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Lang Lang

Muttersprachler der Musik

Von Christian Geinitz



Weltklasse: der chinesische Pianist Lang Lang
08. Januar 2007 
Wenn Lang Lang die Musik als Sprache bezeichnet, dann meint er das nicht im übertragenen Sinne, sondern sehr konkret. „Jedes Kind kann das Musizieren lernen, wie es sprechen, lesen und schreiben lernt: spielerisch, mit viel Nachmachen und Ausprobieren und mit jemandem, der es korrigiert“, sagt der Vierundzwanzigjährige. Nicht jeder könne ein großer Musiker werden, wie nicht jeder ein großer Dichter sei, aber das natürliche Erlernen der Grundfertigkeiten von Sprache und Musik sei sehr ähnlich. Leider jedoch werde in der Welt mehr gesprochen als musiziert, so dass die meisten Kinder zu wenig oder zu spät mit den schönen Tönen in Kontakt träten. „Sie können die Musik dann immer noch erlernen, aber sozusagen nicht mehr akzentfrei“, sagt der junge Chinese und lacht.

Lang Lang selbst, der seinen Namen etwas genant mit „Brillanter Mann“ übersetzt, hat fast die Hälfte seines Lebens in Amerika zugebracht. Er spricht gut Englisch, aber eben nicht fehlerlos oder wie ein Muttersprachler. Viel früher und schneller lernte er die Sprache der Musik. Sein Vater, ein Konzertmeister in einem Orchester für volkstümliche Musik in Shenyang, wohnte mit der Familie in einem Wohnheim für Musiker und Musikstudenten. „Irgendeiner spielte immer ein Instrument oder hörte laut Musik“, erinnert sich Lang. „Die Sänger übten sogar in der Gemeinschaftsküche beim Suppekochen. Man konnte der Musik einfach nicht entgehen.“

Händeringen mit Oliver Kahn und Thomas Gottschalk bei „Wetten dass ...?”

Das wollte der kleine Lang auch nicht, zumal eine weitere frühe Leidenschaft ihn zum Klavier führte: der Zeichentrickfilm. Mit zwei Jahren schaute er eine preisgekrönte Nachkriegs-Produktion aus der Tom-und-Jerry-Serie, in welcher der Mäuserich Jerry im Konzertflügel des Katers Tom zwischen Saiten und Hämmern umherwirbelt. Der kleine Zuschauer wusste lange Zeit nicht, dass dem Katz-und-Maus-Spiel Franz Liszts Ungarische Rhapsodie Nummer 2 zugrunde lag. „Aber mir war klar, dass die Melodie wunderschön war und ich dieses lustige Instrument unbedingt kennenlernen musste.“

Der Vater erkannte Langs musikalisches Talent, seinen Tatendrang, aber auch den Dickkopf, der Klavier lernen wollte und sonst nichts. Bis heute dürfte Lang Lang einer der wenigen gefeierten Pianisten sein, die kein weiteres Instrument beherrschen. „Es hat mich nie gereizt“, sagt er und zuckt mit den Schultern. „Ein Klavier besitzt die Fülle eines ganzen Orchesters, mehr brauche ich nicht.“ Mit der Erhu jedenfalls, seiner chinesischen Kniegeige, konnte Vater Lang den Sohn nicht begeistern. Also kratzte er das Geld für ein Klavier zusammen und gab dem Sohn die ersten Musikstunden selbst. Kaum drei Jahre alt, wurde Lang Lang am Konservatorium von Shenyang angenommen.

Kritisches deutsches Publikum

Beim Ständchen auf einem Ausflugsdampfer auf der Binnenalster

Seine Heimat in der Mandschurei ist ein bedeutender ehemaliger Kaisersitz. Als Hauptstadt der Provinz Liaoning nordöstlich von Peking hat Shenyang heute mehr als sieben Millionen Einwohner und gilt als Hochburg der Industrie. Die Wege sind weit in Shenyang und die öffentlichen Verkehrsmittel nicht immer zuverlässig. Deshalb kutschierte Vater Lang seinen Sohn regelmäßig auf dem Gepäckträger seines Fahrrads zum Unterricht. Der Dreikäsehoch lernte dort bald bei Professorin Zhu Ya-Fen, einer großen Bach-Verehrerin, die seine Liebe zur deutschen Klassik entfachte. „Niemand kann bestreiten, dass Deutschland die wichtigsten Komponisten hervorgebracht hat“, findet er. Noch heute sei das deutsche Publikum besonders kritisch, aber auch kenntnisreich und dankbar für gute Interpretationen.

Sagt er das vielleicht nur, weil er bei der „Deutschen Grammophon“ unter Vertrag steht? Lang Lang winkt ab. Für Heimattümelei sei das Geschäft viel zu international. „Es inspiriert mich einfach, in Deutschland zu sein, ich habe in Berlin auch eine Wohnung“ – neben Philadelphia und Peking. „Aber eigentlich lebe ich in Hotels, in Flugzeugen und im Konzertsaal.“ Lang Lang gibt 150 Konzerte im Jahr. Er spielt mit allen namhaften Orchestern der Welt, als erster Chinese mit den Wiener und den Berliner Philharmonikern. An der Sprache der Deutschen versucht er sich auch, mit etwas weniger Erfolg als an ihren Kompositionen. „Guten Abend“ kann er sagen oder „Wunderkind“. Er lacht begeistert: „Das Wort wurde sogar ins Englische übernommen!“ Sieht er sich selbst so? Schnelles Kopfschütteln. „Mozart oder Beethoven, das waren Wunderkinder, es wäre anmaßend, sich mit denen zu vergleichen.“

Der doppelte Lang vor dem Konzert in Berlin

Dennoch, auch Lang hat sehr früh angefangen und schnell Erfolge gefeiert: Mit fünf Jahren gewann er einen Preis in seiner Heimatstadt und trat vor Publikum auf; mit elf folgte der erste internationale Erfolg beim Wettbewerb für Junge Pianisten in Ettlingen, mit 13 gewann er in Japan die Tschaikowsky-Ausscheidung. „Talent reicht nicht. Es war mindestens ebenso viel Fleiß, Disziplin und Entbehrung dabei.“ Er übt fünf Stunden am Tag, am Wochenende sieben bis acht. „Es war hart, wenn meine Klassenkameraden zum Fußballspielen gingen oder ins Sommerlager fuhren.“ Fußball hat ihn seit je begeistert, ebenso Basketball. Manchmal schafft er es noch, Sport zu treiben, freilich „viel zu wenig und sehr vorsichtig“. Er hat seinen Körper versichern lassen – über 70 Millionen Dollar.

Wenn er als Kind am Klavier saß und die anderen spielten, klebte er sich als Zerstreuung bunte Comic-Bilder auf seine Noten. „Mozart war für mich Mickey Mouse, Beethoven Donald Duck.“ Als bedrückender als das Üben erlebte der junge Lang die Trennung von seiner Mutter. Mit neun Jahren nahm ihn das Zentrale Musikkonservatorium in Peking auf, weshalb sein Vater seinen Job an den Nagel hängte und mit ihm in die Hauptstadt zog. Die Mutter blieb zurück und ernährte die Familie als Lehrerin. „Die Zeit in Peking war ziemlich deprimierend. Wenn wenigstens das Klavierspielen geklappt hätte!“ Die Ausbilderin bescheinigte Lang mangelndes Talent und warf ihn sogar aus der Schule. Einige Zeit saßen sein Vater und er in ihrem unbeheizten Zimmer, wo sie sich das Bad mit anderen teilten, und wussten nicht weiter. „Zum Glück haben wir durchgehalten, aber es war heikel.“

Er nennt sie „Spaghetti-Finger”

Auf Empfehlung seiner früheren Lehrerin Zhu Ya-Fen bekam er eine zweite Chance am Pekinger Konservatorium, diesmal bei Professor Zhao Ping-Guo. Von da an geht es steil bergauf. Die ersten internationalen Preise stellen sich ein, in seinem Heimatland erreicht der Halbwüchsige nach einem Fernsehauftritt 1996 schnell Kultstatus. Fast noch ein Kind, veröffentlicht er seine Autobiographie, die es bis in die Bestsellerlisten schafft. Doch Lang und sein Vater wissen, dass sie erst am Anfang stehen, sowohl in der Ausbildung als auch im weltweiten Erfolg. Als Lang am berühmten Curtis Institute of Music angenommen wird, ziehen sie 1997 nach Philadelphia um. Langs Lehrer wird Gary Graffman, ein Schüler von Vladimir Horowitz, den der Junge seit frühester Kindheit verehrt.

Durchbruch der Spaghetti-Finger

Das Studium in Amerika hilft dem jungen Mann nicht nur, sein Spiel zu verfeinern und sein ohnehin beachtliches Repertoire zu erweitern, er gewinnt auch an Selbstbewusstsein und sammelt Kontakte im Musikgeschäft. So schafft er es 1999, zum Vorspiel auf dem Ravinia Festival in Chicago zugelassen zu werden, wo er hofft, in den kommenden Jahren auftreten zu dürfen. Dann die Sensation: Die Veranstalter bitten ihn, schon jetzt für den erkrankten André Watts einzuspringen. In der „Gala of the Century“ brilliert der Siebzehnjährige mit dem Chicago Symphony Orchestra und Tschaikowskys Erstem Klavierkonzert. Das Publikum und die Presse toben vor Begeisterung. Die „Chicago Tribune“ feiert Lang als „das größte und aufregendste Klaviertalent seit Jahren“. Der Durchbruch ist geschafft, mit Talent, Fleiß, Zähigkeit – und guter Fügung. „50 Prozent meiner Karriere verdanke ich dem Glück. Ohne die Chance in Chicago wäre mein Leben ganz anders verlaufen.“ Lang massiert sich die feingliedrigen Spaghetti-Finger, wie er sie nennt, die zwölf Tasten greifen können. Die meisten Pianisten schaffen zehn. „Ich hab den Tschaikowskiy vor Ravinia genauso gespielt wie danach – nur plötzlich fand die Welt es toll!“

Wie toll Lang wirklich ist, darüber streiten die Kritiker. Viele bescheinigen ihm ein technisch ausgefeiltes Spiel, vermissen aber Tiefe und Sensibilität. Die „Neue Zürcher Zeitung“ nannte eine seiner Mozart-Interpretation jüngst „artig, aber gleichsam verständnislos“, im Ganzen sogar „harmlos, geläufig, ohne Sinn und Kontur“. Dieser Vorwurf trifft Lang hart. „Auch ich bin nicht der perfekte Piano-Spieler, und deshalb kann man meine Technik kritisieren. Aber ich spiele mit der größten Emotionalität, zu der ich fähig bin.“ Plötzlich ist der quirlige junge Mann, der nicht nur am Flügel viel gestikuliert, ganz ruhig. Er sieht fast schon erwachsen aus, als er sagt: „Bei mir steckt das Herz in jedem Ton.“

Zur Person

Lang Lang kommt am 14. Juni 1982 in Shenyang nordöstlich von Peking zur Welt.

Mit drei Jahren nimmt er Klavierunterricht, mit fünf gewinnt er seinen ersten Preis.

Mit neun wechselt er nach Peking zu Zhao Ping-Guo. Mit elf gewinnt er den Wettbewerb für Junge Pianisten in Ettlingen.

1997 folgt ein Studium bei Gary Graffman am Curtis Institute of Musicin Philadelphia.

Der Durchbruch gelingt 1999, als der Siebzehnjährige beim Ravinia Festival für André Watts einspringt. Sein Erstes Klavierkonzert von Tschaikowsky mit dem Chicago Symphony Orchestra macht ihn über Nacht berühmt.

Seitdem arbeitet Lang mit allen großen Orchestern, als erster Chinese auch mit den Berliner Philharmonikern.

Langs letzte CD, „Dragon Songs“ (Deutsche Grammophon), interpretiert chinesische Musik.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ddp, dpa, picture-alliance / dpa/dpaweb, picture-alliance/ dpa, picture-alliance/ dpa/dpaweb, REUTERS
 
 
   
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