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Berufswege

Zwei Techniker, zwei Leben

Von Georg Küffner



Der eine verantwortet die Produktion hochkomplexer mechanischer Uhren
25. April 2008 
Die Gegensätze könnten nicht größer sein: Während Tino Bobe bei A. Lange & Söhne im sächsischen Glashütte die Produktion hochkomplexer mechanischer Uhren verantwortet, steht Uwe Hinrichs für den reibungslosen Zusammenbau eines der größten je realisierten Puzzles in der Pflicht: Hinrichs baut den Burj Dubai Tower, der nach seiner Fertigstellung mit einer Höhe von 808 Metern zumindest vorübergehend das höchste Bauwerk der Welt sein wird. Arbeitgeber von Hinrichs ist die Arabtec Construction (L.L.C.), der 1975 gegründete und mittlerweile wichtigste Bau- und Ingenieurkonzern der Vereinigten Arabischen Emirate.

Bobe und Hinrichs sind beide Techniker. Das zumindest haben sie gemeinsam. Viel mehr aber auch nicht. Denn ihre Ausbildungen verliefen so unterschiedlich, wie es ihre heutigen Tätigkeiten sind. So hat der nur wenige Kilometer von seinem heutigen Arbeitsplatz entfernt geborene und aufgewachsene 39 Jahre alte Bobe einen eher "klassischen" Ausbildungsweg absolviert: Er lernte Werkzeugmacher, besuchte nebenher das Abendgymnasium, um dann an der TU Dresden am Institut für Feinwerktechnik der Fakultät Elektrotechnik zu studieren. Zu diesem Zeitpunkt wusste er von den Geheimnissen mechanischer Uhren noch wenig. Auch seine an der Staatlichen Ingenieurschule für Mechanik und Mikrotechniken (Ecole Nationale Supérieure de Mécanique et des Microtechniques, ENSMM) in Besançon geschriebene Diplomarbeit hatte noch keinen Bezug zu seiner heutigen Tätigkeit, wie er sich auch während seiner ersten Berufsjahre nicht mit Uhren, sondern vielmehr mit der Elektronenstrahl- und Plasmatechnik befasste.

Von der Idee zum verkaufsfähigen Produkt

Der andere baut mit am höchsten Turm der Welt, dem "Burj Dubai"

Erst als ihm A. Lange & Söhne vor neun Jahren anbot, bei ihnen als Konstrukteur anzufangen, startete er seine Uhrenkarriere, die ihn mittlerweile auf eine Schlüsselstelle im Unternehmen geführt hat. Ist er doch, wie er erklärt, dafür zuständig, dass aus den von den Entwicklern der Manufaktur erdachten und bis zum Prototyp gebrachten neuen Uhrenkonzepten verkaufsfähige Produkte werden.

Rund 230 Mitarbeiter stehen Bobe für diese Aufgabe zur Seite. Hinter der Tür mit dem Schild "Teilefertigung" bedienen sie Präzisionsmaschinen, die aus dem Rohmaterial - einer speziellen Metalllegierung - sogenannte Unruhkloben, Nivarox-1-Spiralen und Rotoren herausbohren und -fräsen. Das Ganze erinnert mehr an ein medizinisches Labor als an eine normale Metallwerkstatt.

Ähnlich feinteilig geht es weiter. Die Winzlinge werden entgratet und von Verunreinigungen befreit, um dann im Raum nebenan von Mitarbeitern in Empfang genommen zu werden, die sich um die sogenannte Finissage kümmern. Die Platinen, Zahnräder und Kleinteile bekommen hier eine Art Schmuckschliff, der technisch zwar nicht notwendig ist, aber edel aussieht. Danach wird zusammengebaut. 120 Uhrmacher setzen aus bis zu 600 Teilen die Uhren zusammen, wobei ihr Hauptaugenmerk dem Uhrwerk, dem Herz der Uhr, gehört. Das wird geeicht und auf Unwuchten untersucht. Anschließend wird das "mechanische Wunder" noch einmal komplett zerlegt und wieder zusammengebaut. Die Einzelteile sollen sich aneinander gewöhnen können.

Völlig andere Dimensionen

Nicht nur die völlig anderen Dimensionen stehen für den Unterschied zwischen der Tätigkeit eines Uhren- und eines Hochhausbauers. So denkt Uwe Hinrichs in Metern und Zentimetern und nicht wie Bobe in Tausendsteln. Er muss auch mit extremen Witterungsbedingungen zurechtkommen. Temperaturen im Sommer von bis zu 50 Grad sind möglich, so dass nicht nur aus Terminnot auch nachts ein reges Treiben auf der Baustelle in Dubai herrscht.

Am Fuß des mittlerweile 630 Meter in den Himmel ragenden Solitärs sitzt Hinrichs in seinem Büro, in der klimatisierten "Baubude", und koordiniert die etwa 300 Monteure, Gerüstbauer und Kranfahrer. Er muss darauf achten, dass diese immer an der richtigen Stelle sind und es den Dutzenden von Zulieferern ermöglichen, die ihnen übertragenen Arbeiten auch leisten zu können. Nichts ist so knapp auf der Baustelle wie Lagerplatz, sagt Hinrichs. Für den 800-Meter-Turm stehen ihm rund um den Wolkenkratzer nur Abstellflächen für einen knapp 300 Meter hohen Turm zu Verfügung. Hier müssen nicht nur die Stahlelemente für die Turmspitze, die Rohrleitungen für die Be- und Entwässerung, die Elemente der Klimatechnik, sondern vorübergehend auch die knapp 23 000 Fenster- und Fassadenelemente abgestellt werden, mit denen der aus Stahlbeton gebaute Rohbau des Burj Dubai verkleidet wird.

Damit diese Koordination reibungslos funktioniert, werden Netzpläne erstellt und ständig aktualisiert. Das leisten Rechnerprogramme. Auf der Baustelle nutzt Hinrichs aber auch immer wieder gerne auf großen Bögen ausgedruckte Montagepläne, in die farbig die jeweiligen Bauzustände eingetragen werden. Auf einen Blick kann man sich so einen Überblick verschaffen, und auch die Kommunikation mit den aus rund einem Dutzend unterschiedlicher Ländern kommenden Mitarbeitern wird erleichtert.

Doch bei allen technischen Hilfen, die heute auf Großbaustellen genutzt werden, ist Erfahrung durch nichts zu ersetzen. Und das ist das Pfund, mit dem der 66 Jahre alte Hinrichs wuchern kann. Denn nachdem er sich nach dem Abitur erst als Schiffskaufmann und dann bei einem Bremer Bauunternehmen mit der damals noch in den Kinderschuhen steckenden Datenverarbeitung vertraut gemacht hatte, zog es ihn bereits Mitte der siebziger Jahre auf Auslandsbaustellen.

Sein damaliger Arbeitgeber baute eine Auslandsabteilung auf. Hinrichs installierte das notwendige Logistikkonzept und arbeitete am ersten großen Auslandsprojekt mit. Im Rahmen eines Weltbankauftrags baute er eine Straße von Ghanas Hauptstadt Accra nach Takoradi im Westen des Landes. Es folgte ein Betonfertigteilewerk in Kuweit. Danach verschlug es ihn nach Dubai, wo er als Verbindungsmann zu Arabtec arbeitete und sich dabei das "Rüstzeug" für seine heutige Tätigkeit aneignete. Dutzende Projekte hat er bis heute in Dubai, Abu Dhabi und Jordanien abgearbeitet. So wirkte Hinrichs allein in Dubai an mehreren Hotelneubauten mit, darunter das Luxushotel Burj Al Arab, das Hilton Dubai Creek und das Emirates Palace Hotel.

„Nachwuchskräften mangelt es an praktischen Erfahrungen“

Trotz unterschiedlicher Ausbildungswege und Aufgabenbereiche - in einem Punkt sind sich Hinrichs und Bobe einig: Nachwuchskräften mangele es an praktischen Erfahrungen. So beklagt der Turmbauer aus Dubai, dass, soweit er das beurteilen könne, während des Bauingenieurstudiums viel zu wenig von dem vermittelt werde, was später auf Großbaustellen an Herausforderungen auf die jungen Leute zukomme. Bobe geht sogar noch einen Schritt weiter, wenn er sagt, dass Nachwuchskräfte mitunter kaum Verständnis für "praktische Arbeit" mitbrächten und es ihnen schwerfalle, von der im Studium angeeigneten Theorie auf die Praxis im Unternehmen umzuschalten. Irrtümlicherweise gingen zahlreiche Absolventen der Fachhochschulen und Universitäten davon aus, nach Abschluss des Studiums "fertig" zu sein. Sie seien auch wenig kritisch sich selbst gegenüber. Nur ganz selten würden sie Wissenslücken offen eingestehen, sie scheuten sich, Fragen zu stellen.

Nur wer bereit sei, ständig sein Wissen zu erweitern und bei der Suche nach Lösungen bewusst im Denken Grenzen zu überschreiten, der könne im Beruf erfolgreich sein, sagt Bobe. Stehvermögen, Durchsetzungskraft und die Fähigkeit, hartnäckig die gesteckten Ziele zu verfolgen, seien wichtiger denn je. Mit zunehmender Globalisierung würden zudem Sprachkenntnisse und die Offenheit anderen Kulturen gegenüber an Bedeutung gewinnen. Leidenschaft für Job und Produkt - das ist es, worauf es nach Bobes Ansicht ankommt.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, dpa/dpaweb
 
 
   
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