Julia Stegner

Das Model nach den Supermodels

Von Alfons Kaiser

„Eigentlich bin ich ein Langweiler”

„Eigentlich bin ich ein Langweiler”

29. Oktober 2007 

Am Anfang, als sie sich zum Styling vor die Fensterfront mit Blick auf den Broadway setzt, sieht Julia Stegner noch nach Julia Stegner aus. Ihre Haare hängen glatt herunter. Sie trägt eine Grey-Ant-Jeans mit weitem Schlag, wie sie in Manhattan in Mode kommen. Und sie ist nur deshalb nicht mit dem Fahrrad aus dem East Village herübergekommen, weil das gerade einen Plattfuß hat. Während der Hair-Stylist nun eine Stunde lang ihre Haare bearbeitet, der Make-up-Mann sich ihr Gesicht vornimmt und am Ende Honey, die Nagelfachfrau, ihre Fingernägel bemalt, berichtet Julia Stegner von ihrer Karriere. Mit 22 Jahren hat man in den meisten Branchen nicht einmal die ersten Schritte getan. Als Topmodel hat man in dem Alter schon von einem langen Weg über Hunderte Laufstegkilometer zu erzählen.

Einige in ihrem Alter haben ihre Karriere sogar schon hinter sich. „Viele Mädchen, mit denen ich angefangen habe, sieht man heute kaum noch. Ich habe das Glück, dass mein Gesicht noch gefragt ist.“ Und das hat nicht nur mit Glück zu tun, sondern auch mit sorgsam gesteuerter Vermarktung. Julia Stegner achtet darauf, die Balance zu halten zwischen den künstlerischen Ansprüchen der „high fashion“ mit Laufstegauftritten und Magazinaufnahmen sowie dem kommerziellen Drang zu Werbekampagnen fürs richtig gute Geld. Und weil sie diese Balance gefunden hat, kann sie es sich in dieser Modewoche in New York sogar leisten auszuwählen: „Ich laufe nur ungefähr auf einer Schau pro Tag. Das ist easy, da schafft man zwischendurch noch ein Shooting. Das ist nicht so stressig, und nicht so viele Leute schreien herum.“

Das dünne Mädchen vom Oktoberfest

Das Supermodel-Zeitalter ist zwar vorbei – aber vielleicht hilft ihr genau das auf ihrem Weg. „Seit Claudia Schiffer und Heidi Klum hatte Deutschland kein Topmodel mehr. Deshalb steche ich jetzt eben heraus, obwohl ich mich mit den beiden nicht vergleichen kann, weil ich kein Supermodel bin.“ Als Claudia 1987 entdeckt wurde, kam Julia gerade in den Kindergarten. Als Claudia 1990 zum ersten Mal aufs „Vogue“-Cover kam, wurde Julia in München eingeschult. Und als Heidi im Wettbewerb „Model ’92“ siegte, war Julia in der dritten Klasse. Sieben Jahre später war sie mit Freunden auf dem Oktoberfest. Louisa von Minckwitz, Gründerin und Chefin der international tätigen Münchner Agentur „Louisa Models“, kam vorbei, sah die nicht einmal 15 Jahre alte spindeldürre Schülerin mit ihren 1,83 Metern aus der Gruppe herausragen, ging auf sie zu und gab dem verdutzten Mädchen ihre Visitenkarte. Die Freundinnen witzelten: „Ich auch!“ Aber Louisa, die 1981 ihre Agentur gegründet und längst einen unbestechlichen Blick entwickelt hatte, tat beherzt den Griff ihres Lebens: Julia Stegner, die zwei Wochen später mit ihren Eltern auf dem Sofa in der Agentur saß, ist „Louisa“ bis heute treu.

Julia machte noch die mittlere Reife. Aber fürs Fachabitur ging ihre Karriere dann doch zu schnell. Ein Testfoto kam im Jahr 2002 aufs Cover der französischen „Elle“. Louisa witterte die Chance, schickte Julia auf die Schauen – und da ging es richtig los. Tom Ford ließ sie am 1. März 2003 in Mailand für Gucci laufen. Und weil sie dem damaligen Super-Designer so gut gefiel, eröffnete und beschloss er mit ihr neun Tage später in Paris die Yves-Saint-Laurent-Schau für Herbst und Winter 2003. Von da an führte ihre Karriere Julia schnell auf „Vogue“-Titel, Boss-Anzeigen und Chanel-Laufstege. Im August 2007 setzte die deutsche „Vogue“ den Generationswechsel unter den deutschen Models ins Bild: Wie selbstverständlich ist sie da neben Claudia Schiffer und Nadja Auermann auf dem Titel zu sehen.

„Ich bin eigentlich ein Langweiler“

Im Gespräch streut Julia Stegner, während die Haare auf ihrem Kopf unter den Händen des Hair-Stylisten immer abenteuerlichere Formen annehmen, persönliche Geschichten ein: dass sie im Sommer drei Wochen zu Hause bei ihren Eltern in München war, so lange wie seit Jahren nicht; dass sie sich danach wieder an New York, wo sie seit drei Jahren lebt, gewöhnen musste; dass sie sich eine Wohnung samt Dachgärtchen im East Village gekauft hat; dass sie, seit sie den Kredit dafür abbezahlen muss, wenigstens weiß, wofür sie arbeitet; und dass sie „eigentlich ein Langweiler“ sei, gar nicht so viel ausgehe, sich aber manchmal zeigen müsse, um Kontakt zur Szene zu halten. Sie sagt das nicht aus Berechnung. Sie ist noch immer das Mädchen aus München, das ihren Freund schon noch dazu bringen wird, den Platten an ihrem Fahrrad zu reparieren – und das gerade wegen dieser ungezwungenen Natürlichkeit gebucht wird.

Sie ist auch nicht nur auf schöne Worte abonniert. Wie die Models in der Magazinwelt behandelt werden – das gefällt ihr nicht. „Die ganzen Hollywood-Stars auf den Covern sind mir zu viel. Models auf den Titelblättern sind schöner, denn sie wissen, was sie machen.“ Prominente haben viel vom Glamour der Models abgezogen. Das bedauert sie schon deshalb nicht, weil sie sich in New York, Paris oder München noch einigermaßen frei bewegen kann. Aber sie erkennt darin auch eine Spielart der Verachtung von Models.

Im Sarg in die Grube

Und da ist sie schon bei einem Lieblingsthema: den Vorurteilen. „Es heißt, wir Models nähmen Drogen, seien bulimisch und hätten nichts in der Birne. Aber so ist es nicht! Da wird die Ausnahme zur Regel erhoben!“ Drogen würden ihr zum Beispiel nie angeboten – „vielleicht sehe ich dafür auch zu brav aus“. Und dass viele Mädchen zu dünn seien, hänge nicht mit der Mode zusammen. Auch die Casting-Shows macht sie für Vorurteile verantwortlich: „Die Mädchen aus ,America’s Next Topmodel‘ habe ich noch nie hinterher in der High Fashion gesehen. Wenn ein Mädchen das Potential hat, braucht es nicht durch eine Casting-Show zu gehen – dann findet es eine Agentur.“ Bei der amerikanischen Show mussten sich die Mädchen in einen Sarg legen und wurden in eine Grube hinuntergelassen. Wer nicht mitmachte, flog raus. „Also Entschuldigung! Das hört sich so an, als ob wir keine Entscheidungsfreiheit hätten! Wenn mir das jemand sagen würde, würde ich sagen: Das mache ich nicht! Was hat das mit Modeln zu tun?“

Zum Model gehören also nicht nur die richtige Figur und das richtige Gesicht – sondern auch Durchsetzungsvermögen und Standfestigkeit. „Und man braucht einen guten Agenten, der die Termine steuert“, sagt sie. „Man darf nicht zu wenig machen, nicht zu viel und vor allem nicht das Falsche. Viele neue Mädchen werden geradezu verheizt. Aus Angst, dass in zwei Saisons schon wieder Schluss ist, will man möglichst viel Geld machen. Aber das senkt den Marktwert.“ Zwar sind die Welten nicht mehr so getrennt wie früher: Heute sieht man das gleiche Gesicht in einer Prêt-à-porter- und am nächsten Tag in einer Billig-Kampagne. „Aber man muss vorsichtig sein. Und wer neu ist, weiß das oft nicht.“ Außerdem muss man so flexibel sein, morgens einen Anruf zu bekommen und am nächsten Tag in Miami vor der Kamera zu stehen. „Am Anfang fiel mir das schwer, weil ich gerne alles geplant habe. Aber ich bin spontaner geworden.“

„Models sind auswechselbar geworden“

Sie musste, wie alle Models. Denn die Preise sind verfallen. Für Magazinaufnahmen gibt es häufig genug keinen Cent, für Laufstegauftritte oft nur ein Kleid – weil solche Auftritte ja den Marktwert in der Werbung steigern. Die osteuropäischen Models, die nach dem „brazilian moment“ in der Modelgeschichte heute dominieren, haben die Preise tief gedrückt. „Deshalb sind wir auch auswechselbar geworden“, meint Julia Stegner und erwähnt, dass Carmen Kass sogar mal geplant habe, eine Model-Gewerkschaft zu gründen. „Teilweise arbeiten wir die ganze Nacht und bekommen so gut wie nichts dafür. Und manche sind erst 16 Jahre alt!“

Aber sie will sich nicht beschweren. Sie kann mit den besten Fotografen arbeiten: Steven Meisel, Craig McDean, Peter Lindbergh, David Sims. „Ich kann mich jedes Mal anders darstellen und in verschiedene Charaktere schlüpfen. Jeder Fotograf lässt mich anders aussehen.“ Besonders gilt das wohl für den Assistenten von Steven Meisel: Er wurde zu ihrem Lebensgefährten.

Am Ende kommt Honey an die Reihe, die für die Fingernägel zuständig ist. „Sie kann’s am besten“, meint Julia. „In Paris dauern die Nägel manchmal länger als das Haar und das Make-up. Honey dagegen ist schnell, und es sieht gut aus.“ Und Honey meint: „She is so easy!“ Julia entdeckt im Spiegel die zu einem Achtziger-Jahre-Ungetüm à la Denver Clan angewachsenen Haare, muss dann noch ein Vintage-Kleid von Vivienne Westwood anziehen, das ihrem entspannten Stil überhaupt nicht entspricht – und lächelt. Der Rest geht unter im Gebläse des Föhns.

Zur Person:

  • Julia Stegner wird am 2. November 1984 in München geboren. Ihr Vater Günter Stegner ist heute Manager beim Speichersystem Hersteller LSI in München, ihre Mutter Erika Bankkauffrau.
  • 1999 wird sie auf dem Oktoberfest entdeckt. Die Schule beendet sie nach der mittleren Reife. Seit drei Jahren lebt sie in New York.
  • Sie arbeitet für viele Marken, wurde im Juli von der deutschen „Vanity Fair“ zur am besten gekleideten Deutschen ernannt, eröffnete im September die Bottega-Veneta-Schau und ist das Gesicht des Parfums „Hugo Boss Femme“.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, Archiv, ddp, Helmut Fricke, picture-alliance/ dpa, picture-alliance/ dpa/dpaweb, Unternehmen

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2010.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Neuer Job, neues Zuhause! Unter immobilien.faz.net finden sicher eine Immobilie, die Ihren Wünschen entspricht! Wählen Sie aus über 960.000 Angeboten.Verlagsinformation

Neuer Job, neues Zuhause! Unter immobilien.faz.net finden sicher eine Immobilie, die Ihren Wünschen entspricht! Wählen Sie aus über 960.000 Angeboten.

Den Bambi gab´s für die Newcomerin des JahresVier Fäuste für ein TopmodelClaudia Schiffer kommt groß raus, Julia Stegner in die SchuleMit dem Fahrrad durch New YorkDer Durchbruch in Mailand und ParisWer ist hier der Boss?Der Ritterschlag der BrancheHaare à la Denver-ClanAuch mal betont streng Einfach zum LiebhabenDie neunziger Jahre: Ära der SupermodelsMarktwert: Stegner 36,5 Millionen Euro, Klum 32 Millionen EuroAuf dem Laufsteg für Tom FordDer Designer war von der Deutschen sofort angetanPrivat beim Formel-1-Rennen“Wir sind austauschbar“Ungezwungene Natürlichkeit„Jeder Fotograf lässt mich anders aussehen”