Montagnachmittag, 15.30 Uhr. In der Eingangshalle der Frankfurter Metropolitan School wimmelt es von Müttern, Vätern und Kindern. Es ist Abholzeit. Draußen regnet es in Strömen. Die Eltern achten darauf, dass ihre Kinder die Kapuzen über den Kopf gezogen haben. Aus ihren Gesprächen dringen vor allem deutsche und englische Wortfetzen ins Ohr, oft in einer gebrochenen Version. Kinder aus 31 Ländern besuchen die Privatschule im Stadtteil Rödelheim. Sie sprechen 27 Sprachen. Unterrichtet wird freilich fast ausschließlich in Englisch. In dieser internationalen Atmosphäre fühlt sich der Gründer und Leiter der Schule, Peter Ferres, pudelwohl. Zur Abholzeit ist er oft in Gespräche mit Eltern vertieft, die Fragen haben oder ihm von ihren Sorgen berichten. Dann ist Ferres immer wieder froh, dass er endlich im echten Leben“ angekommen ist.
Im ersten Teil seines beruflichen Lebens gehörte Ferres zu der Berufsgruppe, deren Ansehen derzeit tief im Keller ist: Er war Investmentbanker – und das mehr als zwanzig Jahre lang. Seine Wandlung zum Lehrer und Privatschulunternehmer, der nun in den wertvollen Rohstoff“ Bildung investiert, könnte er mühelos für eine emotionsgeladene Vom-Saulus-zum-Paulus-Geschichte nutzen. Doch das widerspräche seiner Art. Ferres ist ein ruhig auftretender Mensch, der seine Worte abwägt und wohlüberlegt setzt. Begeisterung oder Ablehnung brechen nicht aus ihm heraus. Wenn er über etwas erzählt, was ihm viel wert ist, oder einen Scherz macht, dann schickt er seinen Sätzen nur ein kurzes freundliches Lächeln hinterher. Auch über sein früheres und sein neues Berufsleben berichtet er wohltuend sachlich und abgewogen.
Nein, seine Meinung über Investmentbanker habe sich durch die Finanz- und Wirtschaftskrise nicht verändert, sagt er. Nach wie vor hält er sie nicht für Hyänen; Philanthropen seien sie aber auch nicht. Investmentbanker sind zielstrebige, faktenorientierte Menschen; viele dynamische Leute sind darunter“, sagt Ferres. Unter höchstem Druck wickelten sie spannende und komplexe Projekte ab. Zum Beispiel war Ferres als Projektleiter der Credit Suisse dafür verantwortlich, die ägyptische Telekom an die Börse zu bringen. Das sei eine Riesengeschichte mit einem Volumen von einer Milliarde Dollar gewesen, erinnert er sich. Sechs Stäbe arbeiteten parallel an diesem Jumbo-Deal“. Ferres koordinierte sie. Das hat Spaß gemacht“, sagt er.
Doch trotz dieses Thrills und der intellektuellen Herausforderungen gab es etwas an diesem Beruf, was Ferres nicht mochte. Und dieses Etwas wurde im Laufe der Jahre immer größer. Was ihn vor allem umtrieb, war, komplexe internationale Projekte zu steuern und dabei oft weit weg von der täglichen Wirklichkeit“ zu arbeiten. Die Arbeit stifte schon einen Nutzen für Kunden, Anleger und Mitarbeiter – allerdings nur über sechs bis zehn Ecken. Und an diesen Nutzen denke man überhaupt nicht, sagt Ferres. Das Feedback, das man bekommt, ist nicht der Nutzen, den man stiftet, sondern das Geld.“
Die Ferne zum wirklichen Leben hat Ferres über die Jahre immer stärker beschäftigt. Er fühlte sich wie der Akteur in einem Theaterstück. Aber auf der Bühne, auf der große Börsengänge, Kapitalerhöhungen oder Unternehmensfusionen aufgeführt werden, gibt es nach seinen Erfahrungen keinen Raum für echte Gefühle und Persönlichkeiten. Wenn es die Handlung erfordert, dann ist man eben eiskalt und knallhart“, sagt er. Und dann waren da diese Gespräche über die nächsten drei Jahre, die alle Investmentbanker regelmäßig führen. Weil der Beruf sehr anstrengend ist und kein Privatleben erlaubt, sagen alle ständig, das mache ich noch maximal drei Jahre, und dann ist Schluss.“ Und dann folgten weitere drei Jahre und noch einmal drei Jahre. So kann man das jahrzehntelang machen.“ Zu den typischen Träumen seiner Kollegen für das Leben nach dem Investmentbanking gehörte der Yachtverleih in der Karibik. Ein anderer Kollege wollte eine Würstchenbude aufmachen. Aber eine Kette“, sagt Ferres. Sein Traum war ein anderer. Schon sieben Jahre vor meinem Ausscheiden hatte ich gesagt: Ich eröffne eine Schule.“
Wie kommt ein Banker auf eine solche Idee, fragt man sich. Er will in den zukunftsträchtigen Markt der Privatschulen investieren und Geld verdienen, lautet die naheliegende Antwort. Dies stand für Ferres jedoch nicht im Vordergrund, wie er zumindest versichert, zumal er keine Schulkette aufbauen will. Er wollte endlich ins echte Leben eintauchen, sagt er. Außerhalb des Berufs wollte er Zeit haben für seine Familie und seine Hobbys und im Beruf wollte er erkennen können, welchen Nutzen er stiftet. Hier kann ich sehen, wie sich Kinder von Jahr zu Jahr weiterentwickeln von lernbegierigen Vorschulkindern zu breit gebildeten und ausgeglichenen Persönlichkeiten.“
Ausflüge ins echte Leben hatte er schon während seiner letzten Jahre als Investmentbanker unternommen. Damals arbeitete er in London für die Credit Suisse. Die Bank hatte ein Sozialprogramm aufgelegt: Freiwillige konnten einmal in der Woche in eine Schule nach Ost-London fahren und ausländischen Jugendlichen beibringen, wie man sich bewirbt. Als Ferres davon erfuhr, wusste er sofort, dass er mitmachen wollte. Dort brannte es, und wer half, konnte einen direkten Nutzen stiften.“ Außerdem konnte er etwas tun, was er schon immer gerne getan hat: lehren.
Schon als Schüler gab er Nachhilfe in Englisch und Französisch. Als Student unterrichtete er Geschäftsenglisch, und später in der Bank riss er sich darum, Trainees etwas über Wandelschuldverschreibungen und Ähnliches beizubringen. Die Freude am Unterrichten zieht sich durch mein Leben hindurch“, sagt Ferres. Heute gehört er zu den Eltern, die fast schon darauf warten, dass ihre Kinder Fragen stellen, wie die, warum die Wolken nicht vom Himmel fallen. Er selbst sei ein recht guter Schüler gewesen. In die Schule zu gehen war jedenfalls nie ein Problem für ihn. Deshalb kam für ihn der Impuls zur Gründung einer Schule auch nicht aus negativen Erlebnissen in der eigenen Schulzeit.
Die Gründung seiner Schule bereitete Ferres systematisch vor. Zuerst einmal wurde er mit Ende vierzig der mit Abstand älteste Grundschullehramt-Student an der Universität von London. Er war überzeugt, dass, wer eine Schule gründen und leiten will, auch Lehrer sein sollte. Also meldete er sich zu einem intensiven postgraduierten Lehrerstudium an, das er nach einem Jahr erfolgreich abschloss. Das sei eine tolle Zeit gewesen, in der er viel unterrichten durfte, erinnert er sich. An den Wochenenden fuhr er in seinen früheren Wohnort Frankfurt, um die Gründung der Schule voranzutreiben. Acht Banken musste er von seinem Konzept überzeugen. Bei 15 Behörden musste er Genehmigungen beantragen. Da muss man geduldig und überzeugend sein, um langsam Vertrauen aufzubauen.“ Außerdem veranstaltete er ständig in Kneipen und anderen Sälen Informationsabende für Eltern.
Wichtig sei auch die Pressearbeit gewesen. Nicht von Nachteil war da sicherlich, dass er für den Beirat der Schule seine jüngere Schwester Veronica Ferres gewinnen konnte. So bekam die Schule ein wenig von dem Glamour der prominenten Schauspielerin ab. Wer sein Kind an der Metropolitan School anmeldete, durfte berechtigterweise hoffen, Veronica Ferres auf Schulveranstaltungen zu treffen.
Das Konzept der Schule hat Ferres selbst entwickelt. Ein großer Teil des Wissens wird fächerübergreifend gelehrt. Das bedeute, dass eine Frage in verschiedenen Fächern behandelt werde und die Kinder sie selbst erforschten, erklärt Ferres. So könne man in kleinen Klassen mit Lehrern, die in einer Ganztagsschule genügend Zeit hätten, das Beste in jedem Kind fördern. Elitenbildung sei hingegen nicht sein Ziel. Ferres unterrichtet selbst auch; derzeit allerdings nur Sport. Sobald es seine Zeit als Schulleiter erlaubt, will er auch in anderen Fächern Unterricht erteilen. Bisher besuchen 240 Kinder in den Vorschul- und Grundschulklassen die Metropolitan School, es sollen insgesamt in allen Klassen 600 Schüler werden.
Nun ist es erst einmal 17.30 Uhr. Alle Kinder sind inzwischen abgeholt worden, Ferres’ Arbeitstag ist zu Ende. Er kann zum Leichtathletiktraining gehen. Dieses absolviert der Marathonläufer zweimal in der Woche. In meinem früheren Job in der Bank hätte ich mir dafür allerdings einen halben Tag freinehmen müssen“, sagt Ferres und lächelt.
Zur Person:
- Peter Ferres wird am 23. Mai 1959 in Haan in Nordrhein-Westfalen geboren. Er ist der ältere Bruder der Schauspielerin Veronica Ferres.
- Nach Banklehre und BWL-Studium in Köln, Los Angeles und Paris folgen 20 Jahre in Banken: vom kleinen Analysten in der BHF-Bank bis zum Generalbevollmächtigten und Managing Director im Investmentbanking der Credit Suisse.
- In London lässt er sich zum Lehrer ausbilden. Mitte 2007 gründet er die Metropolitan School Frankfurt.
- Ferres ist verheiratet, hat zwei Söhne und lebt im Vordertaunus.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa, Rainer Wohlfahrt