18. Oktober 2004
Der neue Riesen-Airbus A380 erhitzt die Gemüter: Werden wirklich über 500 Passagiere damit fliegen können? Wird es tatsächlich Konferenzräume und Fitness-Studios im Rumpf dieses doppelstöckigen Mega-Liners geben? Während die Phantasien blühen, setzen Ingenieure und Techniker bei Airbus, den Technik-Zulieferern und den Flughäfen alle Hebel in Bewegung, damit der Koloß 2005 zum ersten Mal abheben und ein Jahr später im Liniendienst fliegen kann.
Georg Böhringer sitzt im französischen Toulouse vor einer riesigen Montagehalle: 200 mal 600 Meter mißt das Gebäude. Normalerweise fahren hier Techniker mit kleinen Elektrowagen umher, zu Fuß wären die Wege zu lang. Jetzt aber wird Feueralarm geprobt, und der 30jährige Jungmanager findet unerwartet Ruhe, um über das zu sprechen, was ihn zur Zeit am meisten fasziniert: Der neue Großraum-Airbus A380. Böhringer sorgt dafür, daß die aus den deutschen Werken angelieferten, mehr als acht Meter hohen Rumpfteile hier paßgenau zusammengeschoben und montiert werden. Wenn der A380 fertig ist, wird sein Rumpf 73 Meter lang sein, die Spannweite 80 Meter betragen und das Leitwerk mit 24 Metern so hoch sein wie ein Haus mit acht Etagen, so Luftfahrtexperte Andreas Spaeth in einer Reportage für den NDR.
In der Tat ist dieser Passagierjet größer als alles, was man sich an Verkehrsflugzeugen bisher vorstellen konnte. Und luxuriöser: Die A380 wirkt wie ein doppelstöckiges, fliegendes Hotel. Die erste Klasse ist mit High-Tech-Sitz- und Liegeelementen und Teppichboden ausgestattet, in der Economy-Class werden zehn breite Sitze nebeneinander Platz finden. Wie genau die Maschinen später aussehen werden, entscheidet jede Fluggesellschaft selbst: Qatar Airways aus dem Emirat Katar zum Beispiel will seine A380 mit Lounge, Bar, Shopping-Mall und Bücherei ausstatten. Airbus-Verkaufsmanager weisen auch gerne auf die Möglichkeit hin, Konferenzräume, Fitness-Studios, Schlafräume und Kinderspielzimmer einzurichten.
"Man muß sich wirklich in die Systeme und Bauunterlagen einfuchsen."
Während die Lifestyle-Phantasien übersprudeln, ist Böhringer mit den praktischen Fragen der Endlinie befaßt: Wo liegen die Kabel? Wie lang sind die Kabel? Und wo sollen sie abgeschnitten werden? "Man muß sich wirklich in die Systeme und Bauunterlagen einfuchsen", weiß der Maschinenbauer, der sich mit seinem Diplom der Uni München und seinem zusätzlichen Abschluß der École Centrale Paris - einer der Eliteschmieden Frankreichs - als Idealbesetzung für den Posten in Toulouse erwies. Seit Mitte Mai arbeitet er in Frankreich, zwei Jahre soll sein Einsatz dauern; also genau bis zu dem Zeitpunkt, wenn im März 2006, unter der Flagge der Singapore Airlines, die erste A380 Linienmaschine mit Premierengästen abheben wird. Vor drei Jahren war Böhringer bei Airbus Deutschland als Trainee eingestiegen und dann 18 Monate lang durch fünf Stationen und Standorte getourt: Hauptsitz von Airbus ist Toulouse, in Norddeutschland unterhält das Unternehmen unter anderem Werke in Hamburg-Finkenwerder, Buxtehude, Bremen, Stade, Nordenham und Varel. "Die erste Klasse und das Bretterabteil kommen aus Deutschland", scherzt Böhringer, "der Bereich um die Flügel aus Frankreich, die Flügel selbst aus England und das Heck samt Seitenleitwerk wiederum aus Deutschland, das Höhenleitwerk liefern unsere spanischen Kollegen."
139 Bestellungen und feste Kaufabsichten sind seit Programmstart im Jahr 2000 bei Airbus eingegangen - ein weitaus besserer Start als zu Zeiten der Baureihe A300, die 1972 in Serie ging, und von der bis 1977 insgesamt nur 33 Jets die Werkshallen verließen. Aber das ist längst Geschichte. Bis zum Jahr 2019 sollen mehr als 1.000 der neuen Riesenflugzeuge aus den Werkshallen in Toulouse rollen. "Für die A380 haben wir mehr als 1.600 Mitarbeiter eingestellt", resümiert Dietrich Büscher, bei Airbus Deutschland für Personalmarketing zuständig. Wenn das Flugzeug 2006 in Serie geht, werden vor allem weitere Techniker und Mechaniker gebraucht - aber auch für Akademiker wird es noch eine Menge zu tun geben: "Wir rechnen damit, daß wir die A380 in verschiedenen Versionen herausbringen werden, und natürlich werden wir die bereits existierende Flugzeugflotte auf dem Stand der Technik halten", so Büscher. Nachwuchsingenieure sucht Airbus deshalb vorrangig im Bereich Engineering/Konstruktion, außerdem im "Customer Service + Support", wo zum Beispiel technische Handbücher verfaßt werden, und in der Systemintegration: Von der Küche über die Sitze bis hin zur Beleuchtung, Abfallentsorgung, Wasserversorgung, Notrutschen, Klimaanlagen und Unterhaltungselektronik müssen die verschiedensten Systeme miteinander verbunden und aufeinander abgestimmt werden. "So, daß die Stromversorgung nicht kollabiert, wenn alle Passagiere ihre Spielkonsolen gleichzeitig hochfahren", nennt Büscher ein Beispiel.
Für den A380 haben wir mehr als 1.000 Ingenieure eingestellt.
Die Faszination für den gigantischen A380 hat Airbus eine große Medienpräsenz in Zeitungen und im Fernsehen beschert - oder war es umgekehrt? Wie auch immer: Bei Airbus gingen 50.000 Bewerbungen ein. 2005 soll ein neues E-Recruiting-System in Betrieb genommen werden. "Das wird uns eine wesentliche Erleichterung bringen", hofft Büscher. Ob Luft- oder Raumfahrtingenieure, Maschinenbauer, E-Techniker, Verfahrensingenieure, Flugzeugbauer, Mechatroniker oder Wirtschaftsingenieure: Airbus sucht Absolventen aller Fachbereiche, die Verständnis für Flugzeugtechnik mitbringen. Berufserfahrene Kandidaten zu finden, ist Büscher zufolge schwierig - es gibt einfach zu wenige am Markt. "Wir sind durchaus auch an Quereinsteigern aus der Automobilindustrie, aus dem Schiffbau oder Waggonbau interessiert", erklärt er. Diesen bietet Airbus neben der Führungslaufbahn auch eine attraktive Fach- und eine Projektlaufbahn an, die, was das Einkommen und die Ausstattung mit Firmenwagen etc. betrifft, ähnlich attraktiv dotiert sind wie die klassische Karriere: "Nicht jeder kann Führungsverantwortung übernehmen", weiß Büscher. "Airbus hat aber sehr viele hochqualifizierte Experten, und denen müssen wir Entwicklungsmöglichkeiten bieten." Nachwuchskräfte mit sehr gutem Potential werden mit speziellen Programmen gefördert, daneben bietet Airbus zum Beispiel am Standort Hamburg in Kooperation mit der örtlichen VHS Weiterbildungs-Seminare im eigenen Technologiezentrum an, die allen offenstehen.
Insgesamt arbeiten rund 50.000 Menschen bei Airbus in Europa, zählt man die Zulieferunternehmen mit, kommt man auf etwa 100.000. Daß Young-Professionals auf ihrem Weg nach oben von den Zulieferern zu Airbus wechseln, ist keine Seltenheit. "Wir sind das Sprungbrett", weiß auch Norbert Runn, Marketingleiter bei Dasell, einem in der Nachbarschaft des Airbus-Werks Finkenwerder ansässigen Hersteller von Flugzeug-Nasszellen. Es klingt profan - aber jeder, der viel unterwegs ist, weiß: Der Zustand von Toiletten und Duschen kann dem Wohlbefinden auf einer Reise zu-, aber auch sehr abträglich sein. Hier setzt Dasell an: Die neuen Anlagen sollen gegenüber den herkömmlichen, engen Örtchen schöner, größer, leiser, leichter und für Airbus auch günstiger werden. Immerhin 15 bis 20 Kabinen werden im Flugzeug zur Verfügung stehen. Wer Business fliegt, kann sich über hochwertigere Oberflächen, eine dezente Beleuchtung und noch mehr Platz in den Häuseln freuen. "Ich habe schon als Azubi an Flugzeug-Toiletten geschraubt", erinnert sich Matthias Klindworth, der bei Dasell als Konstrukteur im A380-Team arbeitet. Nach seiner Berufsausbildung zum Fluggerätbauer bei MBB hatte er Architektur studiert, ist aufgrund der angespannten Lage in der Baubranche aber zu seinem ursprünglichen Steckenpferd zurückgekehrt. Zunächst zu einer Firma, die Trennwände und Stauschränke für den Airbus baut, dann zu Dasell. "Ich konnte sofort in die Vollen gehen", sagt der 34jährige. Die Abläufe, das Arbeiten mit Kohlefaserverbundstoffen und anderen neu entwickelten Materialien - das kannte er alles schon. Jetzt ist Klindworth zuständig für das Customizing: Im Auftrag von Airbus entwirft er Pläne, wie die Versorgung mit Wasser und Strom angelegt werden muß und wie das Vakuumsystem funktioniert. 228 Mitarbeiter sind bei Dasell beschäftigt: 38 in der Konstruktion, der größte Teil aber in der Fertigung. Für den A380 wurden eigens neue Leute eingestellt. "In den nächsten Monaten könnten wir neuen Bedarf haben", sagt Runn. Vor allem Young Professionals sind gesucht, die idealerweise Berufserfahrung in einem Konstruktionsbüro gesammelt haben sollten.
Die Faszination für den A380 hat mich nicht mehr losgelassen."
Es sind nicht nur die Flugzeugbauer, die sich für den Riesenflieger A380 vorbereiten. Auch die Flughäfen - zum Beispiel der in Frankfurt am Main - stellen sich auf die neuen Dimensionen ein. "Wir müssen unter anderem Gates vergrößern", erklärt Birgit Eilbacher, die sich bei der Fraport AG um die Terminal-Infrastruktur für den A380 kümmert. "Der Check-in-Bereich, die Sicherheitskontrolle, die Wartezone - alles muß auf über 500 Passagiere ausgelegt sein." Möglicherweise wird es sogar eine zusätzliche Brücke geben, die direkt in das Oberdeck der neuen Maschine führt. Die 29jährige Bauingenieurin erarbeitet zusammen mit anderen Abteilungen bei Fraport, was genau getan werden muß, in welchem Zeitraum was fertig werden soll, wieviel der Umbau kostet. Bis 2006 wird das Terminal 2 bereit sein für den A380, 2007 kann die Maschine dann auch am Terminal 1 abgefertigt werden. Im Oktober 2000 war Eilbacher als Trainee bei Fraport eingestiegen und hat in verschiedenen Projekten den Flug- und Terminalbetrieb aus den verschiedensten Perspektiven kennengelernt: "Ich habe sogar auf dem Vorfeld und am Infodesk mitgearbeitet, um alle Prozesse nachvollziehen zu können", blickt Eilbacher zurück. Nach dem Traineeprogramm startete sie in der Abteilung Infrastruktur und nahm alles unter die Lupe, was zum Boarding und Deboarding des neuen Mega-Liners notwendig sein wird. "Seitdem hat mich die Faszination für den A380 nicht mehr losgelassen", sagt Eilbacher.
Für ihr Traineeprogramm sucht die Fraport AG Absolventinnen und Absolventen mehrerer Fachrichtungen: Neben Ingenieuren sind dies Wirtschaftswissenschaftler und Wirtschaftsingenieure, Juristen, Sozialwissenschaftler und Informatiker. "Unser Traineeprogramm ist unternehmensübergreifend konzipiert, wir suchen Bewerber für nahezu alle Unternehmensbereiche", erklärt Stephanie Lehna, HR Marketing Manager bei der Fraport AG in Frankfurt am Main. Zu den strategischen Geschäftsbereichen zählen die Bodenverkehrsdienste, das Handels- und Vermietungsmanagement und der Bereich Flug- und Terminalbetrieb. Wer noch studiert, kann sich auch für ein Praktikum bewerben und damit wichtige Punkte sammeln: "Unsere Praktikanten werden im Laufe ihres Praktikums systematisch beurteilt. Im Anschluß werden die Besten in den Kreis der Fraport Talents' aufgenommen und bis zum Berufseinstieg betreut", stellt Lehna in Aussicht. Die Teilnehmer werden bei der Auswahl für das Traineeprogramm bevorzugt behandelt.
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