Sagt er Handy, meint Mohammed Ibrahim gleich so Bedeutsames wie Demokratie und Rechtsstaatlichkeit. Nichts, so das Credo des Sudanesen mit britischem Pass, habe Afrika in den letzten zehn Jahren nachhaltiger verändert als die Einführung von Mobilfunknetzen. Diese Form der Kommunikation ist nicht zu stoppen, sie ist nicht zu kontrollieren, und sie stellt eine echte Machtbasis dar: die Macht des Wissens“, glaubt Ibrahim. Das ist, als ob jemand in einem dunklen Raum das Licht angemacht hätte. Alles ist für jeden nunmehr sichtbar, und glauben Sie mir: Wer im prallen Licht steht, der benimmt sich.“
Der Mann am Lichtschalter ist er selber. Der promovierte Elektronikingenieur Mohammed Mo“ Ibrahim ist der unbestrittene Mobilfunkpionier Afrikas. Als Ibrahim 1998 seine Firma Celtel gründete, hätte niemand geglaubt, dass etwas vermeintlich Kostspieliges wie ein Handy auf dem Hungerkontinent Erfolg haben könnte. Heute gilt Celtel als die erfolgreichste afrikanische Firma überhaupt. Das Unternehmen ist in 15 afrikanischen Ländern aktiv, beschäftigt 5000 Personen und realisiert einen Reingewinn von 150 Millionen Dollar bei einem Umsatz von rund 620 Millionen Dollar. Der durchschnittliche Umsatz pro Kunde liegt bei 21 Dollar im Monat und damit auf dem Niveau, das Mobilfunker in Osteuropa erwirtschaften. Und das alles auf einem Kontinent, an den niemand glauben mag. Dabei füllt der Mobilfunk in Afrika jene Lücke, die der Zusammenbruch der staatlichen Festnetze hinterlassen hatte. Auf einem Kontinent ohne Infrastruktur brachte er die Menschen wieder zusammen, eröffnete ihnen neue Geschäftsperspektiven und vor allem: sorgte für einen radikalen Wechsel im politischen Miteinander. Polizeiliche Übergriffe, von denen man vor Celtel bestenfalls nach Wochen erfuhr, werden heute in Echtzeit durch die Welt telefoniert. Oppositionelle machen heute per Handy Wahlkampf aus der Gefängniszelle heraus.
Ganz nebenbei ist Celtel ein glänzendes Geschäft. 3,4 Milliarden Dollar zahlten kuweitische Investoren vor zwei Jahren für das Unternehmen. Damit wurde nicht nur Ibrahim, der 25 Prozent hielt, zum vielfachen Millionär, sondern auch rund 100 seiner mehrheitlich afrikanischen Angestellten zu vermögenden Leuten, weil Mo seinen Mitarbeitern zwar stets viel abverlangt hat, sie aber gleichzeitig an der Firma beteiligte.
Seither ist der 62 Jahre alte Unternehmer zu anderen, ungleich gefährlicheren, weil politischen Ufern unterwegs. Ibrahim hat nämlich einen beträchtlichen Teil seines Vermögens in seine Mo Ibrahim Stiftung“ investiert, die künftig eine Art Nobelpreis für Afrika verleihen wird. Nur viel, viel lukrativer. Dem afrikanischen Staatschef, der sein Land nachweislich sozial und wirtschaftlich vorangebracht hat, der Meinungsfreiheit ebenso re-spektiert wie die Verfassung und der in Würden abgedankt hat, dem schenkt die Stiftung 500.000 Dollar jährlich über die kommenden zehn Jahre, und danach erhält er jedes weitere Jahr 200.000 Dollar bis an sein Lebensende. Zusätzlich kann er weitere 200.000 Dollar im Jahr für persönliche Studien ausgeben. Zudem wird die Stiftung, in deren Rat der ehemalige Generalsekretär der Vereinten Nationen Kofi Annan und die ehemalige irische Ministerpräsidentin Mary Robinson sitzen, mit Hilfe der Harvard-Universität einen Länderindex erarbeiten, der Afrika in Gewinner und Verlierer katalogisieren wird.
Allein die schiere Summe des ausgelobten Geldes ist geeignet, die Verleihung des Mo-Ibrahim-Preises auf dem Kontinent zum politischen Ereignis des Jahres zu machen. Befinden Mos Harvard-Jünger dann auch noch ein Land wie etwa seine Heimat Sudan als wenig zukunftstauglich, ist wütender Streit programmiert. Finanziert wird der Preis übrigens aus Ibrahims Privatschatulle.
Warum tut sich einer, der alles erreicht hat, der sich nahezu alles leisten kann und der den Rest seines Lebens eigentlich mit Luxusjachten und ähnlich schönen Dingen verbringen könnte, dieses riskante Spiel an? Weil ich Nubier bin“, sagt Ibrahim. Weil Afrika mein Kontinent ist, weil ich Afrika so viel verdanke und weil es Zeit ist, ein Stück davon zurückzugeben.“
Mohammed Ibrahim sucht nicht die Selbstdarstellung, wenngleich die Namensnennung des Preises mehr als nur ein wenig Eitelkeit verrät. Es geht ihm um etwas ganz anderes. Wir Afrikaner müssen endlich anfangen, uns selbst zu helfen, und nicht immer erwarten, dass andere unsere Probleme lösen“, sagt er. Der Kontinent brauche Jobs und Wohlstand, keine Ausreden mehr. Er könne es nicht mehr hören, ärgert sich Mo, diese ewigen Ausreden afrikanischer Politiker, dieses Vertrösten auf morgen und dieses Beharren auf den afrikanischen Traditionen“, mit denen alles entschuldigt wird, was auf diesem Kontinent schiefgeht. Es gibt keine afrikanischen Menschenrechte und keine afrikanische Demokratie. Es gibt universelle Menschenrechte und universelle Standards für Demokratie“, sagt Ibrahim. Und dass sich diese schlichte Wahrheit endlich in Afrika herumspricht, ist ihm einige Millionen Dollar wert.
Mos Engagement für Afrika hat einen ganz profanen privaten Hintergrund. Als junger und ehrgeiziger Ingenieur musste Ibrahim nach Europa gehen, weil sein Ehrgeiz und sein Talent zu groß waren für die dürftigen Chancen, die ein in Korruption, Vetternwirtschaft und schlichter Unfähigkeit gefangenes Afrika ihm bieten konnte. Den folgenden Generationen soll dies nicht mehr passieren.
Angefangen hat Ibrahim nach seinem Studium der Elektrotechnik in Ägypten, wo er als Sohn eines sudanesischen Baumwollhändlers aufwuchs, zunächst bei der staatlichen sudanesischen Telefongesellschaft. Mitte der siebziger Jahre gewann der junge Nachrichtentechniker ein britisches Stipendium und schloss das Studium in Großbritannien 1981 mit einem Doktortitel ab. Bei der British Telecom absolvierte Ibrahim anschließend eine steile Karriere bis hin zum technischen Direktor der neu gegründeten Mobilfunksparte. Das erste private Mobilfunknetz der Welt, das 1985 in London den Betrieb aufnahm, ist übrigens sein Baby.
Doch schon bald wurden Ibrahim der riesige Konzern und seine starren Strukturen zu langweilig. 1989 gründet Ibrahim die Beratungsfirma MSI, und der Zeitpunkt hätte nicht günstiger sein können. Überall in Europa wurden zu diesem Zeitpunkt Mobilfunklizenzen vergeben an Unternehmen, die häufig gar nicht wussten, wie ein solches Netz aufgebaut wird. MSI lieferte das Know-how, wurde sehr schnell zu einem global agierenden Unternehmen mit rasant steigenden Umsätzen, und Mo fing schon wieder an, sich zu langweilen.
Aber da war immer noch diese Idee, die Menschen in Afrika, dem Kontinent ohne Infrastruktur, miteinander ins Gespräch zu bringen. 1998 gründete Ibrahim MSI Cellular Investments, es war der Grundstein für sein Mobilfunkengagement in Afrika. Zwei Jahre später verkaufte Ibrahim seine Beratungsfirma MSI für knapp 620 Millionen Dollar an den italienischen Konzern Marconi, aus MSI Cellular Investments wird Celtel, die Firma, die das Unmögliche wagen soll: Afrika Han-dys zu verkaufen. Das gelang ihm so gut, dass diejenigen, die Ibrahim damals Geld geliehen haben, ihren ursprünglichen Einsatz verfünfundzwanzigfachen konnten.
Meine Botschaft ist eine ganz einfache“, sagt Ibrahim: Afrika lohnt sich.“ Voraussetzung aber seien Transparenz, gute Regierungsführung und Verantwortungsbewusstsein auf Seiten der afrikanischen Eliten. Dafür soll sein Preis stehen, sagt Ibrahim. Er habe mit vielen Politikern darüber geredet, erzählt er, und alle hätten seine Idee überzeugend gefunden. Nicht so sehr wegen des Preisgeldes, sondern wegen der Aufmerksamkeit, die so viel Geld erzeugt. Wenn wir in Anschluss an die erste Preisverleihung eine richtige Debatte über die Art bekommen, wie die Zukunft des Kontinents gestaltet werden soll, haben wir erreicht, was wir wollen“, glaubt Ibrahim. Der erste Kandidat für den Mo-Ibrahim-Preis soll im Oktober bekanntgegeben werden.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Archiv, DDP