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Karl Kardinal Lehmann

Das Gesicht der Kirche

Von Daniel Deckers



Karl Kardinal Lehmann, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz.
24. Dezember 2006 
Als Papst Johannes Paul II. im April vergangenen Jahres starb, ging eine Ära zu Ende. Die Mehrzahl der annähernd 1,1 Milliarden Katholiken hatte nie einen anderen Papst erlebt als den Mann aus Polen, der im Herbst 1978 zum Oberhaupt der größten Glaubensgemeinschaft der Welt gewählt worden war. Eine „Generation JP“ gibt es aber nicht nur unter den gewöhnlichen Gläubigen, sondern auch unter den mehr als 4600 Bischöfen der römisch-katholischen Kirche: Die meisten von ihnen wurden im vergangenen Vierteljahrhundert geweiht. Einer davon ist Karl Lehmann.

Johannes Paul II. ernannte den Priester und Theologieprofessor aus der Erzdiözese Freiburg im Jahr 1983 zum Bischof von Mainz. Schon vier Jahre später wählten die Mitglieder der Deutschen Bischofskonferenz ihn zu ihrem Vorsitzenden. 2001 berief der Papst ihn in das Kardinalskollegium, im vergangenen Jahr wurde Lehmann zum dritten Mal im Amt des Vorsitzenden der Bischofskonferenz bestätigt. Er ist in Deutschland nach wie vor das, was Johannes Paul II. in der Welt war: das Gesicht der Kirche.

Aus einem Land, das es nicht mehr gibt

Einer von 4600 Bischöfen, die Papst Johannes Paul II. ernannt hat.

Karl Lehmann wurde am 16. Mai 1936 in einem Land geboren, das es nicht mehr gibt: in Hohenzollern, einer kleinen preußisch-katholischen Enklave zwischen Baden und Württemberg. Der Vater ist Lehrer, erst 1933 ist er in den Schuldienst übernommen worden. Mehrfach heißt es umziehen, weil er sich mit örtlichen Parteigrößen anlegt und versetzt wird. Als der Krieg zu Ende geht, ist Lehmann neun Jahre alt. Der Vater ist im Feld, „Karlebubi“ lebt mit der Mutter und dem drei Jahre jüngeren Bruder Reinhold bei Verwandten, die Feier der Erstkommunion findet wegen Tieffliegergefahr im Morgengrauen statt: eine Kindheit im Krieg, wie hunderttausend andere auch.

In Veringenstadt, nördlich von Sigmaringen, wird Familie Lehmann Anfang der fünfziger Jahre seßhaft. Am Lebensnotwendigen fehlt es nie, aber für große Sprünge reicht das Lehrergehalt nicht, auch nicht für die Kosten des Konvikts in Sigmaringen. Also fahren Karl und Reinhold Tag für Tag mit dem Zug von der Schwäbischen Alb ins Donautal hinab und wieder hinauf. Den immensen Hunger auf Bildung stillen die Lehrer des Staatlichen Gymnasiums, die „Herder-Korrespondenz“ des Pfarrers und die kleine Bibliothek, die zu jeder anständigen Pfarrkirche gehört. Das Abitur ist für den jungen Mann, der die „Einführung in die Metaphysik“ des aus dem nahen Meßkirch stammenden Philosophen Martin Heidegger gelesen hat, eine Formsache.

Kein Erweckungserlebnis

Mit Papst Benedikt in Regensburg.

„Wenn du es nicht kannst, komm zurück.“ Dieser Satz der Mutter begleitet den bald Zwanzigjährigen auf dem Weg in die Bischofsstadt Freiburg. Lehmann möchte dort Theologie studieren und Priester werden. Kein Erweckungserlebnis ist diesem Entschluß vorausgegangen, auch die sprichwörtlichen Kapläne oder vorbildliche Pfarrer haben seinen Weg nicht gesäumt. Noch gilt die Lebensform des Priesters als normal, für hochbegabte junge Männer, die sich wie Lehmann fragen, „was die Welt im Innersten zusammenhält“, sogar als attraktiv. 71 Studenten zählt der Kurs, der am 1. Juni 1956 beginnt. Heute wäre jeder Bischof (auch Lehmann) schon froh, wenn er insgesamt so viele Priesteramtskandidaten hätte, wie es damals in einem halben Jahr gab.

Der Aufenthalt in Freiburg währt nur eineinhalb Jahre. Nach kurzer Bedenkzeit willigt Lehmann in den Vorschlag der Ausbildungsverantwortlichen ein, vom Wintersemester 1957/58 an die Studien in Rom fortzusetzen. Wer aus Deutschland nach Rom an das ehrwürdige „Collegium Germanicum et Hungaricum“ und an die „Pontificia Università Gregoriana“ entsandt wird, dem ist eine Karriere in der Verwaltung seiner Heimatdiözese sicher. Aber Lehmann hat dergleichen nicht im Sinn. Kirchenrecht interessiert ihn kaum, um so mehr die Philosophie und die Grundfragen des Glaubens. Seine philosophische Dissertation „Vom Ursprung und Sinn der Seinsfrage im Denken Martin Heideggers“ gilt bis heute als eine der besten Arbeiten über das Frühwerk des alemannischen Philosophen. 1962 nimmt Lehmann das Theologiestudium wieder auf. Zur gleichen Zeit beginnt in Rom das Zweite Vatikanische Konzil. „Die Kirche in der Welt von heute“ – so wird der Untertitel eines der bedeutendsten Dokumente des Konzils lauten. Bis heute wird es nach seinen lateinischen Anfangsworten „Gaudium et Spes“ zitiert. Das könnte auch Lehmanns Lebensmotto sein: „Freude und Hoffnung“.

Eine eigene Marke ist er zweifelsfrei.

Längst ist der junge Germaniker einem anderen Freiburger aufgefallen: Karl Rahner, Jesuit und einer der einflußreichsten Theologen seiner Zeit, möchte Lehmann als Assistenten nach München mitnehmen. Der junge Priester hofft auf eine Stelle als Kaplan in der heimatlichen Erzdiözese, doch Erzbischof Schäufele entscheidet anders. Lehmann folgt Rahner zunächst nach München, dann nach Münster. Er redigiert, schreibt, organisiert, chauffiert: „Knochenarbeit“. Im Sommer 1968 wird der 32 Jahre alte Dr. phil. und Dr. theol. Karl Lehmann von Kultusminister Bernhard Vogel (CDU) auf einen Dogmatik-Lehrstuhl an der Universität Mainz berufen – endlich.

„Mister Synode“

Zum Verschnaufen bleibt auch in der neuen Aufgabe keine Zeit. Im Sog des Konzils ist in der katholischen Kirche in Deutschland vieles aus den Fugen geraten. Eine Gemeinsame Synode der Bistümer in der Bundesrepublik Deutschland soll die Wogen der Erregung glätten und der Kirche neue Wege weisen. Lehmann ist von Beginn an mit den Vorbereitungen befaßt und wird an der Seite des Münchner Kardinals Julius Döpfner zu einer der prägenden Gestalten dieses „deutschen Konzils“. Als die Synode im November 1975 zu Ende geht, nennt man den mittlerweile in Freiburg lehrende Dogmatiker „Mister Synode“. Ein Vierteljahrhundert und eine bis in die Weltkirche hinein ausstrahlende Kontroverse mit Papst Johannes Paul II. über die Beteiligung der katholischen Kirche an der gesetzlichen Schwangerenkonfliktberatung später wird der Apostolische Nuntius Giovanni Lajolo Lehmann mit den Worten charakterisieren, jener habe neuen Anliegen immer offen gegenübergestanden, aber immer den Konsens gesucht mit denjenigen, die zu sicheren, bewährten Positionen neigten. „Ein Mann der Gemeinschaft“ (communio): ein größeres Kompliment kann man Lehmann nicht machen.

Im steten Dialog mit dem Vorsitzenden des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland, Bischof Wolfgang Huber.

Während der Synode hat Lehmann, nicht einmal vierzig Jahre alt, seine Berufung gefunden. Während Joseph Ratzinger, der neun Jahre ältere Professorenkollege, sich in den bewegten siebziger Jahren nach Regensburg zurückzieht, um sich ganz der Wissenschaft zu widmen, begibt sich Lehmann immer wieder in die Brennpunkte, in denen sich systematische Theologie in seelsorglicher Praxis und handfester Kirchenpolitik bewähren muß.

Alle heißen Eisen angefaßt

Um die heißen Eisen in der Kirche – Zölibat und Ökumene, Frauenordination oder Zulassung geschiedener Wiederverheirateter zu der Eucharistie – macht er keinen Bogen. Einfache, dem „reformerischen“ Zeitgeist entsprechende Antworten sind von ihm nicht zu haben. Immer spricht einer, der durch die Schule der Philosophie gegangen ist, der sich nicht mit Apodiktischem oder Aphoristischem begnügt, sondern der die Anstrengung des Begriffs und die Mühsal der gründlichen Beweisführung nicht scheut und dennoch die Abgründe der Wirklichkeit nicht aus den Augen verliert. So hält er es als Professor in Freiburg, wo er auch privat in einer Hausgemeinschaft mit einer zwölf Jahre älteren Dame seine „glücklichste Zeit“ erlebt. So hält er als Bischof von Mainz und auch, seit 1987, als Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz. Noch immer ist er ein weit über die Grenzen der Kirche hinaus gesuchter Gesprächspartner: ein Bischof, bei dem die Mitra nicht (nach einem geflügelten Wort) zum Löschhorn des Geistes geworden ist und – mehr noch – der über all den Pflichten, die ihn inzwischen bis zur physischen Erschöpfung umtreiben, ein Mensch geblieben ist, der zuhören kann.

Humor ist, wenn man trotzdem lacht: Ob mit Kanzlerin Merkel am 70 Geburtstag.

So hat Lehmann in den vergangenen Jahrzehnten die katholische Kirche in Deutschland geprägt wie kaum ein anderer. Fast möchte man von einer Generation Lehmann sprechen: Wer heute in Mainz 30 Jahre alt ist, der hat die Amtseinführung des Bischofs Lehmanns im Jahr seiner Erstkommunion erlebt, wer in der Bischofskonferenz mit ihm die Höhen und Tiefen der beiden zurückliegenden Jahrzehnte durchschritten hat, der erlebte einen Vorsitzenden, dem die Einheit der Konferenz und der Konsens fast immer wichtiger war als der Streit. Und einen Menschen, den man immer hörend orten kann, wenn man ihn in der Menge nicht mehr sieht: laut und herzerfrischend lachend.

Zur Person

Karl Lehmann wird am 16. Mai 1936 als „waschechter Hohenzoller“ in Sigmaringen geboren.

Von 1957 bis 1964 studiert er in Rom Philosophie und Theologie und erlebt dort das Zweite Vatikanische Konzil.

Im Alter von 32 Jahren erhält Lehmann den ersten Ruf auf einen theologischen Lehrstuhl.

1983 ernennt ihn Papst Johannes Paul II. als Nachfolger von Kardinal Volk zum Bischof von Mainz.

Seit 1987 ist Bischof Lehmann Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz. Im Januar 2001 erhebt ihn der Papst in den Kardinalsstand.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, picture-alliance/ dpa, picture-alliance/ dpa/dpaweb
 
 
Lesermeinungen zum Beitrag [1]
kardinal lehmann 24.12.2006, 09:15
 
   
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