Juliane Kokott

Europas Anwältin

Von Melanie Amann

Kokott vereinbart scheinbar mühelos Beruf und Familie

Kokott vereinbart scheinbar mühelos Beruf und Familie

21. Oktober 2006 Da kommen jetzt noch zwei Presse-Fuzzis", sagt der Mitarbeiter von Juliane Kokott, nicht wissend, daß die schon in Hörweite stehen. Im Büro der Generalanwältin beim Europäischen Gerichtshof kommen Journalisten gerne vorbei, mal von der Cosmopolitan, mal von der Neuen Zürcher Zeitung. Denn Professor Dr. Dr. Juliane Kokott hat einen der höchsten Posten inne, den die Europäische Union an Juristen zu vergeben hat: Als eine von acht Generalanwälten unterstützt sie die Richter mit ihren Schlußanträgen bei der Auslegung des europäischen Rechts. Und fast immer folgen die Richter ihrer Einschätzung. Das ist spannend, aber wenn man ganz ehrlich ist, wird es erst so richtig spannend, wenn man das zweite Leben von Juliane Kokott kennt: Sie ist Mutter von sechs Kindern.

Für die hat sie nur am Wochenende richtig Zeit, denn von Montag bis Donnerstag lebt und arbeitet Juliane Kokott allein in Luxemburg. In ihrem Büro am Gerichtshof prüft sie dann, ob Irland beim Schutz seltener Vogelarten versagt hat oder ob die Lieferverträge für spanische Tankstellenbetreiber europarechtswidrige Klauseln enthalten. Ihre Rechtsgutachten dienen den EuGH-Richtern als Entscheidungshilfe. Für die Mitgliedstaaten stehen nicht selten Milliardensummen auf dem Spiel: Anfang September mußte Kokott etwa klären, ob die Versteigerung von UMTS-Lizenzen mehrwertsteuerpflichtig ist, ob die Mitgliedstaaten sie also den Mobilfunkunternehmen im Rahmen der Umsatzsteuererklärung erstatten müssen. Nein, lautete die Antwort, die Versteigerung sei kein Geschäft im marktwirtschaftlichen Sinne. Folgen die Richter dem Votum, hätte Kokott der Bundesregierung Rückzahlungen von mehr als 7 Milliarden Euro erspart. "Das europäische Recht erspart die Rückzahlungen", würde Frau Kokott wohl mit ihrer sanften Stimme korrigieren.

Talent, Zielstrebigkeit, gute Mentoren

„Wer sich auf Zufälle verläßt, landet schnell im Abseits”

„Wer sich auf Zufälle verläßt, landet schnell im Abseits”

Jeden Donnerstag abend fährt ein Chauffeur sie im Dienstwagen zu ihrer Familie nach Baden-Württemberg. Bis zum letzten Moment studiert Kokott im Auto Akten. Davon geben die Mitarbeiter ihr lieber zu viele mit, denn sie haßt es, untätig im Auto zu sitzen. Wenn Kokott dann aussteigt, kann sie sich ganz auf die sechs Kinder - vom Baby bis zum Abiturienten - einlassen. "Ich kenne niemanden, der so hart arbeitet und danach so gut abschalten kann wie sie", sagt eine Freundin.

Der 48 Jahre alten Juliane Kokott ist gelungen, womit sich viele Frauen abplagen: die augenscheinlich mühelose Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Oder, besser gesagt, die Vereinbarkeit von Spitzenkarriere und Familie. Die Basis dafür hätten ihre Eltern gelegt, ist Kokott überzeugt. "Sie waren sehr fordernd und selbstbewußt, fast schon zu selbstbewußt." Sie hätten der Tochter die Überzeugung vererbt, daß man mit Leistung alles erreichen kann. Als Kokott mit dem Jura-Studium in Bonn anfing, wollte sie auch noch werden, was ihr Vater war: Bürgermeister. "Mein Studium verlief anfangs ganz schön orientierungslos", erinnert sie sich. Vor allem die Nebengebiete der Juristerei habe sie erkundet: Rechtsphilosophie, Rechtsgeschichte, Rechtssoziologie. Einen Schub habe ihr erst ein Studienjahr in Genf versetzt. "Das internationale Umfeld und die anregenden Menschen haben meinen Ehrgeiz geweckt."

„Die Kinder kamen daneben wie von selbst“

Zu ihrer juristischen Brillanz und Zielstrebigkeit kam bei Kokott das Glück, die richtigen Mentoren zu finden. Zum Beispiel den Völkerrechtler Tom Buergenthal, für den sie 1983 als Studentin in Washington gearbeitet hatte. Er machte ihr Mut, für ein Forschungsjahr nach Harvard zu gehen. Oder Karl Döhring, Direktor am Heidelberger Max-Planck-Institut, der von Fakultätskollegen als "Frauenbeauftragter" verspottet wurde, als sich Kokott 1992 bei ihm im internationalen Recht habilitierte - als erste Frau in Deutschland. Döhring unterstützte sie auch, als ein Kollege ihre Habilitation nicht anerkennen wollte, weil Kokott nicht den Namen ihres Ehemannes angenommen hatte. Bald folgten Lehrstuhlvertretungen in Augsburg, Heidelberg und Düsseldorf, 1999 erhielt Kokott einen Ruf an die renommierte Universität St. Gallen. Deren Institut für Europäisches und Internationales Wirtschaftsrecht war 2003 ihr Sprungbrett zum Europäischen Gerichtshof.

"Die Kinder kamen daneben wie von selbst", sagt die Juristin. Und sie ließen sich stets mit ihrem Beruf vereinbaren: Der älteste Sohn reiste als Säugling mit nach Harvard, der zweite kam direkt nach Abgabe der Habilitation zur Welt und das jüngste Kind am ersten Tag eines langen Urlaubs. Bei Tagungen und Dienstreisen waren Kindermädchen und Babys stets mit von der Partie. Nur die vielen Umzüge ersparte Juliane Kokott den Kindern, sie pendelte selbst von ihrer jeweiligen Uni nach Hause. Eine Teilzeitstelle hatte sie nie, auch ihr Mann, ein Steuerrechtsanwalt, mußte beruflich nie zurückstecken. Strenggenommen meistert Juliane Kokott aber auch keine Doppelbelastung, sondern hat eine Belastung delegiert: Für Kinderbetreuung und Hausarbeit sind unter der Woche gleich fünf Kindermädchen im Einsatz. Jeden Tag kommt eine andere Studentin, hilft bei den Hausaufgaben, spielt mit den Kindern und bringt sie zum Sport oder zur Musikstunde.

Damit Kokott am Wochenende für die Kinder da sein kann, muß die schmale, zerbrechlich wirkende Frau notfalls die Nächte durcharbeiten. "Das funktioniert, weil die Arbeit soviel Spaß macht", erklärt sie. Die rund 40 EuGH-Verfahren im Jahr, die Vorträge und Publikationen empfinde sie daher nicht als anstrengend. "Ich habe zuviel Energie, um den ganzen Tag Handtücher zu stapeln", sagt sie mit ihrer leisen, sanften Stimme. "Dann würde ich zur ungenießbaren Haushaltsperfektionistin." Sogar für Tanzstunden und Skiurlaube reicht die Energie noch. Und ihre Neugier beschränkt sich nicht auf juristische Themen. Als Kokott jüngst zu einem Vortrag in Rom eingeladen wurde, beschloß sie kurzerhand, ihn auf italienisch zu halten. Gelernt hatte sie die Sprache nie, aber Latein und Französisch. "Das kann ja wohl nicht so schwer sein" - mit diesen Worten bat sie die Mitarbeiter, eine Übersetzung des Manuskripts zu besorgen.

Vielleicht liegt hier das Erfolgsgeheimnis von Juliane Kokott: Sie geht grundsätzlich davon aus, daß die Dinge schon nicht so schwierig sein werden. Es gibt für sie keine Hindernisse, sondern nur Hürden, die sportlich genommen werden müssen. Wieso sollte eine frischverheiratete Frau und Mutter nicht promovieren können? Was spricht dagegen, allein mit einem neugeborenen Kind nach Harvard umzuziehen? Warum kann die Kinderfrau ein Baby nicht zum Stillen ins Büro bringen? "Meine Lebensumstände sind nun mal so, alles andere wäre unvernünftig", wird Juliane Kokott dem antworten, der ihr Lebensmodell in Frage stellt. Wofür hat sie die teure Ausbildung gemacht? Daß die Deutschen angesichts der demographischen Entwicklung langsam aufwachen und über die Vereinbarkeit von Beruf und Familie debattieren, erfülle sie mit Genugtuung: "Jetzt muß ich mir nicht mehr anhören, daß sechs Kinder asozial sind." Viele Frauen planten ihr Leben aber zuwenig. "Man sollte immer wissen, wo man in fünf Jahren stehen will. Wer sich auf Zufälle verläßt, landet schnell im Abseits."

Wieder eine Ausnahme?

Den Posten einer Generalanwältin zu bekommen läßt sich jedenfalls nicht planen. Viele Kollegen hat Kokotts Ernennung überrascht. Gewiß hatte sie einen großen Namen, aber für eine Spitzenposition in Europa reicht Fachkompetenz nicht immer aus. Ihr Vorgänger Siegbert Alber war CDU-Mitglied und Vizepräsident des EU-Parlaments. Die parteilose Juliane Kokott wurde von der rot-grünen Regierung berufen, aber sie hatte schon die Regierung Kohl beraten. Kokott mag also politisch unabhängig sein, entsprechend wenig Geduld hat sie aber für Diplomatie. Als der frühere Finanzminister Hans Eichel die Eingriffe des EuGH in das deutsche Steuerrecht kritisierte, konterte sie in aller Öffentlichkeit, sein Ministerium solle erst mal alle Möglichkeiten zur Beteiligung an den Verfahren nutzen, anstatt sich zu beklagen.

Sollte die Bundesregierung sich 2009 entscheiden, Kokotts Amtszeit zu verlängern, wäre sie jedenfalls wieder eine Ausnahme. Bisher wurden deutsche Spitzenbeamte am EuGH nach einem Regierungswechsel ehrenvoll ausgemustert. Kokott behauptet, sie habe noch keine Pläne für den Fall, daß auch sie ihren Posten verliert. Aber wie ihr Mitarbeiter sagt: "Sie wird sich mit 53 Jahren sicher nicht mit einem guten Buch aufs Sofa legen."

Text: F.A.Z., 21.10.2006, Nr. 245 / Seite C3
Bildmaterial: F.A.Z. - Julia Zimmermann

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