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Dieter Scheiff Ein Manager von Karrieren Von Sven Astheimer und Jürgen Dunsch
Ein nüchternes Büro in einem gesichtslosen Industrievorort von Zürich: Der Arbeitsplatz von Dieter Scheiff ist nicht gerade ein unvergesslicher Ort. Umso mehr sticht daher ein von Laienhand gemaltes Plakat ins Auge. Scheiff hat es anlässlich seines Wechsels im August 2006 von der Tochtergesellschaft DIS AG an die Spitze von Adecco, dem größten Zeitarbeitsunternehmen der Welt, erhalten. Eine Burg ist darauf zu sehen mit Scheiff als Ritter, die Wörter Vertrauen, Fairness, Wertschätzung – und die Frage: Haben Sie mal ein Beispiel für mich? Der Chef fühlt sich mit diesem Satz besonders gut getroffen, denn ich habe es gerne konkret“, wie er in seiner freundlich-kontrollierten Art über den Schreibtisch hinweg sagt. Ausufernde Powerpoint-Präsentationen und langatmige Statements öden ihn an, er kommt schnell auf den Punkt und möchte, dass es seine Gesprächspartner ebenfalls tun. Die Zeitarbeit, das Metier, in dem sich Dieter Scheiff seit 2001 bewegt, ist bis heute eine umstrittene Form der Beschäftigung. Die Leiharbeit“, wie sie vor allem in Gewerkschaften genannt wird, bewege sich in der öffentlichen Wahrnehmung noch irgendwo zwischen gewerblicher Prostitution und Bestattungsgewerbe“, hieß es damals im Markenmagazin Brand“. Sie fordert Flexibilität und gewährt sie zugleich. Der Vorstandsvorsitzende identifiziert sich mit dem zweiten Teil des Satzes. Und dies nicht nur wegen seiner Position, sondern offenbar aus Überzeugung. 18 Jahre war der gebürtige Koblenzer am Beginn seiner Karriere im Außendienst des amerikanischen Mischkonzerns 3M tätig. Ja, ein schrecklicher Gedanke“, meinte er hierzu Anfang des Jahres scherzhaft in einem Interview. Allerdings habe er dort alle drei Jahre die Möglichkeit gehabt, etwas Neues zu machen, fügt er erläuternd hinzu. Er nennt sich einen Achtundsechziger Bei Scheiff verbindet sich die Lust auf Neues mit zwei anderen Eigenschaften. Die eine heißt Zähigkeit. Ehe er Betriebswirtschaft studierte, musste er neben der Ausbildung das Abitur nachholen. Für den Schokoladenliebhaber barg die Lehre allerdings auch einen speziellen Reiz, absolvierte er sie doch in der Aachener Filiale des Schweizer Schokoladenherstellers Lindt & Sprüngli. Die nächste Station nach 3M war ein weiterer amerikanischer Konzern, nämlich der Konsumgüterhersteller Johnson & Johnson. 2001 dann ging Scheiff zum Zeitarbeitsunternehmen DIS. Konnte dieses vermeintliche Sinnbild kapitalistischer Ausbeutung zum Betätigungsfeld für jemanden werden, der in seiner Jugend mit der Studentenrevolte, mit Kommunismus und Maoismus flirtete? Meint er mit Flexibilität womöglich blanken Opportunismus? Der Mann des Jahrgangs 1952 rückt die Dinge gerade, nennt sich einen Achtundsechziger“, der kritisch, aber nicht übermäßig in der Studentenbewegung engagiert war und der im Übrigen das Recht auf lebenslanges Lernen beansprucht. Lust an der begrenzten Provokation So fühlt er sich denn heute bei Adecco als oberster Manager von Karrieren, nicht als Speerspitze der Ausbeutung. Die Lust an der begrenzten Provokation ist gleichwohl geblieben, etwa wenn Scheiff sagt, dass Besitz vor allem abhängig mache. Dennoch: Eine faire Entlohnung müsse sein, fügt er hinzu. Bei Adecco fühlt sich der Manager auch deshalb besonders gut aufgehoben, weil es ausschließlich um Menschen geht“. Spezialistentum habe ihn nie besonders interessiert, sondern allgemein das Management und das Führen von Mitarbeitern. An DIS, die sich in dem besonders zukunftsträchtigen Gebiet der Vermittlung von Fachkräften bewegt, hat Scheiff nach eigenen Worten in den Gesprächen mit Unternehmensgründer Dietrich Paulmann schnell das dort vorhandene Entwicklungspotential erkannt. Außerdem hätten ihn börsennotierte Unternehmen stets gereizt. In der neuen Stelle war der Altachtundsechziger gleich besonders gefordert. Er muss sich mit den Gewerkschaften auseinandersetzen und in das Gewirr der Tarifpolitik einarbeiten. Der Vorstandsvorsitzende und sein Team meistern die Herausforderungen mit Bravour. An der Börse zeigt der Kurspfeil in den Jahren bis 2005 steil nach oben. Dann tritt Klaus Jacobs aus der gleichnamigen Bremer Kaffeehausdynastie auf, der gleichzeitig die Mehrheit der Adecco-Aktien hält. Er hatte von den Querelen im Zeitarbeitskonzern Adecco genug und sich selbst an die Spitze gesetzt. Jetzt nimmt er Anfang 2006 DIS in den Blick und kauft sich dort ein. Schnell wird klar, dass ihn vor allem die Führungscrew interessiert, die er an die Spitze seines eigenen Unternehmens holen will. Für Scheiff entsteht eine schwierige Situation, muss er doch dem Eindruck entgegenwirken, er verletze bei der Übernahme durch Jacobs die Treuepflichten gegenüber den anderen DIS-Aktionären. Genau dies werfen ihm Kritiker vor, zähe Scharmützel zum Beispiel mit dem amerikanischen Hedge-Fonds Elliott sind die Folge. Das Leben als eine Kette von Chancen Scheiff übersteht auch diese schwierige Phase, seit dem 1. August 2006 regiert er das weltumspannende Netzwerk von Adecco. Das Vertrauen, das der Jacobs-Clan in ihn setzt, bildet dabei die entscheidende Rückversicherung. Wenn man Scheiff nach seiner weiteren Lebensplanung“ fragt, erntet man bei ihm nur ein ungläubiges Staunen. Er ist aber zu höflich und umgänglich, um eine solche Frage gleich als unpassend zu bezeichnen. Aber er holt zu einer längeren Darlegung aus. Ich will meine jetzige Aufgabe gut machen“, erklärt er, daraus würden sich dann neue Möglichkeiten ergeben. Wichtig seien Leidenschaft und Engagement für die jeweiligen Herausforderungen, in den Worten des Adecco-Chefs die Passion“. Damit könne man auch schwierige Situationen durchstehen. Im Übrigen sei das Leben selbst viel zu spannend, um es in eine Lebensplanung“ zu pressen. Das Leben als eine Kette von Chancen, die man nur ergreifen müsse: Unter dieser Prämisse arbeitet der Manager. Dies gelte auch im fortgeschrittenen Alter, in dem er sich selbst befindet. Voraussetzung dafür ist die stete Bereitschaft, sich auf Neues wirklich einzulassen. Das Flexible, vielleicht auch das Ungefähre, zeigt sich bei Scheiff neben anderem daran, dass er keine direkten Vorbilder nennt. Er findet viele interessant, von Caesar bis Barack Obama“, sagt der dreifache Familienvater. Das Wohnen in der Schweiz fordert Scheiff und seiner Familie hingegen nur eine begrenzte Neuorientierung ab. Das Leben ist sehr angenehm, findet er. Unterhalb seines Domizils lockt der Zürichsee, die Stadt ist nahe, aber kein Moloch. Zur Arbeit fährt Scheiff mit dem Auto, aber auch mit dem Tram“, wie es bei den Eidgenossen heißt. Falls er will, kann er sogar das Linienschiff über den Zürichsee nehmen. Völlig in seiner Arbeit vergraben? Keine Lerneffekte aus seiner neuen Umgebung mehr, ist der angeblich so aufgeschlossene und neugierige Scheiff völlig in seiner Arbeit vergraben? Verglichen mit Deutschland, hätten die Schweizer einen viel unmittelbareren Bezug zur Politik, antwortet er und verweist auf die Gemeindeversammlungen in seiner Gemeinde sowie auf die zahlreichen Volksabstimmungen auf allen Ebenen des politischen Lebens. Es fasziniert ihn, wenn am Eingang seines Wohnortes große Plakate die Bürger an ihre Pflicht erinnern, bald zu dieser oder jener Frage ihre Stimme abzugeben. In Deutschland gebe es sehr viel Zynismus über die Tagespolitik, das sei in seiner neuen Umgebung anders. Mitsprache, Verantwortung und Offenheit, das fordert Scheiff für sein Berufsleben, das hält er auch in der Zeitarbeit für möglich. Die Anstellung auf Lebenszeit ist für ihn ein Relikt der Vergangenheit, und das behütete Beamtendasein war noch nie sein Fall. Wie aber passt hierzu das Bild mit ihm als Ritter auf der Burg? Sieht das nicht nach Einigeln und Abwehr alles Fremden aus? Scheiff gerät an dieser Stelle doch ein wenig ins Grübeln. Ich weiß es nicht“, bekennt er und entscheidet dann, dies solle ihn wohl als Streiter für die Zeitarbeit und den eigenen Weg von DIS innerhalb des Adecco-Konzerns darstellen.
Bildmaterial: REUTERS |
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