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Ulrich Endres

Der Mann fürs Grobe

Von Corinna Budras



Ich will für jemanden kämpfen: Ulrich Endres
23. Juni 2008 
Viel wurde Ulrich Endres schon vorgeworfen – aber noch nie, dass er um den heißen Brei herumredet. „Wenn es den Beruf des Strafverteidigers nicht gäbe, er müsste für mich erfunden werden“, sagt der großgewachsene, schlanke Rechtsanwalt in seinem hellen Büro im Frankfurter Stadtteil Höchst. Und während man noch darüber nachdenkt, ob es nicht auch eine Nummer kleiner geht, schiebt er nach: „Diese Aufgabe ist mir auf den Leib geschrieben.“ Sicherlich, er wäre auch ein guter Arzt geworden, zählt er auf – „Ich glaube, ich kann gut mit Menschen umgehen“ –, doch Strafverteidiger, das war es von Anfang an, das ist es auch heute.

So viel Selbstbewusstsein mag anderen als ein klares Zeichen für Überheblichkeit erscheinen, doch für den 62 Jahre alten Strafrechtler bedeutet es vor allen Dingen, dass er seinen Platz gefunden hat. „Ich bin kein Richter, ich bin kein Staatsanwalt“, sagt Endres und wirkt dabei keineswegs so, als würde er damit eine Niederlage einräumen. „Ich will für jemanden kämpfen.“

Schwierige Mandate scheut Endres genauso wenig wie deutliche Worte. Tötungsdelikte gehören zu seiner Spezialität. Mehr als 130 dieser Fälle hat er in seiner 36 Jahre währenden Karriere schon bearbeitet, allein sieben solcher Verfahren bearbeitet seine Kanzlei mit drei Partnern und insgesamt zehn Mitarbeiter zurzeit. Der viel zitierte „Frankfurter Rabbi-Attentäter“ war erst jüngst unter seinen Mandanten, und natürlich der Kindermörder Magnus Gäfgen, dessen spektakulärer Fall mit der Folterandrohung des Frankfurter Polizeivizepräsidenten vor rund fünf Jahren die Republik polarisierte.

„Ein Tötungsdelikt ist die Krönung der Strafverteidigung“

„Ein Tötungsdelikt ist die Krönung der Strafverteidigung“, sagt Endres voller Inbrunst. „Da gibt es kein Pillepalle oder Kindergeburtstag, da geht es um das Leben.“ Spätestens Ende Juni wird die dramatische Geschichte wieder aufgewärmt, wenn der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte sich mit Gäfgens Klage beschäftigt und womöglich für eine Wiederaufnahme des Verfahrens sorgt. Die Hauptverhandlung gegen den geltungssüchtigen Jura-Studenten, der den Sohn des Frankfurter Bankiers Friedrich von Metzler entführte und schließlich ermordete, brachte damals auch seinen prominenten Verteidiger in die Schusslinie der Medien. „Es war völlig unerträglich, was da für eine Hetzkampagne gefahren worden ist“, sagt Endres. „Dabei haben wir einen ganz sauberen Job gemacht.“

In die Boulevardzeitungen und Frankfurter Lokalblätter ist der Strafverteidiger jüngst wieder durch die Verteidigung eines Deutsch-Afghanen geraten, der einen Rabbi auf offener Straße niedergestochen hat. Die mündliche Verhandlung wurde zur Schlammschlacht. Auf deren Höhepunkt warf die Gegenseite Endres Antisemitismus vor, weil er die Glaubwürdigkeit des Rabbis als Hauptbelastungszeugen erschütterte und die Staatsanwaltschaft zwang, sieben Ermittlungsakten gegen ihn herauszurücken. „Wenn einer kein Antisemit ist, dann ich“, kontert Endres. Dabei wirkt er wie jemand, der gerne in den Kategorien „ich“ und „der Rest der Welt“ denkt. „Das kann ich schon wegen meiner Erziehung nicht.“

Ein Kind des Zweiten Weltkriegs

Denn Endres ist ein Kind des Zweiten Weltkriegs, 1945 geboren, in einem Gestapo-Keller in Dessau. Der Vater, ein „kriegswichtiger Chemiker“, hatte Zwangsarbeiter versteckt und wurde dabei erwischt. Er und seine hochschwangere Frau wurden daraufhin von der Gestapo festgenommen. Für die Mutter war die Geburt ihres Sohnes Ulrich deshalb ein traumatisches Erlebnis. Endres studierte Jura zunächst in Marburg und Berlin. 1968 war er in Frankfurt an der „Karl-Marx-Universität“, wie die linken Studenten ihre Goethe-Universität nannten. Ein halbes Jahr war er bei den Studentenrevolten ganz vorne mit dabei, sprach vor 20 000 Leuten. Und dann? Dann hörte er auf mit der Revolution. „Ich war schon immer ein Scheiß-Liberaler“, sagt Endres heute, selbst bei hohen Temperaturen mit handgenähten Stiefeln an den Füßen.

Anders als viele seiner prominenten Strafverteidiger-Kollegen wie Otto Schily und Rupert von Plottnitz hat er nie Mitglieder der Roten Armee Fraktion verteidigt. Wer irgendwas in der Verteidigung galt, war damals in Stammheim. „Das war nie meine Sache“, erklärt Endres. „In einem Strafverfahren bin ich der Kapitän, ich bestimme.“ RAF-Terroristen hingegen galten als schwierige Klientel, die selbst den eigenen Verteidigern auf der Nase herumtanzt.

1972 war er mit Studium und Referendariat fertig, doch für die Karriere mochte er sich noch nicht entscheiden; er fuhr lieber mit einem VW-Bus bis nach Nepal. Eile hatte er damals auch nicht nötig, denn es herrschten für Juristen traumhafte Zustände. „Wir haben damals die goldenen Broschüren ins Haus geschickt bekommen“, sagt Endres, der Ungeduld als seine größte Schwäche nennt und Dummheit nicht erträgt. „Dummheit macht mich wahnsinnig.“ Keine einzige Bewerbung habe Endres in seinem Leben geschickt. „Wir hätten damals überall hingehen können.“ Auch der Staat hat nachgefragt, doch zu dem wollte er nie. „Ich würde sofort aus dem Beamtenverhältnis entlassen werden – unehrenhaft“, sagt er. „Weil ich mir nicht gefallen lasse, dass mein Vorgesetzter, nur weil er mein Vorgesetzter ist, meine Schriftsätze korrigiert.“ Stattdessen gründete er mit seinem Partner eine Praxis, doch auch dort büchste er wenig später nochmal für ein Dreivierteljahr aus: nach Afrika.

„Synonym eines ekligen Kotzbrockens“

Bei seinem ersten heiklen Fall war er Anfang Dreißig. Sein Mandant war das „Synonym eines ekligen Kotzbrockens“. Ein skrupelloser Mann, der sein zweieinhalb Jahre altes Kind misshandelte, bis es im Krankenhaus starb. Endres hat ihn vor lebenslanger Haft bewahrt. Der Täter wurde zu 15 Jahren Haft verurteilt. „Ich habe überhaupt kein Problem, einen Kriminellen zu verteidigen“, sagt Endres. „Das ist mein Beruf.“ Strafverteidiger seien dazu da, zu kontrollieren, dass die Gesetze richtig angewandt werden. Es gebe drei Berufe, bei denen man merke, ob die Demokratie noch funktioniere, sagt Endres gerne pathetisch. „Das ist der freie Journalist, der freie Advokat und der freie Gewerkschafter.“ Der freie Richter ist nicht darunter. Man ahnt, woran das liegt: Was so ein Richter kann, kann Endres schon lange. Das ist mal sicher.

Zur Person

  • Ulrich Endres wird 1945 in Dessau in einem Gestapo-Gefängnis geboren. Nach dem Krieg zieht die Familie nach Frankurt.
  • Er studiert Jura in Marburg, Berlin und Frankfurt.
  • Nach seinem Studium fährt er mit einem VW-Bus durch Afghanistan und Pakistan bis nach Nepal.
  • 1972 eröffnet er mit seinem Partner eine eigene Kanzlei.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Rainer Wohlfahrt
 
 
   
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