Eva Joly

Miss Marple auf Island

Von Sebastian Balzter

Nett im Ton, hart in der Sache: Eva Joly

Nett im Ton, hart in der Sache: Eva Joly

08. Juni 2009 Langsam nähert sie sich dem Alter, in dem Miss Marple ihre schwierigsten Fälle gelöst hat. Für die Rolle der Amateurdetektivin aus Agatha Christies Krimis würden ihr kaum zu bändigender Lockenkopf und ihre auf der Nasenspitze balancierende rote Brille gut passen. Auch der Blick aus ihren tiefblauen Augen wäre sanft und verschmitzt genug dafür, und aus ihrem Lesezirkel zu Hause in Oslo brächte Eva Joly ausreichend Insiderwissen über ältere Damen mit. Dennoch würde die Besetzung scheitern, an mangelnder Schrulligkeit. Zu messerscharf ist Jolys Botschaft. "Ich habe lange dafür gebraucht, aber jetzt habe ich das System aus Geldwäsche, Steuerhinterziehung und Korruption verstanden." Sie spricht langsam, jedes Wort ist überlegt. "Die schlimmsten Verbrecher, denen ich begegnet bin, trugen Krawatten. Die Gier hat sie ihre Moral verlieren lassen."

Sie selbst hat ihre Illusionen über den menschlichen Charakter verloren, als sie gegen den Ölkonzern Elf-Aquitaine ermittelte, eines der größten Unternehmen Frankreichs. Kurz nach ihrer Berufung auf den Posten einer Untersuchungsrichterin im Pariser Palais de Justice stößt sie Mitte der neunziger Jahre auf Unregelmäßigkeiten in der Bilanz eines Textilherstellers, die sie auf die Fährte von Bestechungen und Veruntreuungen in ungeahntem Ausmaß bringen. Auch nach Deutschland, zur Privatisierung der Leunawerke, führt eine der Spuren; diese allerdings verläuft im Sande. Insgesamt dauert die Untersuchung sieben Jahre, mehr als 100 000 Seiten Beweismaterial sammelt Jolys kleine Abteilung gegen einige der einflussreichsten Manager und Politiker des Landes, um dreistellige Millionenbeträge sollen sie das Unternehmen und den Staat geprellt haben. Der frühere Außenminister Roland Dumas und Loïk Le Floch-Prigent, der frühere Vorstandsvorsitzende von Elf-Aquitaine, sind die prominentesten unter den 37 Angeklagten; Dumas wird am Ende freigesprochen, Le Floch-Prigent zu fünf Jahren Haft verurteilt.

Vom Au-pair-Mädchen zur Korruptionsjägerin

Als Frankreichs Korruptionsbekämferin wurde sie bekannt

Als Frankreichs Korruptionsbekämferin wurde sie bekannt

Die gebürtige Norwegerin Eva Joly, einst als Au-pair-Mädchen nach Paris gekommen, macht der Fall in ihrer französischen Wahlheimat nicht nur populär. Zwar beweihräuchern sie manche Zeitungen als "die Gerechte" und "die Unbestechliche". Andere aber werfen ihr vor, sich selbst zu sehr in Szene zu setzen, ihre Befugnisse zu überschreiten, Ermittlungsfehler zu begehen. Sie steht unter Polizeischutz, lernt den Druck der Öffentlichkeit kennen. Es ist auch ein Rückzug aus diesem grellen Scheinwerferlicht, als sie nach dem Abschluss der Ermittlungen nach Oslo zieht, wo sie das Justizministerium mit dem Aufbau einer Sonderkommission zur Bekämpfung von Wirtschaftskriminalität beauftragt hat. In dem Buch, das sie dort über den Elf-Skandal schreibt, berichtet sie von Einbrüchen in ihr Büro, abgehörten Telefonen und unverhohlenen Morddrohungen.

"Man kann aufgeben in so einer Situation", sagt Joly heute. "Das wollte ich aber nicht. Also habe ich mir gesagt, dass es so gefährlich schon nicht werden würde - und versucht, nicht so oft darüber nachzudenken." Dass der Mut über die Furcht siegt und die Vernunft über die Gier, an diese Hoffnung klammert sie sich trotz aller Einblicke in menschliche Abgründe, trotz aller Nackenschläge. Seit einigen Jahren etwa leitet sie von Oslo aus ein internationales Netzwerk von Staatsanwälten, die gegen Geldwäsche und Steuerflucht ermitteln. Ihre Bilanz fällt ernüchternd aus: "Wir haben keinen Erfolg, weil die Politiker Angst haben. In vielen Ländern fehlt der politische Wille, diese Verbrechen zu bekämpfen."

Wenn es zäh wird, hilft die Großmutter

Aufgeben aber ist für sie auch jetzt keine Option. Seit drei Monaten steht ihr vor sechs Jahren erschienenes Buch wieder an der Spitze der Bestsellerliste - auf Island. In einer Fernsehtalkshow hatte Joly dort erklärt, mit welchen Methoden die Behörden den Verantwortlichen für den Beinahe-Bankrott der Inselrepublik zu Leibe rücken und die vermutlich außer Landes geschafften Vermögen der zuerst als "Finanzwikinger" bewunderten und nun verhassten Spekulanten aufspüren sollten. Wie üblich klang sie freundlich und meinte es ernst. Mehr Personal sei nötig, man brauche Experten für internationale Finanzströme, müsse Briefkastenfirmen und Konten auf den Cayman Islands und in Luxemburg überprüfen, dürfe Razzien nicht scheuen. "Das ist der einzige Weg, um geheime Konten zu finden." Sofort nach der Sendung kommt in Internetforen der Wunsch auf, Joly selbst mit der Aufgabe zu betrauen; kurz darauf folgt die offizielle Anfrage. Sie nimmt das Angebot an und berät seither die Regierung in Reykjavík.

"Auf meinem Schreibtisch sah es schon vorher chaotisch aus", räumt Joly ein. "Ich habe die wichtigsten Unterlagen zu all meinen Projekten eben gerne immer griffbereit." Sie selbst dagegen wirkt auch nach einer abendlichen Marathonsitzung mit dem Justizminister noch aufgeräumt, ihre Kraft und Ausdauer müssen deutlich größer sein als die Schreibtischplatte. Wenn es zäh werde, sagt sie, dann denke sie an ihre Großmutter. Wie diese sich in einer damals noch durch und durch pietistischen Gesellschaft als geschiedene Frau mit zwei Kindern durchgeschlagen habe, bewundere sie. Inzwischen gilt Norwegen zwar als Musterland der Gleichberechtigung, sonst aber sind nach Jolys Einschätzung die alten Regeln noch in Kraft. "Männer haben die Macht", sagt sie. "Kein Wunder, dass auch 99 Prozent der Wirtschaftskriminellen Männer sind."

„Ganz allein ist man tot“

Eine Frau, die im einsamen Kampf gegen die übermächtigen Netzwerke raffgieriger Männer das Recht verteidigt - schnell ist daraus eine heroische Geschichte gestrickt, die sich im nächsten Atemzug als verschwörungstheoretische Phantasie abtun ließe. Doch in die Rolle der heldenhaften Einzelkämpferin will Eva Joly sich erst gar nicht drängen lassen. "Wenn du glaubst, dass du ganz allein gegen den Rest der Welt kämpfen musst", fasst sie ihre eigenen Erfahrungen zusammen, "dann stimmt oft mit dir selbst etwas nicht." Für Richter sei ihre mit der Autorität des Gesetzes kombinierte Einsamkeit geradezu ein Berufsrisiko, gegen das sie Strategien entwickeln müssten.

Ex-Minister Bernard Tapie brachten ihre Ermittlungen zu Fall

Ex-Minister Bernard Tapie brachten ihre Ermittlungen zu Fall

Ihr selbst etwa habe geholfen, dass sie erst mit Ende 40 Untersuchungsrichterin geworden ist. "Ich war schon erwachsen, das war ein Glücksfall. Als Sechsundzwanzigjährige hätte ich es kaum geschafft." Immer wieder wäge sie etwa ihre eigenen Überzeugungen sorgfältig mit den Reaktionen aus ihrem Kollegen- und Bekanntenkreis, suche die Rückkopplung mit der Gesellschaft - so wie jemand, der auf Eis gehe und deshalb genau darauf achten müsse, wann es unter ihm knackt. Dass der Starke am stärksten alleine sei, wie es Henrik Ibsen den Badearzt Stockmann, die Hauptperson seines Dramas "Ein Volksfeind", sagen lässt, sei dagegen Unfug. Schon im literarischen Damenclub, von Joly und einer Kollegin gegründet, habe sie diese Position kritisiert. "Da hat Ibsen sich geirrt. Ganz alleine ist man tot. Stockmann hätte länger nach Verbündeten suchen sollen."

Distanz zu Paragraphen entwickelt

Milder als mit Norwegens bekanntestem Schriftsteller geht Joly inzwischen mit sich selbst um. Mit den Jahren habe sie gelernt, eigene Fehler und Schwächen wie den notorisch überfrachteten Schreibtisch zu akzeptieren. Auch in ihrem auf den ersten Blick verworren wirkenden Lebenslauf, der zwischen Ländern und Berufen hin und her springt, entdeckt sie nun einen roten Faden - die Neugier, hinter Fassaden blicken zu wollen. "Ich hatte immer ausgezeichnete Beobachtungsposten für den Blick auf Menschen, die sich außerhalb unserer Gesellschaft befanden." Auf Leid und Wahnsinn etwa sei sie schon als Justitiarin in einer Psychiatrie und in der medizinischen Praxis ihres Ehemanns gestoßen. "Als Staatsanwältin und Untersuchungsrichterin traf ich dann im Prinzip auf dasselbe Publikum."

Für die Grünen kandidierte sie für das Europaparlament

Für die Grünen kandidierte sie für das Europaparlament

Zu den Paragraphen, die ihr vor allem während der heißen Phase der Elf-Aquitaine-Affäre im Umgang mit dieser Klientel Halt gaben, hat sie mittlerweile eine erstaunliche Distanz gewonnen. Sie machen nicht mehr die Grenzen ihres Rechtsempfindens aus. "Ich bin keine Richterin mehr, ich bin jetzt eine Bürgerin", sagt sie selbst. Wieder zieht sie eine Parallele zur Literatur, statt zu Stockmanns Dilemma diesmal zur Wahl der Antigone, die sich in der griechischen Sage zwischen einem unbarmherzigen Gesetz und der moralischen Pflicht entscheiden muss. "Man muss tun dürfen, was der Gemeinschaft hilft", argumentiert Joly. "Selbst wenn es nicht dem Gesetz entspricht."

Den Feldzug in Europa fortsetzen

Konkret äußert sich diese Überzeugung in der Unterstützung von Umweltschutz- und Menschenrechtsaktivisten - und in einem weiteren Aktenstapel auf ihrem Schreibtisch. Es sind Wahlkampfunterlagen. An der Seite des Spitzenkandidaten Daniel Cohn-Bendit, Joschka Fischers einstigem WG-Mitbewohner, hat Eva Joly an diesem Wochenende für die französischen Grünen für das Europaparlament kandidiert. Dort soll ihr Feldzug gegen Steuerparadiese und millionenschwere Kavaliersdelikte weitergehen. "Ich verstehe davon mehr als die meisten anderen", sagt sie. "Deshalb trage ich auch mehr Verantwortung." So sanft kann eine Kampfansage klingen.

Zur Person:

-Gro Eva Farseth wird 1943 in Oslo geboren. Mit 20 Jahren bricht sie zum Französischstudium nach Paris auf und heiratet Pascal Joly, den Sohn ihrer Gasteltern. Mit ihm hat sie zwei Kinder.

-Sie studiert Jura und arbeitet als Justitiarin in einer pysychiatrischen Klinik. 1980 wird sie Staatsanwältin, 13 Jahre später Ermittlungsrichterin im Justizministerium. Sie überführt Ex-Minister Bernard Tapie als Steuersünder und leitet die Ermittlungen gegen den Ölkonzern Elf-Aquitaine.

-2002 beauftragt sie die Regierung Norwegens mit dem Aufbau einer Anti-Korruptions-Kommission. Seit diesem März berät sie Island bei der Jagd nach den abgetauchten "Finanzwikingern". In Frankreich kandidiert sie für die Grünen für das Europaparlament.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, Stéphanie Lacombe

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