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Jobs der Woche

Brigitte Mohn

Vom Imperium befreit

Von Petra Schlitt



Zwischen Bertelsmann und Schlaganfallhilfe: Brigitte Mohn
27. August 2007 
Pressekonferenz in der sonst eher nüchternen Hamburger Europa-Passage, die an diesem Freitagmorgen mit Hunderten bunter Blumenbilder geschmückt ist. Verona Pooth ist da, lächelt in die Kameras, zupft ihre blaues Audrey-Hepburn-Kleid öffentlichkeitswirksam zurecht. Pooth ist das Gesicht der Deutschen Schlaganfallhilfe, wirbt für schnelles Handeln im Ernstfall seit Monaten im deutschen Fernsehen. Neben ihr im schwarzen Kostüm sitzt Brigitte Mohn, der Kopf der Organisation. Schmal wirkt sie in ihrem schwarzen Kostüm, fast ein wenig zerbrechlich.

Während Verona Pooth voller Pathos erzählt, wie wichtig es sei, der Gesellschaft etwas zurückzugeben, und wie sehr es sie berührte, als ihre „Freundin Liz Mohn“ vom Schicksal des eigenen Sohnes erzählte, klingt die Vorstandsvorsitzende der Stiftung Deutsche Schlaganfallhilfe deutlich nüchterner. Ruhig und bescheiden erzählt sie, wie der Münsteraner Künstler Pellegrino Ritter mit seiner Idee zu ihr nach Gütersloh kam; wie sie sofort wusste, das ist das Richtige, um das ernste Thema Schlaganfallhilfe einmal völlig neu anzugehen. Malen hilft Patienten, Blumenbilder schenken macht Freude, und deren Verkauf hilft der Schlaganfallhilfe.

Abnabelung in Amerika

Werbeikone Verona Poth verschafft der Ausstellung in Hamburg Aufmerksamkeit

Lösungen wie diese liebt Brigitte Mohn. Seit 2001 ist sie Vorstandsvorsitzende der Schlaganfallhilfe, die heute 33 Mitarbeiter beschäftigt. Sie hat die Aufgabe von ihrer Mutter Liz Mohn übernommen, die die Organisation 1993 gründete. „Ein paar Wochen musste ich damals schon überlegen, ob ich das will“, räumt sie offen ein. Schließlich legte die heute 42 Jahre alte Mohn schon immer viel wert darauf, ihren eigenen Weg zu gehen. Der wichtigste Pfad führte sie zweifellos über Amerika. Dort lernte sie nicht nur, auf eigenen Füßen zu stehen, sich von der Krankenversicherung bis zur Wohnung um alles selbst zu kümmern. Noch wichtiger war die Distanz aus einem anderen Grund. „Unternehmerkinder haben es schwerer als andere, sich zu beweisen“, sagt sie rückblickend auf diese Zeit.

Und es ist schließlich nicht irgendein Unternehmen, in das Brigitte Mohn hineingeboren wurde, sondern ein wahres Imperium, das im Jahr fast 20 Milliarden Euro umsetzt. Denn die Bertelsmann AG ist der einzige deutsche Medienkonzern, der derzeit in der Weltliga mitspielt. Zu dem nicht börsennotierten Unternehmen aus Gütersloh gehören vor allem die RTL-Group mitsamt dem führenden deutschen Privatfernsehsender und der Zeitschriftenverlag Gruner+Jahr, der weltgrößte Buchverlag Random House sowie die Hälfte der Plattenfirma Sony BMG Music Entertainment.

Malen mit Verona in der Hamburger Europassage

So half Brigitte Mohn ihre Zeit in Amerika auch, die eigene Familie mit mehr Distanz zu sehen, Überzeugungen wie die des Vaters Reinhard Mohn („Wer eine privilegierte Stellung hat, muss der Gesellschaft etwas zurückgeben“) teilen zu können ohne das Gefühl, sich selbst etwas zu vergeben.

Wir-Kultur nicht immer förderlich

Bei der Entscheidung, den Vorstandsvorsitz der Schlaganfallhilfe zu übernehmen, zählte für die Tochter aus dem Hause Bertelsmann aus eigener Sicht nur eines: Sie brauchte eine Vision, damit das Amt zu ihrem eigenen wird. Die promovierte Politologin fand die Antwort in einem Satz: Dem dritten Sektor fehlt die professionelle Effizienz. Wenn Stiftungen vom Staat Geld und steuerliche Erleichterungen bekommen, müssen sie mit dem Geld auch gut umgehen, lautete die nüchterne Übersetzung dieser Erkenntnis. Die Aufgabe reizte.

Die Eltern Liz und Reinhard Mohn

Das Rüstzeug dafür hatte sich Mohn in diversen Stationen erarbeitet. Prägend war die Zeit bei der Unternehmensberatung McKinsey. Hier stellte sie nicht nur fest, dass eine reine Wir-Kultur nicht immer leistungsfördernd und „danke sagen“ wichtig ist. „Zur Motivation gehört auch, dass man mal sagt: Dies ist Dein Erfolg beziehungsweise der Erfolg des Teams“, sagt sie. Hier verfestigte sich auch ihr Interesse daran, „Lösungsansätze zu schaffen, Strukturen und Systeme aufzubauen“. McKinsey war aber noch für eine weitere Einsicht gut – das betriebswirtschaftliche Rüstzeug zu verbessern. So entschied sie sich nach ihrem Ausflug in die Beraterbranche für ein MBA-Studium an der renommierten WHU in Koblenz und dem Kellogg Institute in den Vereinigten Staaten. „Ohne McKinsey hätte ich gedacht, ich kann das alles auch so“, merkt sie lächelnd an.

Reformideen für das Gesundheitswesen

Sie versucht heute, alles Gelernte bestmöglich anzuwenden. Sie achtet darauf, bei früheren Arbeitgebern entdeckte Fehler selbst zu vermeiden. Neben der Schlaganfallhilfe wurden ihr weitere Aufgaben übertragen. Vor vier Jahren berief sie ihr Vater zusätzlich in den Vorstand der von ihm gegründeten Bertelsmann Stiftung. Dort ist sie mit 60 Mitarbeitern für alle Gesundheitsthemen zuständig. Doch bei dieser Aufgabe belässt es Brigitte Mohn natürlich nicht. Die bloße Verteilung von Stiftungsgeldern ist ihr eigentlich viel zu wenig. Am liebsten würde sie das gesamte deutsche Gesundheitswesen revolutionieren. Eine eigene Lösung hat sie auch schon parat: Als Vorbild dient die Baubranche, wo ein Generalunternehmen sich verpflichtet, alle Leistungen für den Bauherrn zu erbringen, und damit wiederum Subunternehmer beauftragen kann. Durch ein solches System könne im Gesundheitswesen Doppelarbeit verhindert und die Versorgung der Patienten verbessert werden.

Das Bundesverdienstkreuz für den Vater, der als einer der bedeutensten Unternehmer der Nachkriegszeit gilt

Brigitte Mohns Liebe zur Medizin begann früh. „Eigentlich“, verrät sie, „wollte ich Ärztin werden.“ 15 Jahre alt war sie damals und schon viel gereist mit den Eltern. Da hatte sie Armut und verzweifelte Familien gesehen. „Wenn ich Medizin studiere“, dachte der Teenager, „könnte ich ihnen helfen.“ Gegen ein Medizinstudium waren nicht die Eltern, sondern der Numerus clausus von 1,0, den sie mit ihrem Abitur-Durchschnitt von 2,2 verfehlte. Kinderärztin in der Dritten Welt wäre sie geworden, würde der Organisation Ärzte ohne Grenzen angehören. „Auf einer anderen Ebene bin ich das ja auch“, fügt sie mit einem Augenzwinkern hinzu. Heute hat sie größere Träume. Eine „Kooperationskultur“ in Deutschland und Europa will sie wecken, die darauf ausgerichtet ist, Sachlösungen für die gesellschaftlichen Probleme zu finden.

Vorbild ist auch hier Amerika, wo das Stiftungswesen eine viel größere Bedeutung hat, wo Milliarden verwaltet werden. Von den amerikanischen Vorbildern will sie lernen, kennt viele Mitarbeiter der Stiftungen aus ihrer Zeit in New York und Kanada.

Nicht in die operative Führung

Er baute Bertelsmann zu einem Imperium aus mit einem Umsatz von 20 Milliarden Euro

Große Aufgaben warten auch in Gütersloh. In der Bertelsmann-Verlagsgruppe (BVG) gilt sie neben ihrem Bruder Christoph als Anwärterin auf höhere Weihen im Konzern. Zusammen mit ihrem Vater und der Mutter ist sie Gesellschafterin der BVG, sitzt im sechsköpfigen Gremium, das die Stimmrechte in der Bertelsmann Hauptversammlung kontrolliert. Bruder und Mutter sind Mitglied des Aufsichtsrats der Bertelsmann AG. „Ich werde nicht in die operative Führung der Bertelsmann AG gehen“, sagt sie nur knapp. Der Frage nach den eigenen Ambitionen weicht sie zunächst einmal aus und betont, wie wichtig auch ihr Privatleben ist: „Wenn man eine Familie haben will, muss man als Eltern auch die Verantwortung übernehmen. Ich liebe meinen Beruf, aber ich will auch Mutter sein.“

Auch hier hat sie einen eigenen Weg gefunden, sich klare Regeln gesetzt. Frühstück mit dem Sohn gehört dazu und keine Termine nach 18 Uhr, möglichst auch nicht am Wochenende. Dass die 42-Jährige auf ihre Weise Verantwortung im Bertelsmann-Imperium übernehmen wird, schließt sie dabei keineswegs aus und sagt selbstbewusst: „Jeder muss einen eigenen Weg finden. Wenn die Eltern den Kindern das Unternehmen anvertrauen, muss es jeder nach den eigenen Fähigkeiten weiterführen.“ Und fügt dann letztlich noch hinzu: „Als nachfolgende Generation können wir unsere Eltern weder kopieren noch im Unternehmen ersetzen.“

Zur Person:

- Brigitte Mohn wird am 28.6. 1964 in Stuttgart geboren und wächst in Nordrhein-Westfalen auf

- Nach dem Studium der Politik, Kunstgeschichte und Germanistik und anschließender Promotion an der Universität Witten/Herdecke geht sie zum Institut für Weltwirtschaft in Kiel

- Anschließend arbeitet sie für einen Verlag in New York, als Beraterin für McKinsey in Hamburg und die Multimedia-Agentur Pixelpark in der Schweiz

- Nach einem MBA-Studium an der WHU in Koblenz und dem Kellog Institute in Amerika übernimmt sie 2001 den Vorstandsvorsitz der Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe

- Sie ist verheiratet und zweifache Mutter.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Bertelsmann, ddp, Deutsche Schlaganfallhilfe, obs, picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa/dpaweb, picture-alliance/ dpa, picture-alliance/ dpa/dpaweb
 
 
Lesermeinungen zum Beitrag [1]
Sinn und Zweck 27.08.2007, 08:22
 
   
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