Von Boris Holzer
18. Oktober 2004 Aus dem Internet bezogene Plagiate haben uns an dieser Stelle schon beschäftigt. Die moderne Informationstechnologie erleichtert das Kopieren fremder Gedanken bekanntlich so sehr, daß man diese nicht einmal mehr mühsam abtippen muß. Das führt nicht nur dazu, daß der Aufwand für ein Plagiat immer geringer wird. Das Einfügen per Mausklick macht auch jenen minimalen Lerneffekt zunichte, der sich beim klassischen Abschreiben aus Büchern nebenbei noch einstellen mag. Nicht umsonst ist das mündliche Gespräch über die Arbeit deshalb ein sicherer Garant dafür, ein Plagiat zu identifizieren. Wer aus dem Internet kopiert hat, erinnert sich in der Regel nicht einmal an das Thema, geschweige denn an eine These.
Doch eine derart ausführliche Prüfung ist für den Professor und seine Assistenten meist schon aufgrund der Zahl der zu betreuenden Arbeiten unmöglich. Dieses Kontrolldefizit steht in einem eklatanten Mißverhältnis zur steigenden Zahl der Plagiate. Was läge da näher, als sich beim Kampf gegen die Plagiatoren ihrer eigenen Waffen zu bedienen? Schließlich erlaubt der Computer nicht nur flinkes Kopieren, sondern auch schnelles Überprüfen. In Amerika haben sich gebührenpflichtige Dienste wie "turnitin.com" schon länger auf die automatisierte Enttarnung von geistigem Diebstahl spezialisiert. Dozenten können dort Essays in elektronischer Form zur Überprüfung einreichen. Mit Hilfe des Internets und eigener Datenbanken wird ermittelt, ob eine Arbeit abgekupfert wurde oder nicht.
Nachahmer in Deutschland
Ein offenbar erfolgreiches Geschäftsmodell, das zur Nachahmung einlädt. Ein Programm namens "Plagiarism Finder" verspricht nun hierzulande einen ähnlichen Service. Die Eigenleistung der Software ist aber eher bescheiden: Die in digitaler Form vorliegenden Arbeiten werden lediglich von Formatierung und Satzzeichen bereinigt, um dann in eine populäre Suchmaschine gefüttert zu werden. Die Ergebnisse werden zur Nachverfolgung am Bildschirm präsentiert. Das kann durchaus erfolgreich sein. Man fragt sich allerdings, ob dazu ein nicht ganz billiges Programm nötig ist, das lediglich auf öffentlich zugängliche Internetquellen zugreift.
Das Verfahren ist ebenso beschränkt wie eine manuelle Jagd per Suchmaschine: Aus mittlerweile kostenpflichtigen Quellen wie "hausarbeiten.de" bezogene Arbeiten werden nicht gefunden. Der amerikanische Online-Service füllt diese Lücke teilweise durch eine eigene Datenbank, die mit Lexika und Standardwerken und allen bereits eingesandten und archivierten Arbeiten bestückt ist. Letzteres erlaubt es, den Zirkel des Abschreibens dort zu unterbrechen, wo er häufig seinen Anfang nimmt: nicht beim Fachzeitschriftenartikel, sondern bei der Arbeit eines Kommilitonen. Ohne eine solche, von Suchmaschinen unabhängige Datenbasis werden nur jene enttarnt, die nicht nur die Arbeit des Schreibens, sondern auch die Kosten des bezahlten Herunterladens scheuen. Die lahmende Konjunktur der New Economy wird es dankbar zur Kenntnis nehmen.
Der "Plagiarism Finder" findet sich unter http://www.plagiarism-finder.de; eine ähnliche Technik wird umsonst unter http://www.ifalt.de/crc/dv.hhtml angeboten.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 17.10.2004, Nr. 42 / Seite 78
Bildmaterial: dpa
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