Dieter Hundt

Sozialpartner mit Torriecher

Von Nico Fickinger

Kompakt und kämpferisch: Dieter Hundt

Kompakt und kämpferisch: Dieter Hundt

10. Dezember 2007 Alles beginnt mit einer Einladung von Hans-Peter Stihl. Der Sägenfabrikant, damals Vorsitzender des Verbands der Metallindustrie Baden-Württembergs (VMI), bittet ihn ins Stuttgarter Restaurant Zeppelin. Dieter Hundt, Chef der Allgaier Werke GmbH in Uhingen, die für Stihl die Sägemesser liefert, wittert ein neues Geschäft; offenbar will Stihl den Abschluss selbst mit ihm verhandeln, um noch ein paar Prozente herauszuschlagen. Beim Mittagessen kreist das Gespräch zunächst um Wetter, Sport und Politik, dann lässt Stihl die Überraschung raus: Wenn er Präsident des Deutschen Industrie- und Handelstages wird, soll Hundt von ihm den VMI-Vorsitz übernehmen. „Ich übertreibe nicht: Mir ist schwarz vor Augen geworden, als er mir das eröffnet hat“, sagt der Schwabe im Rückblick, und es klingt so präsent, als hätte sich die Szene nicht 1987, sondern zwanzig Jahre später zugetragen. Erfahrung in der Tarifpolitik hat Hundt bis dahin nicht: „Ich bin zu meinem ersten Verbandsamt gekommen wie die Jungfrau zum Kind.“

Als sich die Überraschung gelegt hat, beginnt das Nachdenken. Als Erstes fragt Hundt seine Frau, dann die leitenden Mitarbeiter. „Doch schon mein dritter Gesprächspartner war der Betriebsrat“, sagt er und verrät damit viel über sein Verständnis von Sozialpartnerschaft. Auch mit dem Chef der IG-Metall-Verwaltungsstelle in Göppingen berät er sich, bevor er das Angebot annimmt. Acht Jahre später kommt der nächste Karriereschritt, der ihm endgültig bundesweite Bekanntheit verschafft: Als Nachfolger von Klaus Murmann wird er Präsident der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände, kurz BDA. Hundt schwankt kurz, ob er nicht lieber das ihm ebenfalls angetragene Amt des Gesamtmetall-Präsidenten annehmen soll, entscheidet sich dann aber für die thematisch breitere Aufgabe in der BDA: Seither spricht er für die Wirtschaft nicht nur in der Tarif-, sondern auch in der Arbeitsmarkt-, Sozial- und Bildungspolitik.

Herzenssache: VfB

Seine Leidenschaft freilich gilt dem Fußball. Mit sieben Jahren bekommt er seinen ersten Lederball geschenkt, als Jugendlicher belohnt ihn der Vater mit einem Besuch im Neckarstadion, wenn der Sohn wieder eine gute Note in Mathematik oder Physik („Ich hatte ein ziemlich differenziertes Leistungsvermögen im Gymnasium und so meine Probleme mit den Fremdsprachen“) nach Hause gebracht hat.

Aus dieser Zeit rührt „diese engste Herzensbindung“ zum VfB Stuttgart – zunächst allerdings nur als „begeisterter Sympathisant oder Fan“; nach seiner Rückkehr ins Schwabenland 1975 wird er einfaches Mitglied, 2002 Aufsichtsratsvorsitzender. Eigentlich will man ihn damals – der VfB steckt sportlich und finanziell in Schwierigkeiten – als Nachfolger des CDU-Politikers Gerhard Mayer-Vorfelder verpflichten, doch Hundt lehnt ab. Das Präsidentenamt wäre zeitlich nicht mit seinen anderen Aufgaben vereinbar – „zumal ich damals schon der Meinung war, dass der VfB Stuttgart als mittelständisches Unternehmen einen hauptamtlichen Präsidenten bräuchte“. Allenfalls den Aufsichtsratsvorsitz will er übernehmen, und auch das nur unter zwei Bedingungen: Das Kontrollgremium muss deutlich verkleinert und komplett neu besetzt werden. Hundt bekommt die Zusage und den Job, rekrutiert eine Handvoll Wirtschaftsfachleute – auf den damaligen Chef von IBM Deutschland, Erwin Staudt, hat er schon ein Auge geworfen, doch der Konzern spielt noch nicht mit – und bringt den Laden auf Vordermann. Nach seinem Ausscheiden allerdings übernimmt Staudt den Verein und führt ihn bis zur Meisterschaft. „Wir sind heute sicherlich einer der wirtschaftlich bestsituierten Fußballvereine in Deutschland“, sagt Hundt.

Weichei oder Dickhäuter?

Sind es solche Erfolgsgeschichten, die ihn antreiben, ständig neue Aufgaben zu übernehmen? Ist es die Angst, nach dem für das Jahresende angekündigten Rückzug aus dem operativen Geschäft in ein berufliches Loch zu fallen? Oder werden die Einladungen ins Kanzleramt und die Aufenthalte im öffentlichen Scheinwerferlicht irgendwann zur Sucht? „Wer so ein Amt ausübt, hat auch eine gewisse Eitelkeit, das ist gar keine Frage“, gesteht Hundt. „Sonst würde er es nicht tun.“ Überlagert werde das aber vom Willen und der Freude zu gestalten, vor allem in der Tarifpolitik. Hier lauern allerdings auch die größten Gefahren, und nicht selten kommt die heftigste Kritik aus den eigenen Reihen, zum Beispiel vom Industrieverband BDI. Dessen Ex-Chef Hans-Olaf Henkel nannte ihn einmal ein Weichei, Ex-Chef Michael Rogowski träumte gar davon, alle Tarifverträge zu verbrennen. Als Verbandspräsident benötige man daher „eine gewisse Dickhäutigkeit und Widerstandskraft“, sagt Hundt und attestiert sich selbst eine große Leidensfähigkeit: „Ich hab sehr viel Sport getrieben und konnte mich da immer enorm schinden.“ Niederlagen steckt der Schwabe schnell weg, von Erfolgen zehrt er lange – im Verbands- und Berufsleben wie im Sport: „Wenn das Spiel verloren ist, dann sind wir kurz traurig und ärgern uns. Dann schlafen wir drüber, und morgen konzentrieren wir uns auf das nächste Spiel, das gewinnen wir dann wieder.“

Hundts Fußballbegeisterung ist legendär. Für die Grasshoppers Zürich hat er als Student die Rückennummer 9 getragen. „Ich war immer schon ein bissl kompakt und technisch sehr mittelmäßig, aber ich konnte mich, wenn ich den Ball im Strafraum gekriegt hatte, relativ häufig durchsetzen.“ Mittelstürmer-Qualitäten allein reichen aber für einen Verbandspräsidenten nicht aus; er muss auch als Libero das Spiel gestalten und nach vorne treiben können oder als Vorstopper dazwischengrätschen, um Schlimmes zu verhindern – wie damals, als er in Vier-Augen-Gesprächen mit Altkanzler Gerhard Schröder die Ausbildungsabgabe in einen freiwilligen Ausbildungspakt mit der Wirtschaft umgebogen hat.

Keine Flucht aus der Verantwortung

Müsste er seine Position beschreiben, stünde „die grundsätzliche Anerkennung der Sozialpartnerschaft“ an erster Stelle, sagt Hundt. „Außerdem ein klares ordnungspolitisches Koordinatensystem, die Fähigkeit, mit Standhaftigkeit eigene Positionen zu vertreten, dabei aber immer ein Vertrauensverhältnis zum Gegner oder Partner zu wahren.“ In diesem Stil habe er auch 32 Jahre lang sein Unternehmen geführt – partnerschaftlich, transparent, aber mit klaren hierarchischen Strukturen. Zwischen 1975 und 2006 hat er so den Umsatz auf 242 Millionen Euro fast verzehnfacht und die Zahl der Beschäftigten auf 1725 Mitarbeiter verdoppelt. Doch Erfolg verpflichtet: Als Hundt durchblicken lässt, dass er Ende 2007 das Amt des Arbeitgeberpräsidenten abgeben will, beknien ihn alle, noch eine Periode weiterzumachen: Niemand will mitten in Wahlkampfzeiten und laufenden Fusionsgesprächen zwischen BDA und BDI die Pferde wechseln. „Nach diesen Gesprächen musste ich den Eindruck gewinnen, dass ich Gefahr laufe, nach elf durchaus erfolgreichen Jahren sogar mit einem negativen Abgang belastet zu werden“, berichtet Hundt. Sogar „Flucht aus der Verantwortung“ habe man ihm vorgeworfen. Auch um möglichen Schaden von der BDA abzuwenden, willigt er deshalb pflichtbewusst in die Verlängerung ein. „Jetzt mach ich’s noch zwei Jahre, aber dann brauchen wir an der Spitze einen Generationswechsel.“

Lässt sich ein so zeitintensives Ehrenamt überhaupt mit dem Privatleben verbinden? „Dazu braucht man die Konstitution, die einem der liebe Gott mitgeben muss, die Bereitschaft, eine 90- oder 100-Stunden-Woche zu schultern, einen Partner, der das mitträgt und akzeptiert, und ein absolut stringentes Zeitmanagement“, sagt Hundt. Das Wichtigste aber: „Man muss es wirklich wollen.“

Seine Freunde bekommen ihn kaum noch zu Gesicht, doch sie lassen ihn nicht fallen. Will einer seinen 65. Geburtstag feiern, ruft er Monate vorher in Hundts Büro an und lässt sich einen Samstag reservieren. „Das schätze ich ungemein. Sonst läuft man ganz ernsthaft Gefahr, dass man isoliert wird.“ In dieser Sorge gründet auch Hundts Wettleidenschaft. Auch wenn er für seine Trefferquote berüchtigt ist, geht es ihm nicht ums Gewinnen, sondern um das gesellige Beisammensein; bezahlt werden die Wettschulden fast immer mit gutem Essen und einem edlen Tropfen Wein. Mit diesem Trick wird er auch 2008 noch oft seinen Terminkalender überlisten müssen. Seine Sekretärin hat nämlich schon mal reingeguckt „und weiß nicht, wo Luft entsteht“.

Zur Person:

- Geboren am 30. September 1938 in Esslingen. Abitur in Göppingen, Maschinenbaustudium und Promotion an der ETH Zürich.

- 1964 Vorstandsassistent bei AEG-Telefunken, anschließend Karriere im Reaktorgeschäft. 1975 Eintritt in die Allgaier Werke GmbH, ein Jahr später Alleingeschäftsführer des Autozulieferers. 2008 Wechsel in den Aufsichtsrat geplant.

- 1988 Verhandlungsführer der baden-württembergischen Metallindustrie, seit 1996 Präsident der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände. Am 10. Dezember soll er für weitere zwei Jahre gewählt werden.

- Erster Lederball mit siebenJahren, als Student Mittelstürmer der Grasshoppers Zürich, seit 2002 Aufsichtsratsvorsitzender des VfB Stuttgart.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ddp, F.A.Z.-Foto Rainer Wohlfahrt, picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa/dpaweb, picture-alliance/ dpa, picture-alliance/ dpa/dpaweb

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