Reinhard Selten

Süchtig nach Wissenschaft

Von Philip Plickert

Zu viele Fragen, zu wenig Zeit: Reinhard Selten

Zu viele Fragen, zu wenig Zeit: Reinhard Selten

04. Februar 2008 Vor uns steht ein mittelgroßer Herr in einem zu weiten, grauen Anzug, der durchaus dem Bild des freundlich-zerstreuten Professors ähnelt: Sein weißes Haar leicht zerzaust, hinter einer Brille hellblaue, skeptische Augen, die Gesichtszüge etwas verträumt. Manchmal macht Reinhard Selten beim Reden eine längere Pause, als hätte er den Faden verloren. Ob ihm das wissenschaftliche Forschen denn Spaß gemacht habe? "Es ist weniger Spaß, man wird getrieben und gequält von den Problemen", sagt er und schaut zu Boden.

Als Schüler wollte er eigentlich Schriftsteller werden. Mit 15 Jahren aber bekam er ein Buch über höhere Mathematik in die Finger. Sofort war er begeistert und eignete sich den Stoff autodidaktisch an. Schon damals war Reinhard Selten, wie er sagt: "wissenschaftssüchtig". Sein Weg führte ihn von der Mathematik und der Psychologie schließlich zur Spieltheorie und zur experimentellen Ökonomie. Hier hat er Großes geleistet; dennoch ist der heute emeritierte Professor von der Universität Bonn bescheiden geblieben.

Mathematik studieren, das war klar

Die Krönung: Reinhard Selten (rechts) erhält 1994 den Nobelpreis

Die Krönung: Reinhard Selten (rechts) erhält 1994 den Nobelpreis

Als Sohn eines jüdischen Buchhändlers 1930 im schlesischen Breslau geboren, hatte Selten keinen leichten Start ins Leben. Der Vater musste seinen Laden während der NS-Zeit aufgeben und emigrierte, 1942 starb er fern der Familie. Die Zukunft sah düster aus für den begabten Sohn. Mit vierzehn Jahren musste er wegen seiner halbjüdischen Herkunft das Gymnasium verlassen. Als 1945 die Rote Armee anrückte, floh er mit Mutter und Geschwistern in einem der letzten Züge. Nach Stationen in Sachsen und Österreich landete die Familie im hessischen Melsungen. Dort macht Reinhard Selten das Abitur. "Es war klar, dass ich danach Mathematik studieren würde, aber ebenso klar war mir, dass ich nicht bei der reinen Mathematik stehenbleiben wollte."

Schon früh interessierte er sich auch für Psychologie und Wirtschaftswissenschaften. Als Schüler hatte er im "Forbes"-Magazin über Spieltheorie gelesen. An der Frankfurter Universität besorgte er sich das Buch "Spieltheorie und ökonomisches Verhalten" von John von Neumann und Oskar Morgenstern. Es eröffnete ihm eine völlig neue Welt, das systematische Nachdenken über strategische Interaktion. Das hat viele Facetten: Im Kalten Krieg interessierten sich die Militärs dafür, wie sich atomar hochgerüstete Blöcke verhalten. Ein typisches ökonomisches Problem lautet: Was werden Anbieter in einem oligopolistischen Markt machen? Beginnen sie einen Preiskrieg, oder bilden sie ein Kartell?

Wie reagiert ein Monopolist auf Wettbewerber?

Selten war einer der Ersten, der solche Fragen mit strikt mathematischen Modellen zu beantworten versuchte. Den Nobelpreis für Wirtschaft erhielt er 1994 gemeinsam mit dem zehn Jahre älteren Ökonomen John C. Harsanyi und dem Mathematiker John Nash. Auf dessen Arbeiten bauten beide auf. Das sogenannte Nash-Gleichgewicht ist jener Ausgang eines Spiels, in dem es für keinen einzelnen Mitspieler einen Anreiz gibt, seine Strategie einseitig zu ändern. Während der geniale Nash aber gegen Ende der fünfziger Jahre an Schizophrenie erkrankte und seine Karriere abbrechen musste, führten Selten und Harsanyi seine Überlegungen fort. Über viele Jahre trafen sie sich immer wieder an der kalifornischen Universität Berkeley, um gemeinsam Probleme zu diskutieren.

Noch als Habilitand in Frankfurt kam Selten zu einer Einsicht, die das spieltheoretische Denken in neue Bahnen lenkte: Er fragte sich, welche Nash-Gleichgewichte wirklich relevant sind. 1965 entwickelte er hierzu das Konzept des "teilspielperfekten Gleichgewichts". Nun ließ sich etwa analysieren, wie ein Monopolist oder ein Oligopol auf einen neu hinzukommenden Wettbewerber reagiert: Wird es ihm gelingen, neue Anbieter durch einen Preiskrieg aus dem Markt zu verdrängen? Wird schon die bloße Ankündigung eines Kampfes potentielle Wettbewerber abschrecken?

Eine Kette von Geschäften hält Konkurrenz vom Leib

Das von Selten entwickelte sequentielle Spiel wird seither den Studenten mit Diagrammen veranschaulicht, die etwas wie Weihnachtsbäume aussehen. An den Enden der Zweige hängen unterschiedlich große Belohnungen. Die Spieler versuchen, von dort über die verschiedenen Äste zur Spitze zu finden - "Rückwärtsinduktion" nennt sich das. Von hinten also wird das Spiel aufgerollt und damit der Weg zum höchsten Gewinn ermittelt.

Nach seiner Rückkehr wurde in Bonn gefeiert

Nach seiner Rückkehr wurde in Bonn gefeiert

Mit dieser Methode wies Selten theoretisch nach, dass die Drohungen eines Monopolisten oft nicht glaubwürdig sind, da der Preiskrieg auch für ihn mit hohen Kosten verbunden ist. Er würde sich also selbst schaden. Da der potentielle Wettbewerb dies weiß, lässt er sich nicht abschrecken. Manchmal bleibt eine Monopolstellung jedoch unangefochten. 1978 formulierte Selten dazu das "Chain-Store-Paradox": Eine ganze Kette von Geschäften sei möglicherweise doch in der Lage, sich Konkurrenz vom Leibe zu halten.

Entscheidend ist, wie rational die Akteure die Situation analysieren. Die klassische Theorie des "Homo oeconomicus" geht ja davon aus, dass dieser alle Probleme strikt rational analysiert und wie eine Rechenmaschine seinen subjektiv erwarteten Nutzen maximiert. Selten hatte früh diese Annahme bezweifelt, angeregt durch die Thesen zur "eingeschränkten Rationalität" von Herbert Simon. "Man kann zeigen, dass die Rationalitätsannahme den Menschen überfordert", sagt Selten.

25.000 Personen im Versuch

Die ersten Tests dazu hat er schon vor fünfzig Jahren mit seinem Doktorvater Heinz Sauermann in Frankfurt gemacht. Ab 1983 hat Selten an der Universität Bonn das Laboratorium für Experimentelle Wirtschaftsforschung aufgebaut. Es gilt heute international als eine der ersten Adressen für experimentelle Wirtschaftsforschung. Bislang haben etwa 25.000 Versuchspersonen an Spielen teilgenommen. Insgesamt 300.000 Euro wurden an Preisgeld ausgezahlt, um den Probanden echte ökonomische Anreize zu setzen. Immer wieder zeigt sich, dass Menschen "nichtkonsistent" handelten; sie verhalten sich ökonomisch widersprüchlich. Intuition und Emotion spielen eine wichtige Rolle. Oft wollen Probanden lieber gar keinen als einen geringen Gewinn haben.

All dies schreit nach einer alternativen Theorie. "Wir müssen schauen, wie man von der Figur des ,Homo oeconomicus' wegkommt zu einer realistischeren Theorie", sagt Selten. Durchaus ironisch ist, dass Seltens Theorie des "teilspielperfekten Gleichgewichts", für die er den Nobelpreis erhielt, von überaus rationalen Akteuren ausgeht. Er sei aber nicht schizophren, nur eben ein "methodischer Dualist", versichert Selten.

Drei Stunden Schulweg, Zeit für Algebra

Auch er selbst hat sich nicht immer strikt rational nach dem größtmöglichen Erfolg gestreckt. Seinen bahnbrechenden Aufsatz von 1965 versteckte er in der "Zeitschrift für die gesamte Staatswissenschaft", die international kaum wahrgenommen wird. Erst spät und auf Drängen seiner Schüler hat Selten angefangen, in den großen amerikanischen Journalen zu publizieren. Zuweilen erlaubt er sich eine sprachliche Extratour - auf Esperanto. Der Titel seiner Einführung zu spieltheoretisch-linguistischen Fragen heißt: "Enkonduko en la Teorion de Lingvaj Ludoj - Cu mi lernu Esperanton?"

Im wörtlichen wie übertragenen Sinn ist Selten ein Wanderer: Auf dem langen Schulweg in Melsungen - hin und zurück mehr als drei Stunden - ließ er die Gedanken schweifen und dachte über Geometrie und Algebra nach. Heute noch trägt er im Hörsaal oder bei Vorträgen zu seinen Anzügen oft solide Wanderschuhe. "Wandern ist sehr gut, um Ideen zu kriegen", erklärt er. Und auch thematisch ist er im Laufe seines Lebens weit gewandert: Anfang der neunziger Jahre hat er sich der Biologie und der Zoologie zugewandt. Er versuchte, die evolutionären Strategien von Bienen und Blumen spieltheoretisch zu verstehen.

Dass Selten unorthodoxe Wege gegangen ist, hat sich ausgezahlt. Der Rummel nach dem Nobelpreis war ihm aber gar nicht geheuer. Er steht nicht gerne im Rampenlicht und hat sich nicht gedrängelt. "Wenn sich ein junger ehrgeiziger Forscher heute die Frage stellt, ,wie kriege ich den Nobelpreis?', ist er auf dem falschen Dampfer." Der Forscher solle "von den Problemen ergriffen sein, an der Wissenschaft wie einer Droge hängen". Er habe noch so viele Fragen, aber es ist nicht mehr genug Zeit, alles zu Ende zu bringen, sagt Reinhard Selten zum Abschied. Es klingt ein wenig traurig, aber keineswegs resigniert.

Zur Person:

- Reinhard Selten wurde am 5. Oktober 1930 in Breslau geboren und floh 1945 nach Westen.

- In Frankfurt studierte er Mathematik, wurde 1961 promoviert und habilitierte sich 1968. Nach Professuren in Berlin und Bielefeld ging er 1984 an die Universität Bonn.

- 1994 wurde er gemeinsam mit John Nash und John C. Harsanyi mit dem Alfred-Nobel-Gedächtnispreis für Ökonomie ausgezeichnet.

- Er ist seit fast fünfzig Jahren mit seiner Frau Elisabeth verheiratet und wohnt in Königswinter bei Bonn. Er spricht Esperanto, liebt Katzen und ist ein ausdauernder Wanderer.

Text: F.A.Z., 02.02.2008, Nr. 28 / Seite C3
Bildmaterial: Andreas Pein, ASSOCIATED PRESS

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Verlagsinformation

Nutzen Sie den Jobmessenger von FAZjob.NETals persönlichen Suchassistenten und finden Sie den Job der wirklich zu Ihnen passt. Jetzt kostenlos registrieren!

FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche