30. Juni 2008 Nicht immer war es für Mustafa Koç ein Vergnügen, in der dritten Unternehmergeneration seiner Familie der Älteste zu sein. Also jener, der eines Tages an der Spitze des größten Mischkonzerns der Türkei stehen sollte. Eine Unternehmensgruppe, die bescheiden begonnen hatte, als Vehbi Koç, der Großvater, 1917 in Ankara einen Krämerladen einrichtete und es gegen den Rat seines Vaters nicht dabei beließ. Der Name Koç ist so alt wie die Republik Atatürks, bald stand er für die Industrialisierung des jungen Landes. Als Vehbi Koç 1928 die Vertretung von Ford übernahm, warnte ihn sein Vater: Du wirst dein Geld verlieren, lass die Finger davon!“
Vehbi Koç ließ nicht die Finger davon, und bald hatten die Koç mehr Geld als alle anderen Türken. Der Großvater baute als Händler und Industrieller stürmisch ein Imperium in einem Umfeld auf, das noch weit von der Globalisierung entfernt war. Hohe Zollschranken schützten damals die junge türkische Wirtschaft. Sein Sohn Rahmi Koç konsolidierte dann den Mischkonzern, testete neue Branchen und nahm in einem liberaleren Umfeld wichtige Weichenstellungen vor. Internationale Wettbewerbsfähigkeit und Professionalisierung des Managements hießen seine Vorgaben.
Die drei Söhne von Rahmi Koç sollten aber nicht denken, sie seien mit einem goldenen Löffel im Mund geboren. Vielmehr sollten sie hart arbeiten, und so bestellte er seinen Ältesten, den 1960 geborenen Mustafa, an Neujahrstagen zur Inventur in die Warenlager. Seine Freunde feierten, dem Sohn tat es weh. Er lernte aber, dass auch ihm, dem Erben von Koç, nichts in den Schoß gelegt werden würde. Und von der Pike auf lernte er das Handwerk des Managers und Chefs. Heute weiß er, dass es eine gute Schule war.
Natürlich besuchte Mustafa Koç auch richtige Schulen. Erst das österreichische Gymnasium in Istanbul, wo er Deutsch lernte. Das Abitur legte er dann in der Schweiz im Internat Alpinum Zuoz ab. Dazwischen lagen immer wieder Lehrzeiten in einem Unternehmen der Familie. 1984 machte er an der George Washington University in Washington D.C. den Bachelor im Fach Betriebswirtschaft. Seine jüngeren Brüder Ömer und Ali sammelten nach ihren Studien noch Berufserfahrung in den Vereinigten Staaten. Mustafa aber war schon zu tief in das Geschäft eingestiegen. Denn gerade hatte er den Abschluss in der Tasche, da zog sich der Großvater Vehbi Koç aus dem täglichen Geschäft zurück und übergab den Stab an seinen Sohn Rahmi.
Theorie und Praxis flossen zusammen. Als Mitglied der dritten Generation, die internationaler und dynamischer ist als ihre Vorgänger, beherrscht Mustafa viele Fremdsprachen: Englisch, Deutsch und Französisch. Auch wenn er bedauert, in der Schule gerade Letztere vernachlässigt zu haben. Französisch ist aber die Sprache seiner Frau, von Caroline Giraud, die einer französisch-levantinischen Unternehmerfamilie entstammt, welche seit Generationen in Izmir zu Hause ist.
Bei aller Theorie und Wissenschaft: Dass sich Unternehmersein nicht anhand von Modellen erlernen lässt, wird gerade bei Mustafa Koç deutlich. Jeder muss irgendwann entscheiden und dabei die richtige Entscheidung treffen. Freunde und Mitarbeiter loben seine Fähigkeiten, zuzuhören und Informationen zu sammeln, die Menschen einzuschätzen, was sie wissen, und durch Fragen Schwachstellen aufzudecken. Seine Entscheidungen haben Gewicht, seitdem sein Vater Rahmi 2003 nach zwei Jahrzehnten den Vorsitz des Vorstandes an Mustafa weitergegeben hat.
Als Unternehmer und auch als Sportler hat Mustafa das Risiko im Blick. Aus seinen Grenzen, die ihm wohl bewusst sind, entstehen die Risiken, denen er sich gegenübersieht. In Nakkastepe, der Unternehmenszentrale über dem Bosporus, minimiert er das Risiko, indem er im Zweifelsfall lieber noch einen weiteren Rat einholt. Einmal sagte er: Stelle Leute ein, die besser sind als du, und lerne von ihnen!“ In keiner anderen Familienholding der Türkei hat daher die Familie, nach der ein Mischkonzern benannt ist, professionellen Managern so viel Verantwortung übertragen wie bei Koç. Und in Maslak, dem Istanbuler Stadtteil mit dem weitläufigen Golfplatz, versucht Mustafa Koç das Risiko zu minimieren, indem er dann, wenn sich zwischen ihm und dem Loch ein Hindernis in den Weg stellt, nicht auf Glück losschlägt, sondern den sicheren Umweg wählt. Er weiß, dass sich der Erfolg dann einstellt, wenn er gut vorbereitet ist. Ohne Fleiß kein Preis“, das hat er früh im Deutschunterricht gelernt. Er kennt seine Grenzen, er weiß, wo er sich zurückhalten sollte, hat aber den Erfolg im Blick. Wird er einmal nur Zweiter und Dritter, stößt ihn das nicht in eine Depression. Es ermuntert ihn vielmehr, das nächste Mal die Sache anders, besser anzupacken.
Auch wenn der bullig wirkende Mustafa Koç nicht so aussieht: Er ist sportbegabt, und er ist auch ein leidenschaftlicher Sportler. Er war Mitglied der türkischen Reiternationalmannschaft, er ist ein guter Taucher, fährt barfuß Wasserski, und in den Alpen wedelt er im Slalom die Hänge hinab. Nördlich von Istanbul trainiert er mit einem Deutschen für sein jüngstes Hobby. Beim Gleitflugzeug geht es darum, einen Segelflieger sekundengenau in der Luft zu halten und ihn präzise zu landen. Seine Mannschaft brachte es im vergangenen Jahr zum Vizeweltmeister.
Wenn er abschalten will, dann ist ihm sein weitläufiger Golfplatz in Maslak die Oase, in die er sich zurückzieht. Zweimal in der Woche kommt er hierher, nie lange. Dennoch rangiert er vor den meisten, die hier fast jeden Tag trainieren. Seine Freunde verblüfft das – und auch wieder nicht. Das Geheimnis seines Erfolgs sehen sie in seiner Fähigkeit, völlig abzuschalten und in sich selbst kehren zu können, sich auf das Wesentliche konzentrieren zu können.
Rat und Informationen holt er natürlich auch ein, wenn er reist. Dann will er auch wissen, wo die guten Restaurants sind. Zwar lebt und isst er gesund. Da kommen die Gene des Großvaters und Vaters durch. Wie sie lehnt auch er das Rauchen entschieden ab. Die Gesundheit hat Vorrang. Manchmal aber genehmigt er sich ein richtiges amerikanisches Steak, ein andermal ist er mit chinesischer oder japanischer Küche zufrieden. Vielleicht steht er am Morgen nach einem kräftigen Steak etwas länger als sonst auf seinem Laufband zu Hause.
Überhaupt liegen ihm sein Zuhause und seine Familie am Herzen. Es muss schon viel geschehen, dass er abends nicht zu Hause ist, um noch Zeit für seine Töchter Esra und Aylin zu haben, bevor diese schlafen gehen. Mustafa Koç ist ein Familienmensch. Weder im Anzug noch im Polohemd spielt er den abgehobenen Snob, weder in der Holdingzentrale von Nakkastepe noch in der Freizeit auf dem Golfplatz. Direkt und ohne Floskeln geht er auf seine Mitmenschen zu. Für den Sicherheitsdienst an der Pforte hat er ebenso ein freundliches Wort wie für den großen Unternehmerkollegen.
Wenn er mit Menschen redet, offenbart sich sein phänomenales Gedächtnis für Personen, das sonst Politikern eigen ist. Immer wieder sind die Menschen verblüfft, dass er den Namen eines Enkels kennt und fragt, wie die Aufnahmeprüfung auf die Universität verlaufen ist, oder den Namen einer Tante, die krank war. Ein bisschen Politiker ist auch Mustafa Koç. Als Mitglied im Vorstand des mächtigen Industriellenverbands Tüsiad meldet er sich öffentlich zu Wort, wenn er mit einer Entwicklung nicht zufrieden ist oder wenn er etwas nicht gerecht findet. So war es wohl auch seiner Wortmeldung zuzuschreiben, dass vor drei Jahren der unter fadenscheinigen Vorwänden verhaftete Rektor der Universität Van, Yücel Askin, wieder freigelassen wurde.
Manches erledigt Mustafa Koç aber auch ohne das Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit. Jahrzehnte waren die meisten Türken unglücklich über Atatürks Wachsfigur im Kabinett von Madame Tussaud. Nichts änderte sich. Dann beklagte sich wieder einmal ein hochrangiger General gegenüber Mustafa Koç über das Bild, das diese Figur abgebe. Diskret nahm sich Koç der Sache an. Er sorgte dafür, dass im Mausoleum von Ankara Atatürks Maske abgenommen werden konnte, dass sie die Grundlage für eine neue Wachsfigur wurde und dass im vergangenen Jahr die alte Figur endlich ausgetauscht wurde. Als Mustafas Großvater in Ankara den Grundstein für die Familienholding legte, baute dieser Atatürk ebenfalls in Ankara die neue Türkei. Mustafa Koç sieht sich in der Tradition beider. Und doch steht er zu Beginn des 21. Jahrhunderts auch für die junge, dynamische Türkei.
Zur Person:
- Mustafa Koç wird 1960 in Istanbul als der älteste von drei Söhnen von Rahmi Koç geboren.
- Nach dem Abitur an einem Schweizer Internat studiert er an der George Washington University Betriebswirtschaftslehre und schließt 1984 mit einem B.A. ab.
- Nach der Rückkehr in die Türkei steigt er in der Familienholding auf. Er beginnt in der Autogruppe Tofas, 1996 wird er Vorsitzender der Bau- und Bergbaugruppe.
- 2003 löst er seinen Vater als Vorstandsvorsitzenden der größten türkischen Familienholding ab.
Text: F.A.Z.
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