Verbaler Doppelpass Vor ziemlich genau einem Jahr sah die Welt des Jürgen Klopp noch ein wenig schillernder aus. Die Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland war gerade zu Ende gegangen und hatte neben den deutschen Himmelsstürmern der Bundestrainer Jürgen Klinsmann und Joachim Löw noch einen weiteren Star geboren: ebenjenen Jürgen Klopp. Auf der Suche nach einer passenden Antwort auf das erfolgreiche Moderatorengespann der ARD Delling/Netzer entschieden sich die Verantwortlichen des ZDF für ein ungewöhnliches Trio: Dem Anchorman Johannes B. Kerner wurden der Schweizer Ex-Schiedsrichter Urs Meier und ein bis dahin lediglich unter Fußballinteressierten bekannter Trainer zur Seite gestellt. Als sehr mutig“ empfindet Klopp diese Entscheidung noch heute. Während die Kommentare des Eidgenossen oft dem Spieltempo gnadenlos hinterherliefen, spielte sich Klopp bereits nach kurzer Zeit im verbalen Doppelpass mit Kerner die Bälle zu. In Erinnerung bleiben aber wird vor allem der TV-Paint, jener elektronische Griffel, den einst die Montagsmaler“ populär machten und mit dessen Hilfe Klopp vier Wochen lang zum Fußballlehrer der Nation aufstieg. Er erklärte, warum Klose (linker Kringel) und Podolski (rechter Kringel) in dieser oder jener Situation die Laufwege besser hätten kreuzen sollen, und begeisterte sogar Frauen für die Abseitsfalle. Als Klopp für diese Leistung später gemeinsam mit Kerner den Deutschen Fernsehpreis“ erhielt, war das deutsche Trainermärchen perfekt. Rhetorikkurs und geile Gäule Eine besondere Vorbereitung auf diesen Einsatz hatte es nicht gegeben. Einfach sollten die Erklärungen sein, weil während der WM noch ein paar Laien mehr vor dem Fernseher sitzen“. Ansonsten habe er ein gesundes Zutrauen in seine Fähigkeiten gehabt, sagt Klopp und zieht den Vergleich zu einem Chir-urgen, der sich vor einer Operation auch nicht jeden Schritt neu überlegen müsse. Rhetorikkurse? Klopp schlürft an seinem Milchkaffee und winkt ab. Die habe er sicher mal nötig, er wisse ja, dass er oft viel zu schnell rede. Außerdem gehen mit mir manchmal die Gäule durch“, zum Beispiel wenn er geil“ sagt, was er ziemlich oft tut, wenn er seine Begeisterung zum Ausdruck bringen will. Das Talent zur freien Rede habe er von seinem Vater geerbt, einem Schwaben, der schon während der Versammlungen im örtlichen Gemeindehaus gern das Wort schwang. Ansonsten gehöre er wohl zu den Leuten, denen es nichts ausmache, ob sie nun vor zwanzig Spielern in der Kabine reden oder vor zwanzig Millionen Zuschauern. Klopp redet, wie man in Mainz sagt, wie ihm der Schnabel gewachsen ist“ – und Fußball-Deutschland hört gerne hin. Die Rolle als Frontmann ist dem ehemaligen Schulsprecher nicht neu. Der gebürtige Schwabe, den es als junger Mann nach Hessen zog, wo er sein Sportstudium durch das Kicken in hessischen Amateurmannschaften finanzierte, sieht sich als Verbinder“, der mit den meisten Menschen klarkommt. Früher kamen Mitspieler zu mir und zeigten mir Fehler in ihren Gehaltsabrechnungen, obwohl ich alles andere als ein Zahlenmensch bin.“ Klopp trat dann in Nachverhandlungen mit dem Schatzmeister. Kloppo im närrischen Mainz Über weite Teile seiner elf Jahre als Spieler von Mainz 05 galt er als das Sprachrohr“ der Mannschaft, obwohl er nie der herausragende Spieler der Mannschaft war. Zwar steht er bislang als Rekordspieler und zweitbester Torschütze des Vereins in den Annalen. Doch seine immer etwas sperrig wirkende Art auf dem Platz, die nicht unerheblich durch seine Körpergröße von 1,91 Meter geprägt wurde, hat ihn nie so richtig als Idol des Schulhof-Kicks taugen lassen. Klopps Autorität im hochkomplizierten Gebilde einer Profi-Fußballmannschaft sowie seine Beliebtheit unter den Fans erwuchsen vielmehr durch soziale Kompetenz“, wie er selbst sagt, gepaart mit hoher Bodenständigkeit und Authentizität, weshalb ihn alle Welt heute noch vertraulich Kloppo“ nennt. Diese Mischung war auch verantwortlich für die Personalentscheidung, zu der sich die Mainzer Klubführung im Februar 2001 durchrang. Der damalige Zweitliga-Verein taumelte zielsicher dem Abstieg entgegen, den Trainer hatte man in der Saison bereits erfolglos gewechselt. Am Rosenmontag, eigentlich einer der höchsten Feiertage in der Landeshauptstadt, kamen die Verantwortlichen dann auf eine Idee, die mancher schon als närrisch abtat: Sie machten den Verteidiger Jürgen Klopp, der sich mit 33 Jahren dem Ende seiner aktiven Laufbahn näherte, zum neuen Trainer. Eine Entscheidung mit weitreichenden Konsequenzen. Denn der Novize schaffte in dieser Saison nicht nur den kaum noch erhofften Klassenerhalt. Klopp ließ offensiven Konzeptfußball spielen und gewann so die Herzen der Fans zurück. Mit diesem später als Spaßfußball“ titulierten System spielte die Mannschaft in der folgenden Spielzeit lange um den Aufstieg ins Fußball-Oberhaus mit, der erst am letzten Spieltag verpasst wurde. Ebenso wie ein Jahr später, als nur ein einziges Törchen fehlte. Beide Male, erinnert er sich, habe es viele warnende Stimmen geben: So eine Saison komme nie wieder, er müsse jetzt unbedingt den Verein wechseln. Doch Klopp blieb – und stieg 2004 im dritten Anlauf mit seiner Mannschaft auf. Es sind nicht zuletzt diese Erfahrungen aus dieser Zeit, die ihn in seiner jetzigen Entscheidung bestärken, nicht den schnellen, leichten Weg zu gehen und den Ruhm seiner WM-Popularität abzuschöpfen. Seine Spieler hat er auch dabei“ An die Zeit nach dem Sommermärchen erinnert sich Klopp noch gut. Die Vorbereitung stand an, und wenn die Mainzer zu einem Testspiel gegen unterklassige Vereine antraten, habe die Begrüßung durch den Platzsprecher in etwa so geklungen: Es kommt Jürgen Klopp – ach ja, und seine Spieler hat er auch dabei.“ Das sei ihm damals sehr unangenehm gewesen, mittlerweile könne er aber damit umgehen. Seine private Homepage registrierte damals monatliche Zugriffe im sechsstelligen Bereich, und der E-Mail-Eingang quoll über. Es hagelte Anfragen junger Trainer nach seinen Methoden und Angebote für Bücher, die Klopp jedoch allesamt absagte mit der Begründung: Ich hätte keine Ahnung, was da drinnen stehen sollte.“ Zwar ist es auch gerade wegen des sportlichen Abstiegs etwas ruhiger um die Person von Jürgen Klopp geworden, doch wird er seine Rolle als Kommentator von Länderspielen weiter einnehmen. Sollte der direkte Wiederaufstieg nicht gelingen, dann wird er sich – Vertrag hin oder her – die Frage nach der eigenen Karriere jedoch stellen müssen. Sein Name dürfte schon vorher regelmäßig gehandelt werden, wenn ein renommierter Klub gerade mal wieder einen neuen Chefcoach sucht – so sind die Mechanismen des Geschäfts. Dass die Abnabelung vom sicheren Mainzer Umfeld kommen wird und kommen muss, das weiß auch Jürgen Klopp. Ich will irgendwann weg, ich will Titel gewinnen, und ich will auch mal in anderen Ländern arbeiten.“ Aber eben noch nicht jetzt.
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