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Oliver Rohrbeck

Der erste Detektiv

Von Sven Astheimer

Ein Berufsjugendlicher mit Erfolg: Oliver Rohrbeck

Ein Berufsjugendlicher mit Erfolg: Oliver Rohrbeck

05. November 2007 Ein Zungenkuss? Das ging gar nicht. Es war „Folge 107 oder so“, erinnert sich Oliver Rohrbeck, und die Partnerin der amourösen Episode hieß Dorette Hugo. Die Fans waren empört. Sex - oder was man in einem Jugendhörspiel eben so darunter versteht - hatte in ihrer heilen Welt nichts zu suchen. Und auch Justus Jonas, der Hauptdarsteller der Jugendhörspielserie „Die drei ???“, kam damit nicht klar. Weil er so rational denkt, glaubt Rohrbeck, Gefühle haben da keinen Platz. „Da habe ich ihn ertappt“, sagt er. Er redet von der Romanfigur, als wäre sie real. Und dann kommt dieses markante Lachen, das den 42 Jahre alten Mann mit der markanten Brille wieder zum Teenager werden lässt; zu Justus Jonas, der Rolle seines Lebens.

Seit fast drei Jahrzehnten leiht der Berliner seine Stimme diesem pummeligen Jungen, der als erster Detektiv mit seinen beiden Partnern Peter Shaw und Bob Andrews geheimnisvolle Fälle löst. Die Erlebnisse des Trios, dessen Zentrale ein Wohnwagen auf einem Schrottplatz im fiktiven Örtchen Rocky Beach ist, hat Generationen geprägt. 120 Folgen sind bislang erschienen, 34 Millionen Tonträger verkauft worden. Statistisch hat also fast jeder zweite Deutsche eine „Die drei ???“- Folge zu Hause. Der leibhaftige Berufsjugendliche.

Shakespear mit zwölf Jahren

Anfang der siebziger Jahre kommt er durch Zufall über Bekannte zum Fernsehen. Für die deutsche Fassung der „Sesamstraße“ wird ein Junge gesucht, der in Kurzclips mitspielt. Rohrbeck stellt sich geschickt an, was sich in der kleinen Branche schnell herumspricht, denn Deutschland wird noch von drei Fernsehsendern regiert. Er darf in einem Disney-Film den Pinocchio sprechen an der Seite von Harald Juhnke und Georg Thomalla, „die mussten mir den Text vorlesen“. Es folgen weitere Rollen in Film, Fernsehen und Radio. Auch das Theater wird auf den talentierten Jungen aufmerksam. Mit neun Jahren steht er neben Rudolf Platte auf der Bühne des Kudamm-Theaters. Rohrbeck spielt eine Viertelstunde mit, wird dann abgeholt, und während des Schlussapplauses liegt er bereits im Bett. Mit zwölf Jahren spielt er mit Bernhard Minetti in Shakespeares „Der Sturm“ den Luftgeist Ariel. „Das war eine richtig große Rolle mit langen Texten.“

Über die Serie „Die Fünf Freunde“ lernt er die Produzentin Heikedine Körting kennen, die er heute noch „Frau Körting“ nennt, während sie ihn duzt. Sie fragt ihn, ob er noch „was Neues“ machen möchte. Das Hörspiellabel Europa hat die Rechte erworben an einer Jugendserie des amerikanischen Autors Robert Arthur, für die sogar die Legende Alfred Hitchcock seinen Namen gegeben hat. Der 13-Jährige stimmt zu und wird Justus Jonas.

1979 erscheint mit „Der Super-Papagei“ die erste Folge, von der bis heute rund 850 000 Stück verkauft worden sind. Drei Mal im Jahr geht es für ein Wochenende ins Studio nach Hamburg, jeden Tag wird eine neue Folge aufgenommen. Die drei Sprecher bekommen zwar den Erfolg „irgendwie mit“, doch der Alltag bleibt normal. Anfragen der „Bravo“ lehnen sie ab. Seine Freunde zu Hause spielen Rohrbecks Nebenjob eher runter. „Erst viel später habe ich mitgekriegt, dass die auch alle die Cassetten zu Hause hatten.“

Deutsche Stimme von Ben Stiller

Rohrbecks Wunsch, Schauspieler zu werden, steht schnell fest. Also schmeißt er die elfte Klasse und geht zur Schauspielschule. Er will in Berlin bleiben, um weiter synchronisieren zu können. Aus heutiger Sicht vielleicht ein Fehler, wie er sagt, womöglich hätte er sich einem Ensemble anschließen und durch das Land touren sollen. So tingelt er ein gutes Jahrzehnt lang über Berliner Bühnen, bis er das Gefühl hat, auf der Stelle zu treten. „Man ist komplett den Ideen eines Regisseurs ausgeliefert“, findet Rohrbeck. Er aber hat eigene Ideen und macht mit der Schauspielerei Schluss.

Nun schreibt er Synchronbücher und führt Dialogregie. Die Kunst besteht darin, englische Dialoge nicht nur wörtlich, sondern sinngemäß ins Deutsche zu transportieren. Würde man etwa die Texte der Animationsfilme von „Wallace & Gromit“ wörtlich übersetzen, verstünde niemand ein Wort. Kinoerfolge wie Notting Hill, Green Mile oder Ray werden von Rohrbeck übersetzt.

Auch für die Auswahl der Sprecher ist Rohrbeck verantwortlich. Das Geschäft ist hart. Von den rund 1000 Sprechern in Deutschland müssen sich viele durch „Mengentage“ über Wasser halten. Dann wird im Studio alles gesprochen, was ansteht: Von der Krankenhausdurchsage über die Kaffeehausschleife bis zum fünfsekündigen Kurzeinsatz eines Polizisten. Man muss lange arbeiten, um an eine große Rolle zu kommen und etwa die deutsche Stimme von Brad Pitt zu werden. Und auch das reicht alleine zum Leben längst nicht, sagt Rohrbeck, der selbst die deutschen Texte des amerikanischen Komikers Ben Stiller spricht.

Live-Lesung vor mehr als 12.000 Fans

„Die drei ???“ laufen all die Jahre nebenbei weiter, als willkommene Abwechslung vom Alltag. Dann steht die Folge 100 an. Bis jetzt haben Rohrbeck und seine beiden Kollegen Jens Wawrczyk und Andreas Fröhlich es vermieden, gemeinsam in der Öffentlichkeit aufzutreten. „Um den Fans nicht ihr Bild beim Hören zu zerstören“, wie Rohrbeck sagt. Doch mittlerweile ist das Trio weit über 30 Jahre alt und die Verwechslungsgefahr mit pubertierenden Jungs denkbar gering. Es entsteht die Idee für eine Live-Lesung. „Wir dachten an einen Geräuschemacher und einen Auftritt vor 150 Leuten.“Eine Konzertagentur ist begeistert – und mietet eine Halle in Hamburg. Die 1500 Eintrittskarten sind rasch vergriffen. Es folgen Aufritte in weiteren Großstädten, immer vor vollem Haus. Der Höhepunkt findet 2004 anlässlich des 25. Geburtstages der Serie statt. Ein Auftritt in der Hamburger Colorline-Arena vor mehr als 12.000 Anhängern. Für Rohrbeck ist es wie eine Befreiung vom Theater. „Und wer kriegt schon einen solchen Applaus dafür, dass er sich hinstellt, etwas abliest und sich manchmal noch verhaspelt?“ Das Trio lacht, improvisiert und zeigt, „was privat zwischen uns abgeht – das ist absoluter Luxus“.

Rohrbeck ist von dem Erfolg angetan. „Das hat mir gezeigt, dass da noch eine Menge Potential drinnen ist. Da habe ich dann nochmal mein Leben komplett geändert.“ Die Synchronarbeit tritt in den Hintergrund, er wird zum „absoluten Hörspieler“ und gründet 2005 seine Firma „Lauscherlounge“. Sein Ziel: anspruchsvolle Hörspiele für Erwachsene zu produzieren. Mit seinen acht Angestellten produziert er heute in Berlin professionelle Hörbücher. Außerdem hat er es sich nach dem Erfolg der Live-Lesungen zum Ziel gesetzt, Hörspiele für die große Bühne zu inszenieren. Mit Orchestern und Geräuschemachern – „ich kann mir da viel vorstellen“. Dazu müsste er aber Hallen mit 4000 Leuten voll bekommen, zu Preisen, die dann mit 30 Euro recht happig ausfielen, um die Kosten einzuspielen. Aber Rohrbeck glaubt, die Leute dafür begeistern zu können, „weil mittlerweile ganze Generationen aufgewachsen sind, die wissen, was Kopfkino ist“. Mit Wawrczyk und Fröhlich hat er eine Hörspiel-Trilogie aufgenommen, deren letzter Teil „Liebesgeschichten“ dieser Tage erscheint und von Januar an als Live-Lesung auf Tournee geht.

Komplizierter Rechtsstreit mit den Erben

„Wir lieben ,Die drei ???‘, möchten aber nicht nur darauf reduziert werden“, sagt Rohrbeck fast ein bisschen entschuldigend. Schließlich drängt sich ja die Frage auf, wie lange man glaubhaft die Rolle eines Teenagers sprechen kann? An Abschied habe bislang noch niemand gedacht, versichert Rohrbeck rasch – die Fan-Gemeinde ist da sehr sensibel. Obwohl die Gelegenheit günstig war vor zwei Jahren, als Europa auf Grund eines komplizierten Rechtestreits mit den Autorenerben und einem Buchverlag beschloss, neue Folgen nur noch unter dem Namen „Die Dr3i“ zu veröffentlichen und Justus Jonas zu Jupiter Jones mutierte. Auch der aktuelle Kinofilm über die drei Jungdetektive, besetzt natürlich mit echten Kindern, bedeutet einen klaren Einschnitt.

Es ist immer wieder dieselbe Rolle, die sich wie ein roter Faden durch das Leben und die Karriere von Oliver Rohrbeck zieht. Der er, wie er sagt, sehr viel zu verdanken hat. „Es ist schon ein bisschen verrückt. Da probt man sechs Wochen lang Shakespeare und wird mit Justus Jonas bekannt.“

Zur Person:

- Oliver Rohrbeck wird am 21. März 1965 geboren, hat zwei Töchter und lebt in Berlin.

- Als Kind spielt er in verschiedenen Fernsehproduktionen und Theaterstücken mit; 1979 spricht er in der Hörspiel-Serie „???“ erstmals den ersten Detektiv Justus Jonas.

- Rohrbeck arbeitet als Schauspieler, Synchronsprecher und -regisseur; zur 100. Folge der „???“ gibt es eine Live-Lese-Tour; Höhepunkt zum 25. Geburtstag der Serie ist ein Auftritt vor mehr als 12.000 Leuten.

- 2005 gründet Rohrbeck das Label Lauscherlounge, um anspruchsvolle Hörspiele zu inszentieren.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, Archiv, ddp, Europa, picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa/dpaweb, picture-alliance/ dpa

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