08. Dezember 2008 Noch heute leuchten dem Benediktinermönch die Augen. Wie er als kleiner Junge, gerade acht geworden, ans Telefon gehen konnte und sagen: Sie sind verbunden mit der Firma Grün“, das habe ihn mit Stolz erfüllt. Weit weg war er damals davon, ein Missionar zu sein. Ob er Order an das Elektrogeschäft des Vaters aufnahm oder Zementsäcke organisierte oder mit dem Fahrrad Glühbirnen an Kunden lieferte, Wilhelm Grün konnte sich früh verantwortlich fühlen für sich und seine sechs Geschwister.
Es war die Nachkriegszeit, die Häuser waren zerbombt. In Lochheim bei München versuchte der Vater sein Glück. Ich denke schon, dass dieses wirtschaftliche Denken im Blut liegt. Mein Vater aber war sicherlich nicht der typische Kaufmann; dafür war er fast zu gutmütig“, sagt Grün heute. 55 Jahre liegt diese Episode zurück; inzwischen ist er einer der meistgelesenen christlichen Autoren der Welt und bestimmt zugleich als wirtschaftlicher Leiter seines Klosters über einen kleinen mittelständischen Betrieb mit rund 300 Mitarbeitern.
Priester sein, war mehr als Kaufmann sein
Mehr noch als der Vater ist es wohl die Mutter, die den Kaufmannsgeist in Grün weckt. Selbst Jahrzehnte später im hohen Alter von fast 90 Jahren organisiert sie Ausflüge ihrer Kirchengemeinde so, dass keine Kosten anfallen – anders als wenn der Pfarrer die Feder führt. Eine Ausbildung aber kommt für Wilhelm trotz des Kaufmannsbluts nie in Frage. Vom Dienst als Ministrant inspiriert, reift schon im Alter von zehn Jahren der Wunsch in ihm, Benediktinermönch zu werden. Und der Vater, selbst von einer Leidenschaft fürs Spirituelle beseelt, stimmt schnell zu, denn Priester sein, war mehr als Kaufmann sein“, sagt Grün heute. So kommt der junge Wilhelm ins Klosterinternat Münsterschwarzach.
Nur während der Pubertät wackelt der Entschluss, die Weihe anzustreben, kurzzeitig. Die Aussicht auf eine künftige Ehe und die Freude an einem Mikroskop bringen Wilhelm noch einmal ins Grübeln. Das ist aber nur von kurzer Dauer. Mit 19 besteht er sein Abitur in Würzburg und erfüllt sich den Wunsch, in die Abtei einzutreten. Vorbild wird ihm der britische Theologe Anselm von Canterbury: Er wollte den Glauben erfahrbar und durchschaubar machen, um ihn zu verstehen. Das hat mich fasziniert.“ Und weil man im Kloster einen anderen Namen annehmen muss, wird aus Wilhelm Anselm.
50 Engel für das Jahr in der 33. Auflage
Dem Kloster Münsterschwarzach ist Anselm Grün treu geblieben. Mit seinem zotteligen grauen Bart und dem schulterlangen schütteren Haar sitzt er an dem bescheidenen Holztisch in seinem Büro. Rund 50 Buchtitel hat er auf einem Wandbord gestapelt: 50 Engel für das Jahr“ liegt da, mehr als eine Million Mal verkauft, inzwischen in der 33. Auflage erhältlich. Darin hat Grün 50 Engeln wichtige Tugenden wie Liebe, Leidenschaft, Achtsamkeit oder Vertrauen zugeordnet. Zwar das erfolgreichste, aber nicht mein Lieblingsbuch“, bekennt der Mönch, ein notorischer Vielschreiber. Sieben bis acht Bücher hat er allein in diesem Jahr veröffentlicht, so genau weiß er das nicht. Darunter ist auch Das Hohelied der Liebe“, eine Auslegung des berühmten Paulusbriefs an die Korinther – ergänzt um den philosophischen und den psychologischen Hintergrund.
Beiden Themen verschrieb er sich schon im Studium ab 1965: Für mich war immer wichtig, wie ich den Glauben auf eine Erfahrungstatsache bringen kann. Dafür ist die Psychologie wichtig, denn der Glaube ist auch ein psychisches Phänomen und nicht nur ein Willensschluss.“ Grün will verstehen, was Glauben in der Seele auslöst.
Nach neun Studienjahren, in denen er sich auch mit der Psychotherapie nach C. G. Jung und Zen-Meditation beschäftigt, schließt er 1974 seine Promotion ab. Zeit für berufliche Weichenstellungen: Als ich Mönch geworden bin, habe ich nicht an Wirtschaft gedacht. Da wollte ich Seelsorger oder Missionar werden“, sagt Pater Anselm rückblickend; nach Afrika aufzubrechen hätte ihn gereizt. Der Abt aber will es anders, denn es zeichnet sich ab, dass der bisherige Wirtschaftsleiter, der Cellerar der Abtei, bald ausscheiden würde. Als Nachfolger wird Anselm ausgeguckt – sein familiärer Hintergrund prädestiniert ihn dazu. Zwei Jahre, darauf einigen sie sich, soll er sich die wichtigsten betriebswirtschaftlichen Grundlagen aneignen und danach Cellerar werden. Für mich war das eine Krise. Ich habe gezögert und war gar nicht begeistert, weil mir das zu weltlich und äußerlich war.“
Als junger Mönch in der Universitätsverwaltung
So steht 1974 ein bald 30 Jahre alter Mönch mit einem damals schon langen, damals noch dunklen Bart in der Nürnberger Universitätsverwaltung. Als frisch promovierter Theologe steigt er ins Grundstudium der Betriebswirte ein und muss sich durchbeißen: Statt Jung heißt es jetzt Statistik pauken, statt Eucharistie Steuerrecht. Eine unklare Identität habe er damals gehabt, erinnert er sich. Drei Jahre später ist er verantwortlich für 20 Handwerksbetriebe, eine Metzgerei, eine Bäckerei, einen Verlag, eine Druckerei und den landwirtschaftlichen Betrieb.
Als nützlich hat Pater Anselm im Betriebswirtschaftsstudium vor allem die Kostenrechnung in Erinnerung behalten. Sie ermöglicht es ihm, die Finanzierungsströme des Klosters zu ordnen. Neue Kostenstellen werden geschaffen, die Einzelbetriebe fühlen sich zunehmend verantwortlich für ihre Geschäftsergebnisse. Sie optimieren den Einkauf und messen sich mit der Konkurrenz. Darin folgen ihm seine Brüder.
Sehr viel mehr Widerstand wird ihm ab Mitte der achtziger Jahre entgegengebracht, als Pater Anselm beginnt, mit geliehenem Geld in Staatsanleihen zu investieren. Der betriebswirtschaftliche Theologe wird zum Spekulanten. Zu lange hätte Vermögen einfach nur auf dem Girokonto herumgelegen, klagt er noch heute: Da ist meine kaufmännische Ader durchgebrochen, und ich habe mir gesagt, das muss man doch besser anlegen.“ Lange Zeit geht das auch gut. Von den Zinsgewinnen kann die Abtei die 20 Prozent der klostereigenen Schule mit 980 Schülern finanzieren, die nicht durch staatliche Zuschüsse gedeckt sind. Zudem investiert Anselm in Gebäude, Renovierungen und die eigene Energieversorgung.
Drei Millionen Miese mit argentinischen Staatsanleihen
2002 aber fällt er mit seiner Anlagestrategie zum ersten Mal auf die Nase: Drei Millionen Miese“ habe er mit argentinischen Staatsanleihen gemacht, gesteht er ein. Und auch aus der aktuellen Finanzkrise geht das Kloster Münsterschwarzach nicht unbeschadet hervor, weil Anselm auch in verlustreiche Bonuszertifikate investiert hat. Zwei Jahre, glaubt er, wird das Kloster brauchen, um sich davon zu erholen. Dieser Einschnitt lässt Anselm aber nicht an seiner Anlagephilosophie zweifeln, die zwanzig Jahre lang viele Einnahmen gebracht habe: Die Geldwirtschaft war für mich auch ein Weg, die Menschen nicht auszubeuten; sie schon zu fordern, aber nicht den moralischen Druck auszuüben, wenn du nicht mehr arbeitest, gehen wir bankrott.“
Noch mehr Leidenschaft als für die Geldanlage aber entwickelt Grün für seine eigentliche Berufung. Seit Anfang der achtziger Jahre wird er immer häufiger für Vorträge gebucht. Wie in seinen Büchern verkündet er einfache Botschaften – davon, wie Menschen Selbstwert entwickeln können oder wie Männer mit dem gewachsenen Selbstbewusstsein der Frauen umgehen können. Ich sehe meine Aufgabe darin, in unserer Welt, in der die Leute zum Buddhismus und zur Esoterik hingezogen sind, die christliche Botschaft so zu verkünden, dass sie merken: ,das ist menschenfreundlich‘“, erklärt er. 1996 hält er das erste Mal ein Führungsseminar für Daimler-Manager. Die Anzugträger machen im Kloster erst einmal Körperübungen. Seine Ratschläge dazu, wie die Manager zur Ruhe kommen können oder wie sie mit Konflikten bei der Arbeit umgehen können, finden so viel Gehör, dass daraus eine ganze Seminarreihe wird.
Pater Anselm zählt seine Bücher nicht mehr, darin ist er weniger genau als in der Buchführung seiner Abtei. Rund 200 müssen es wohl sein, überschlägt er grinsend. 14 Millionen Bücher hat er verkauft, das weiß er, aber die Zahl ist drei Jahre alt; jetzt werden es wohl 1 bis 2 Millionen mehr sein. Mit seinen Vorträgen erreicht er jeweils 500 bis 1000 begeisterte Anhänger seiner Weisheiten – und das, obwohl er fast nie im Fernsehen auftritt. Am Ende also ist Anselm Grün doch noch ein Missionar geworden, aber ganz anders, als er es ursprünglich gewollt hat.
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Zur Person
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: picture-alliance / dpa/dpaweb, Rainer Wohlfahrt