet, das alles sei sehr belastend gewesen. "Eine schwierige Zeit."
New York interessanter als Ölwechsel an der Isetta
Klaus Schmidt verlässt mit 15 Jahren die Hauptschule in der Gewissheit, in der nächsten Klasse sitzenzubleiben. Den Abschluss schafft er nicht, "weil ich lieber mit Flößen am Bach im Wald gespielt habe. Ich war der schlechteste von 800 Schülern." Die Berufsaussichten sind entsprechend, doch seine Mutter bekommt von drei Werkstätten einen Anruf. "Die Zeiten waren damals so, Anfang der Sechziger", sagt Schmidt. Er beginnt seine Lehrzeit bei BMW und merkt schnell, dass das "nicht meine Welt ist. Ich fand, dass eine Fahrt nach New York interessanter ist als ein Ölwechsel an einer Isetta." Er wirft seine Ausbildung hin und heuert bei einer Reederei in Bremen an, auf dem damals größten Passagierschiff. Schmidt erfreut sich, obgleich einfacher Page, an seiner schicken Uniform und den guten Umgangsformen an Bord. Nach sechs Jahren ist es mit der Herrlichkeit vorbei. "Da bin ich gekündigt worden, weil ich an Bord mit einer kleinen Inderin rumgeknuddelt habe." Ein Freund empfiehlt ihm einen Fischdampfer, da könne man gutes Geld verdienen. Schmidt berichtet von ruppigen Umgangsformen an Bord, von einer Vergewaltigung vor seinen Augen, wie ein Koch über Bord ging, von Handgreiflichkeiten. "Auch an schlechten Erfahrungen wächst man. Ich bin in dieser Zeit durchsetzungsfähig geworden und nicht mehr so leichtgläubig." Er macht einen Schnitt, geht für immer von Bord, schlägt sich mit Gelegenheitsarbeiten durch, einige Jahre lang.
Schiffsreiniger mit Faible für Juristerei
1974 holt er in einer Kneipe eine Cola an der Bar, kommt ins Gespräch mit einer Dame, die am nächsten Morgen vor seiner Tür steht und sagt: "Wo du hingehst, da gehe ich mit." Ein Jahr später kommt sein Sohn zur Welt, den der Vater wegen einer Erkrankung der Mutter lange Zeit aufzieht. Mit seinen Haaren fast bis zur Hüfte ist er die Attraktion in den Kinderarztpraxen. Den Kinderwagen schiebt er regelmäßig an einer Buchhandlung vorbei, was ihn auf die Idee bringt, dort einen Schönfelder zu kaufen, die deutsche Gesetzessammlung. "Ich hatte ein Faible für die Juristerei. Da habe ich mich eingelesen und Freunde und Bekannte vor dem Arbeitsgericht vertreten. Das hat Spaß gemacht, wenn ich als Laie Prozesse gewonnen habe." Geld verdient er damit kaum, er arbeitet einigermaßen regelmäßig als Schiffsreiniger, was "ein elender Job war, vor allem im Winter".
Der Buchhändler ist es, der Schmidt überredet, sich selbständig zu machen. Er übernimmt einen insolventen Hundesalon und hängt ein Schild an die Wand: Holz und Bautenschutz. Viereinhalb Jahre hält sich die Firma mit zeitweise zehn Angestellten, "dann musste ich wegen läppischer 3000 Mark Krankenkassenbeiträge Konkurs anmelden, weil ich Subunternehmer eines pleitegegangenen Bauträgers war". Er arbeitet in einer Werbeagentur, bis die in Schwierigkeiten gerät. Und er denkt: "Das kann ich auch selbst. Ich hatte allerdings kaum eine Wahl, denn ich hatte mal wieder nix." Vier Jahre macht er Vertrieb und Anzeigengeschäft für eine SPD-Zeitung, organisiert Leserreisen. Reich wird er damit nicht. "Ich habe nie den Durchbruch geschafft."
Herr Putz vom Fernsehen verschafft den Durchbruch
Dann spricht ihn sein Freund Peter Kautz an, ob er ihm bei einem Handelsgeschäft behilflich sein könne. Sozusagen als Unternehmensberater. Es geht um die Vermarktung eines Küchengeräts, welches Kautz und ein Geschäftspartner aus England importieren: ein Gerät, das, äußerlich einer Kaffeemaschine ähnlich, auf Knopfdruck dem eingefüllten Trinkwasser Kohlensäure beimischt. Das soll das Schleppen von Getränkekisten ersetzen, zudem ist der Preis für einen Liter Mineralwasser um die Hälfte niedriger. Allerdings soll das Gerät 259 Mark kosten. "So richtig überzeugt war ich von dem Gerät mit Namen Gemini nicht. Da ich im Februar 1993 aber mal wieder keinen Job hatte, ließ ich mich breitschlagen und machte bei dem Abenteuer mit", sagt er, für ein Beraterhonorar von 500 Mark im Monat. Die Vermarktung klappt nicht, die Firma türmt 100.000 Mark Schulden auf. Kautz will zum Konkursrichter, doch Schmidt handelt eine weitere Woche heraus. "Ein Wunder musste her", erinnert er sich. Dann ruft "ein Herr Putz an", wie die Sekretärin ausrichtet. Tatsächlich ist es Jean Pütz von der "Hobbythek", der den Gemini in seiner Fernsehsendung im WDR vorstellen möchte. Danach geht der Sodastream Gemini ab wie eine Rakete. Binnen fünf Jahren wächst die Firma von drei auf 70 Mitarbeiter, der Jahresumsatz steigt von quasi null auf 67 Millionen Mark. Schmidt berichtet von Arbeit rund um die Uhr, Vierzehn-Stunden-Tagen. Das habe seiner Gesundheit geschadet, so sehr, dass er eines Tages im Jahr 1998 Kautz fragt, ob der die ihm inzwischen übertragenen Firmenanteile zurückkaufen wolle. Schmidt bekommt fünf Millionen Mark.
"Wenn man damit schön haushaltet, sollte das langen", denkt er sich. "Aber das ist dann nicht so gut gelungen." Er kauft sich ein Ferienhaus in Holland am Meer, einen Jeep, ein Boot, macht "erst mal die Beine lang". Ein paar Wochen hält er das aus, bis er merkt, dass Freunde seine Einladungen ausschlagen, weil die arbeiten müssen. "Da wurde mir klar, dass ich mit Arbeit nichts mehr zu tun habe. Ich saß auf meinem Schiff, und da saß ich dann halt. Ich hätte es nicht für möglich gehalten, dass man alles haben kann, aber nicht zufrieden ist. Aber so war es. Ich hatte keine Adrenalinstöße mehr. Mir fehlte eine Aufgabe. Ich bin aufgrund des Geldes vereinsamt."
Von der Spielbank zum Sozialamt
Auf einer Fahrt zu seinem Sohn kommt er an einer Spielbank vorbei, geht rein, das erste Mal aus Neugier, wie er sagt. Es folgen zwei Jahre Spielsucht, in denen er hauptsächlich in der "mich nach allen Regeln der Kunst hofierenden" Spielbank Bremen alles verspielt. Er lässt sich "sperren", lungert aber am Tor herum, steigt an dem für ihn reservierten Parkplatz aus seinem Jeep, wird wieder an den Tisch gebeten und verliert weiter. "Ich hatte manchmal 40.000 Mark dabei. Die waren dann an einem einzigen Tag weg", sagt Schmidt. Er berichtet von einem völligen Verlust von Raum und Zeit, kommt nur noch für wenige Stunden zum Schlafen nach Hause. Sein Sohn sagt, der Vater sei für nichts anderes mehr zugänglich gewesen. Schmidt verliert Geld, Auto, Haus und alle sozialen Kontakte. "Das war eine schlimme Zeit", sagt er heute. Die Spielbank hat er verklagt, erfolglos. Er landet beim Sozialamt. "Ende des Jahres 2000 war ich wieder bei null." Schmidt schlägt sich durch, wie früher. Eine Arbeitsstelle findet er jahrelang nicht. "Ich konnte mich nirgends mehr eingliedern."
Seit Sommer 2008 aber bezieht er keine staatliche Unterstützung mehr. Schmidt hat sich wieder auf den Weg gemacht, auf einen selbständigen mit ungewissem Ausgang, wie so oft zuvor. Er ist jetzt Unternehmensberater, hat ein paar Aufträge, die ihn ernähren. Er hat ein Buch über seine Geschichte geschrieben. Wie hoch die Erträge daraus sein werden, weiß er nicht, wie er sagt. Die Tantiemen hat er zu 75 Prozent seinen Söhnen versprochen. Es sei nicht der schnöde Mammon, der ihn antreibe. "Meine Intention ist vielmehr, nachdem ich wieder Energie getankt habe, dafür zu kämpfen, dass die Legislative einen anderen Weg bei der Gesetzgebung im Bereich des Glücksspiels in Deutschland einschlägt. Und ich will beruflich Gescheiterten Mut machen, ihnen zeigen, dass man auch nach einem solchen finanziellen Desaster nicht verzweifeln muss. Es gibt auch ein Leben nach den Millionen.
Zur Person:
-Klaus Schmidt wird im November 1949 in Hagen geboren. Er wächst in Bremerhaven auf.
-Mit 15 Jahren verlässt er die Hauptschule ohne Abschluss. Anschließend fährt er für einige Jahre zur See. Danach gründet er Firmen, geht in Konkurs, macht sich wieder selbständig, scheitert abermals.
-Mit einem Freund gerät er an das Geschäft seines Lebens. Er vertreibt eine Mineralwasser-Sprudelmaschine und wird reich. Seine Anteile verkauft er für 5 Millionen DM.
-Das Geld verspielt er innerhalb von zwei Jahren in der Spielbank. Im Jahr 2000 ist er wieder bei Null, lebt von der Sozialhilfe. Seit Sommer 2008 steht Schmidt wieder auf eigenen Füßen. Jetzt ist er Unternehmensberater und Buchautor.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Helmut Fricke, privat
Analyst für das Forderungsscoring System (m/w), Ref.-Nr. 106283/9
Michael Page International (Deutschland) GmbH
DIPL.-ING. / DR. ING. FÜR DIE WERKSTOFF- UND PROZESSENTWICKLUNG (M/W), Ref.-Nr. EHSD133099
Michael Page International (Deutschland) GmbH
ENGINEERING, PROJECT & DESIGN MANAGEMENT OPPORTUNITIES (M/W), Ref.-Nr. FFMA133119