13. Mai 2008 Es soll wohl was geben an diesem Freitag, hat er gehört. Die Leute haben "ein bisschen was" vorbereitet, sagt Götz Werner und grinst. Wie das eben so ist, wenn der Chef nach einer halben Ewigkeit von Bord geht. Wenn die Sause losgeht, wird Werner sein Büro schon geräumt haben. Auf eigenen Wunsch, wohlgemerkt. Dabei hätte er die Räumlichkeit in der Karlsruher Zentrale des Drogeriemarktkonzerns dm auch weiterhin beziehen können. Schließlich wird er einer der beiden Gesellschafter und damit auch als Aufsichtsratsmitglied dem Unternehmen verbunden bleiben. Wohl niemand hätte dem Firmengründer einen dementsprechenden Wunsch also abschlagen mögen. Aber das kam für Werner nicht in Frage. Denn es geht dabei um mehr als um die bloße Frage von Räumlichkeiten. Es geht um die Insignien der Macht.
"Das Ganze hat eine sozialhygienische Bedeutung", so hört sich das aus Werners Mund an. Die Leute sollen sehen: Der Herr Werner, der sitzt da jetzt nicht mehr. Vielleicht werde ja ein Besprechungszimmer draus gemacht, der Raum liege so zentral. Aber das soll die neue Geschäftsleitung entscheiden, sagt Werner und zuckt mit den Achseln. Einen Mann, der in wenigen Tagen sein Lebenswerk aus den Händen gibt, stellt man sich irgendwie anders vor. Der 64 Jahre alte Unternehmer wirkt zumindest nach außen hin äußerst aufgeräumt. Sein Rückzug aus dem operativen Geschäft vollziehe sich ja schon seit mehreren Jahren. Diese Entscheidung habe er selbst aus freien Stücken getroffen, er spricht von einem "organischen Vorgang".
Realträumer mit Phantasie
Annähernd 30.000 Arbeitsplätze, ein Umsatz von fast 4 Milliarden Euro im Jahr, die Nummer zwei in der Branche - die Bilanz von Werners Schaffen innerhalb von 35 Jahren liest sich eindrucksvoll. Seine Stimme klingt jedoch ernst, als er sagt: "Wenn einem im Laufe seiner Biographie eine so große Verantwortung zugewachsen ist, muss man sorgfältig auf den Punkt der Übergabe hinarbeiten." Deshalb glaubt er, dass er innerlich befreit sein wird, wenn er den Stab an seinen Nachfolger übergeben hat. Probleme mit dem Loslassen? Energisches Kopfschütteln. Die habe er nie gehabt. Schließlich bestand fast sein ganzes Berufsleben daraus, etwas an andere abzugeben.
Denn im Jahr 1973, als er mit 29 Jahren seinen ersten Drogeriemarkt in Karlsruhe eröffnet, da macht er in seinem Einmannbetrieb logischerweise noch alles selbst. Er ist überzeugt von seinem neuen Vertriebskonzept, anders als sein bisheriger Arbeitgeber. Dem war die Idee nicht geheuer, aus den kleinen Drogerielädchen größere Märkte zu machen. Deshalb wagt Werner den Schritt in die Selbständigkeit. Obwohl er am Beispiel des elterlichen Betriebes gesehen hat, wie schnell solch eine Unternehmung in der Pleite enden kann. Aber solche Ängste kennt der junge Mann nicht, er ist von seinem Plan überzeugt. "Realträumer", so nennt Werner die Spezies der Unternehmer. Sie sähen Dinge schon vor sich, die für andere noch Fiktion seien. Und dann zaubert er, was er gerne tut, das passende Zitat aus dem Hut. Diesmal stammt es aus Hermann Hesses "Stufen": "Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft, zu leben."
Der Anti-Schlecker
Dieser Zauber gibt ihm die Kraft, seine Idee vom Drogeriemarkt erfolgreich am Markt zu behaupten, wider alle Unkenrufe und Pessimisten, von denen er sich umringt fühlt. Sein Unternehmen wächst rasant. Und es wächst ihm eigentlich permanent über den Kopf, wie er sagt. In solchen Phasen hilft ihm das Zutrauen in seine Mitarbeiter. Zutrauen bedeutet für ihn, es darauf ankommen zu lassen, wie der andere sich verhält. Von Leitsätzen wie "Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser" hält Werner nichts. Das entspricht nicht seinen Vorstellungen von Unternehmenskultur.
Er versteht schnell, dass er Kundenservice seinen Mitarbeitern nicht aufoktroyieren kann. Deshalb lässt er den Angestellten in den heute rund 1000 Filialen viel Gestaltungsspielraum. Sie können Sortimente bestimmen und teilweise sogar die Gehälter festlegen. Selbst kampferprobte Gewerkschaftsführer finden an der Unternehmensführung des gebürtigen Heidelbergers kaum etwas zu mäkeln. Werner wird mit der Zeit zum Antipoden des Wettbewerbers Anton Schlecker, der immer wieder für die Zustände in seinen Läden an den Pranger gestellt wird. Während sich Schlecker in der Öffentlichkeit so rar macht, dass die Zeitungen über Jahre hinweg stets dasselbe, weil einzige Foto herauskramen, stellt sich Werner offen dem Diskurs mit der Öffentlichkeit.
Vor allem das deutsche Steuersystem ärgert ihn. Warum, fragt er sich schon als Jungunternehmer, werden die jungen, innovativen Unternehmen mit niedriger Liquidität so stark belastet? "Wir besteuern den Leistungsbeitrag und zu wenig die Leistungsentnahme." Was wäre, wenn statt der Erträge stärker der Konsum besteuert würde? Während der achtziger Jahre beschäftigt er sich mit einer Idee, der auch der Ökonomie-Nobelpreisträger Milton Friedman nachgehangen ist: dem Grundeinkommen. Die Idee ist simpel: Jedem Bürger, egal, ob alt oder jung, beschäftigt oder arbeitslos, gesund oder krank, steht derselbe Grundbetrag vom Staat zu. Im Gegenzug werden die öffentlichen Transfer- und Steuersysteme radikal zurückgefahren. Götz Werner lässt diese Idee nicht mehr los.
Wir denken doch noch wie Proletarier
Im Laufe der Jahre entwickelt er einen ganzheitlichen Ansatz, den er in seinem Buch "Einkommen für alle" erläutert. Die Idee schlägt hohe Wellen, denn sie besticht vor allem durch ihre Radikalität und ihre Verständlichkeit. Werner wird in Interviews nach der Machbarkeit gefragt, soll Zahlen nennen. Er spricht von einem Grundeinkommen von anfangs 800, später vielleicht 1500 Euro im Monat. Im Gegenzug soll die Mehrwertsteuer sukzessive auf bis zu 50 Prozent angehoben werden. Schnell rechnen Experten das Modell durch - nicht machbar, heißt es vielerorts. Dieser "Finanzierungsvorbehalt" ärgert Werner, das sei immer das Totschlagargument, wenn man sich mit einer Idee nicht auseinandersetzen wolle. Für ihn gehe es zurzeit noch gar nicht um konkrete Rechenmodelle. Er will für seine Ideen werben, Leute davon überzeugen, dass es machbar ist, etwa das Einkommen von der Arbeit abzukoppeln. "Wir denken doch noch wie Proletarier", sagt Werner: arbeiten, um ein Einkommen zu haben. Künftig werde aber das Einkommen gezahlt werden, damit Menschen überhaupt an der Gesellschaft teilhaben können - auch an der Arbeit. Davon ist er überzeugt. Erst dann könne man überhaupt von einem frei funktionierenden Arbeitsmarkt sprechen, auf dem ein Anbieter von Arbeitskraft etwas tun oder lassen könne. Heute seien viele Leute gezwungen, eine Arbeit anzunehmen, nur damit sie ein Einkommen hätten.
Für seine Ideen wirbt Werner in Vorträgen und Interviews, für die er seit Jahren durch die Republik reist. In Fernsehinterviews erlebe er regelmäßig dasselbe, erzählt er. Während die Interviewer seinem Konzept oft sehr kritisch gegenüberstünden, kämen nach Drehschluss viele der Maskenbildner, Kameraleute und sonstigen Mitarbeiter zu ihm und ermunterten ihn, an der Sache dranzubleiben. "Die sind nämlich meistens freie Mitarbeiter und wissen genau, wovon ich rede.
Im Wahlkreis von Walter Riester
Dass die Zeit für das Grundeinkommen spielt, davon ist er angesichts einer immer flexibleren Arbeitswelt überzeugt. Stundenlang kann er über das Thema reden, Hintergründe aus seiner Sicht erklären. Sein überwältigender Erfolg als Unternehmer, der ihn mit einem geschätzten Privatvermögen von einer Milliarde Euro auf den einschlägigen Ranglisten unter die reichsten Deutschen katapultiert hat, verschafft ihm die nötige Glaubwürdigkeit, schützt ihn und seine Idee davor, als linke Sozialutopie in einer Schublade zu verschwinden. Man hört Götz Werner zumindest zu. Von einem Austausch mit dem Heidelberger Steuerexperten Paul Kirchhof, dessen radikale Reformpläne Angela Merkel einst fast den Wahlsieg gekostet hätten, berichtet Werner: "Hätte er auch die soziale Komponente im Blick gehabt, wäre er erfolgreicher gewesen."
Für seine Auftritte und Vorträge wird Götz Werner von Freitag an also noch ein bisschen mehr Zeit haben. Dass sein Terminkalender im "Ruhestand" etwas weniger vollgepackt sein wird, glaubt er aber selbst nicht. Im Gegenteil: Jede zweite Referentenanfrage muss er aus Zeitgründen ablehnen. Bisweilen frage er sich schon, ob das nicht ein bisschen viel wird. So wie neulich, als er am Wochenende abends noch im Schwäbischen unterwegs war. Nach seinem Vortrag in Süßen, Landkreis Göppingen, trat der ehemalige Bundesarbeitsminister Walter Riester an ihn heran. Der Sozialdemokrat sei sichtlich angetan gewesen von Werners Auftritt in seinem Wahlkreis. Solch prominente Mitstreiter für seine Idee in der öffentlichen Debatte fehlen Götz Werner bislang noch. Aber dass sie das Grundeinkommen durchsetzt, davon ist er überzeugt. "Eine gute Idee ist wie ein Schwelbrand", sagt er. Lange Zeit nehme man sie kaum war, doch dann entwickle sie eine gewaltige Kraft. Und Zeit zum Zündeln hat er ja bald noch ein bisschen mehr.
Zur Person:
- Götz Werner wird am 4. Februar 1944 in Heidelberg geboren.
- Nach der mittleren Reife macht er eine Ausbildung zum Drogisten. 1963 wird er deutscher Rudermeister im Doppelzweier der Jugend.
- Anschließend arbeitet er in einem Karlsruher Drogerie-Unternehmen. 1973 macht er sich selbständig. Seine dm-Kette steigt zur Nummer zwei der Branche auf.
- Werner engagiert sich für das bedingungslose Grundeinkommen. Er ist Honorarprofessor am Institut für Entrepreneurship der Universität Karlsruhe.
- Götz Werner ist in zweiter Ehe verheiratet, hat sieben Kinder und lebt in Stuttgart.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ddp, F.A.Z.-Foto Rainer Wohlfahrt, picture-alliance/ dpa, picture-alliance/ dpa/dpaweb