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Uli Stein

Kultfigur mit Knollennase

Von Alexia Angelopoulou




07. April 2008 
Rein rechnerisch müsste jeder Deutsche mindestens eine Postkarte von Uli Stein am Kühlschrank oder an der Pinnwand hängen haben. Die freche Maus, der verdutzte Pinguin, die Menschen mit den Knollennasen und viele andere vertraute Figuren des Zeichners haben sich im A6-Format bisher mehr als 100 Millionen Mal verkauft. Wer in der Küche nicht fündig wird, kann alternativ einen Blick ins Bücherregal werfen. Dort steht womöglich einer der rund 50 Bände, die Uli Stein in den vergangenen Jahrzehnten veröffentlicht hat und die bisher mehr als 11 Millionen Mal über den Ladentisch gegangen sind. Der 61-Jährige ist ungemein fleißig und genauso bescheiden. „Ich arbeite halt und hoffe, den Leuten macht es Spaß“, sagt er über seinen Erfolg.

Dass Uli Stein die Entstehung des Humors nicht wirklich erklären kann, obwohl Cartoons sein Lebensinhalt sind, scheint nur auf den ersten Blick merkwürdig. „Manchmal mache ich etwas, von dem ich denke, das ist eine wirklich schöne Idee, doch vom Betrachter kommt nur ein lahmes: ‚Hm, ja, ganz gut.‘ Und manchmal ist es genau umgekehrt. Humor ist eben etwas extrem Subjektives, selbst wenn ein gewisser Konsens zu bestehen scheint.“

„Meine ersten Cartoons waren grottenschlecht“

Gäbe es diesen Konsens nicht, wäre Uli Stein wohl kaum so erfolgreich. Aber er ist es – manchmal zu seinem eigenen Erstaunen. „Meine ersten Cartoons waren grottenschlecht! Ich habe zwar in der Schule schon immer unablässig gezeichnet, aber richtig gelernt habe ich es nie.“ Stattdessen ging der Abiturient auf der Suche nach dem Job seines Lebens zur Berufsberatung. Er wollte etwas Kreatives machen, wollte schreiben und fotografieren, kurz: Er wollte Journalist werden. Die Berater schlugen die Hände über dem Kopf zusammen. „Brotlos! Chancenlos!“, beschieden sie ihn und rieten: „Werden Sie Lehrer, das ist ganz toll, da können Sie den ganzen Nachmittag schreiben und haben dauernd Ferien.“

Das hörte sich für Stein völlig vernünftig an. Nach zwei Jahren Bundeswehr kehrte er seiner Heimatstadt Hannover den Rücken und ging nach Berlin. Einen allzu bleibenden Eindruck kann das Studium dort jedoch nicht hinterlassen haben. „Deutsch, Erdkunde und noch irgendwas . . .“, sagt er zögernd, „ich weiß gar nicht mehr . . . Biologie?“ Woran er sich jedoch genau erinnert, das sind die 68er in Berlin, die Demonstrationen, die Wasserwerfer. Stein war mit seiner Kamera „mittenmang“, wie er sagt, er verfasste Texte für Zeitungen und hielt die Proteste im Bild fest. „Es war eine hinreißende Zeit“, findet er rückblickend. „Als freier Fotograf konnte man gut leben.“

Zwischen Kleintierzüchtern und Vororttennis

Obwohl mittenmang im Getümmel, ließ sich der Sohn eines Beamten und einer Hausfrau trotzdem nicht von Germanistik, Geographie und noch irgendwas abhalten. „Ich war ein braver Student und habe das Studium fast bis zu Ende gebracht.“ Erst kurz vor dem Examen realisierte Stein, dass er sich nicht vorstellen konnte, jemals eine Schule zu betreten „und auch nur einen Tag diese Dödel zu unterrichten“. Genauso konsequent, wie er studiert hatte, schmiss er hin. „Ich verdiente als freier Journalist und Fotograf schon während des Studiums mehr als ein Lehrer“, sagt er. „Das habe ich dann einfach weitergemacht.“

Wie so ziemlich jeder angehende Journalist musste Uli Stein haufenweise Texte über Vorort-Tennisturniere, Jubiläen und Kleintierzüchtervereine verfassen. Doch schon früh gelang es ihm, auch Glossen, Satire und Nonsens unterzubringen. So wurde der Saarländische Rundfunk auf den jungen Schreiber aufmerksam. Man gab ihm einen Sendeplatz am späten Samstagabend, für den er Dialoge verfasste. Noch heute ist ihm anzumerken, wie viel Freude er an der Arbeit für den kleinen Sender hatte. Gut sechs Jahre blieb Stein dem SR erhalten, bevor er den Schreib- endgültig mit dem Zeichenstift tauschte.

Humor in China ist schwierig

„Die Entwicklung ging langsam, ich war mit dreißig Jahren auch relativ alt für die Zeichner-Karriere“, sagt er. Einen ersten Cartoon lieferte er einfach mal zusammen mit einem Artikel an die Zeitung. Das Bild wurde gedruckt. „20 Mark gab es dafür damals, und das war wahrscheinlich noch zu viel, so grauslig waren meine ersten Cartoons“, gesteht er lachend. Mit seinem Fleiß, mit Geduld und Hartnäckigkeit machte er weiter und stellte fest: Beim Zeichnen konnte er seine Ideen viel besser realisieren als beim Schreiben, Situationen schneller auf den Punkt bringen. Fehlte nur noch die Qualität. „Gut zehn Jahre hat es gedauert, bis ich einigermaßen zufrieden mit mir war.“ Sein erstes Buch mit dem Titel „Ach du dicker Hund“ erschien 1983 mit einer Auflage von 3000 Stück. Die zweite Auflage brachte es auf 300.000 Bücher.

Trotz der Entscheidung, sich auf das Zeichnen zu konzentrieren, hat Uli Stein dabei das Texten nie vernachlässigt – die wenigsten seiner Cartoons sind ohne Worte, er liebt es, mit der Sprache zu spielen. Für das Auslandsgeschäft mit seinen Büchern ist das ein Manko, weil viele Witze sich nicht übersetzen lassen. „Wir haben ein paar Ausgaben in Finnland, Korea, Nordamerika und Frankreich. Sogar in China sind sechs Bücher von mir erschienen, aber der Prozess war sehr schwierig.“ Figuren wie Gevatter Tod gibt es dort ebenso wenig wie den Abreißkalender an der Bürowand. Auch mit den zahlreichen Computercartoons konnte man im Reich der Mitte wenig anfangen.

60 Stunden Arbeit in der Woche, kein Urlaub

Hierzulande dafür umso mehr. Gegen die vielen Cartoon-Klauer im Internet muss Uli Stein immer wieder einen Anwalt bemühen, auch wenn er dabei nicht allzu streng sein möchte. „Wenn jemand anfragt, ob er einen Lieblingscartoon auf seine private Internetseite stellen darf, habe ich in der Regel kein Problem damit“, sagt er. Anders verhält es sich da schon, wenn einer komplette Bücher oder manchmal bis zu 200 Cartoons zum Herunterladen anbietet. „Bei denen meldet sich meine Agentur und gibt ihnen 24 Stunden Zeit, mein Artwork von der Seite zu nehmen.“ Wehe aber, es handelt sich beim Cartoon-Klau um eine kommerzielle Internetseite – dann kommt der Anwalt zum Einsatz.

Den kann Stein angehenden Cartoonisten nur empfehlen, genauso wie eine Agentur, die sich um das Alltagsgeschäft kümmert und den Zeichner zeichnen lässt. „Früher habe ich alles selbst gemacht, heute kann ich mir das gar nicht mehr vorstellen.“ Schließlich gibt es auch so genug zu tun. Mehr als 60 Stunden arbeitet Uli Stein in der Woche, Urlaub kennt er nicht. Den Tag beginnt er, indem er „Uli’s Notizbuch“ auf seiner Internetseite aktualisiert. Cartoons, Fotos, Texte, stets mit einem Augenzwinkern – wer wissen will, wie der Zeichner tickt und was ihn beschäftigt, wird hier fündig.

Obwohl Uli Stein zur Inspiration nach wie vor lediglich einen Bleistift und ein weißes Blatt Papier braucht, möchte er auf die neuen Medien nicht verzichten. Seinen ersten Computer kaufte er 1982, sechs Rechner stehen derzeit bei ihm zu Hause. Seine Internetseite ist schon elf Jahre und drei Monate alt, berichtet er stolz. „Eine Website ist ein Pflegefall, sie muss immer beobachtet, betreut, gepflegt, bemuttert, repariert, gefüttert, betüttelt und umsorgt werden, sonst geht sie ein.“

Vom Zeichnen leben können nur wenige

Die Website ist es auch, die den Kontakt mit den Fans erlaubt. Uli Stein meidet Menschenmassen und ist froh, auf der Straße nicht von jedem erkannt zu werden. „Alles, was mit mehr als zwei, drei Leuten zu tun hat, ist mir suspekt“, sagt er. Dafür beantwortet er E-Mails meist persönlich und gibt auch mal Tipps, wenn es um Zeichnen als Karriere geht. Das Schwierige daran: Die meisten Menschen scheinen zu glauben, Zeichnen habe nichts mit Arbeit zu tun. „Eine junge Frau schickte mir vor einer Weile 15 wirklich passable Motive, die sie innerhalb eines Jahres gezeichnet hatte, und wollte einen Tipp, wie sie damit den Cartoon-, Buch- und Lizenzmarkt angehen solle“, sagt er kopfschüttelnd. Sein Rat: Von nun an ein Jahr lang jeden Tag einen Cartoon machen. „15 plus 365, das ist dann schon mal ein Portfolio, mit dem man sich sehen lassen kann.“

Leben können dennoch die wenigsten von dem Job. Uli Stein hingegen schon. Wofür er gern Geld ausgibt? High-Tech-Equipment für die Arbeit und seine geliebten Autos, darunter ein Mercedes SL AMG und ein Bentley. Ansonsten aber misst er Geld nicht wirklich viel Bedeutung bei. „Ich hab mich nie beklagt, auch früher nicht, als es wirklich wenig war. Ich kam immer gut mit dem aus, was da war, und hab mich angepasst.“ Was, wenn er morgen im Lotto gewinnen würde? „Ich würde die Zeichnung, die ich angefangen habe, hinschmeißen und nicht mehr fertig machen.“ Und wie lange er das aushalten würde? „Na, so zwei Tage.“

Zur Person:

- Uli Stein wird 1946 in Hannover als Sohn eines Beamten und einer Hausfrau geboren. Er studiert, um Lehrer zu werden, schmeißt jedoch kurz vor dem Examen hin. Sein neues Berufsziel: Journalist.

- Mitte der Siebziger hat er erste Erfolge als Cartoonist, widmet sich dann ganz dem Zeichnen. Sein erstes Buch erscheint 1982.

- In den darauffolgenden Jahren werden Hund, Katze und Knollennasenmensch deutschlandweit bekannt. Mehr als 11 Millionen Bücher wurden seither verkauft.

- Er lebt in der Nähe von Hannover. Er liebt Autos und fiebert mit dem Fußballclub Hannover 96.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Uli Stein
 
 
   
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