Berlinale-Bilanz

Wo man das Fliegen lernen konnte

Von Michael Althen

Regisseurin Claudia Llosa mit ihrem Goldenen Bären

Regisseurin Claudia Llosa mit ihrem Goldenen Bären

15. Februar 2009 Irgendwann im Laufe der zweiten Festivalhälfte konnte es passieren, dass man genug hatte. Dass man sich dachte, die Vorstellungen von dem, was Festivalchef Dieter Kosslick für wettbewerbsfähig hält, und dem, was man selbst im Kino für möglich hält, gehen offenbar so weit auseinander, dass man sich den Wettbewerb und sein Kino der guten Absichten und lauwarmen Inszenierungen eigentlich schenken kann.

Und dass man also die Konsequenz zog und abends nicht irgendwelche Wettbewerbsfilme nachholte, sondern in die 70-Millimeter-Retrospektive im International ging, um im winterlichen Festivalgrau auch mal wieder auf andere Gedanken zu kommen. Schließlich besteht ein Festival ja nicht nur aus dem Wettbewerb, der ja nur das vom Chef bestückte Schaufenster eines Ladens darstellt, der im Inneren aber ein ungleich reicheres Angebot bereithält.

Szenenbild: “La teta asustada“
Szenenbild: „La teta asustada”

Das verschwenderische Format kam vor allem von Mitte der fünfziger bis Anfang der siebziger Jahre gelegentlich zum Einsatz, wenn das Kino zeigen wollte, dass die Produktion weder Kosten noch Mühen gescheut hat. Für die Retrospektive in diesem Format sprach schon der Umstand, dass sie wie ein letzter Seufzer einer Technik wirkte, von der sich der Kinobetrieb bald vollständig verabschiedet haben wird. 70 Millimeter benötigt die entsprechenden Projektoren, die diese breiteren Filmstreifen auch zeigen können - und das können eben nur noch die wenigsten. Und der anachronistische Luxus dieser Retrospektive traf auf die Meldung, wonach erstmalig über die Hälfte der Festivalsäle mit digitalen Servern ausgestattet sei, die den Film von der Festplatte projizieren. Dagegen ist an und für sich nichts einzuwenden, weil die digitale Projektion nicht den Verschleißerscheinungen von Filmkopien unterworfen ist, aber es markiert eben auch einen Scheidepunkt, der den Abschied von der Filmrolle und den Siegeszug der Festplatte markiert.

Kino in seiner ganzen Pracht

Schon deshalb war die Retro also eine der letzten Gelegenheiten, das analoge Kino noch mal in seiner ganzen Pracht zu bestaunen, sich in die erste Reihe des International zu setzen und im Berliner Winter in die Sonne von „Lawrence von Arabien“ einzutauchen und sich wie in einem Solarium von ihr bestrahlen zu lassen. Und die Atmosphäre im Saal war nicht nur deswegen geradezu feierlich, weil der Vorführung die bewegende Verleihung des Ehren-Bären an den Komponisten Maurice Jarre vorausging (Ehren-Bär für den Komponisten von „Doktor Schiwago“), sondern weil sich das Publikum der Besonderheit des Ereignisses bewusst war. Knappe vier Stunden in einer anderen Welt, mit nach der Ouvertüre sich öffnendem Vorhang und Pause - und draußen vor der Kasse zahllose Enttäuschte, die keine Karten mehr bekamen. Auch das ist Berlinale - eine Beschwörung dessen, was Kino mal war, und ein Beweis, welche Faszination das auch heute noch auf die Menschen ausübt.

Am Abend vorher hatte es im International ein Programm mit Kurzfilmen in 70 Millimeter gegeben, eine Einführung ins Todd-AO-Verfahren mit Achterbahnfahrt und Landschaftspanoramen, einen holländischen Kulturfilm, der die Gemälde der flämischen Meister mit 70-Millimeter-Pracht konterte - und einen zwölfminütigen norwegischen Film, der sich als magischer Moment dieser Berlinale entpuppte. Bei ihm konnte man förmlich spüren, wie dem Saal der Atem stockte und der Eindruck herrschte, dass man im nächsten Moment plötzlich das Fliegen lernte.

Traumwandlerische Sanftheit

1988 hat Morten Skallerud eine 70-Millimeter-Kamera für „A Year Along the Abandoned Road“ ein Jahr lang in Einzelbildern um einen norwegischen See jenseits des Polarkreises bewegt, so dass man nun die Jahreszeiten im Zeitraffer dahinfliegen sieht. Aber dieser geläufige Effekt paart sich mit einer so traumwandlerischen Sanftheit der Kamerabewegung, die zur Musik von Jan Garbareks „Twelve Moons“ den See umschwebt, dass man wünschte, sie möge nie mehr aufhören. Zwölf Minuten, die für alles entschädigten, was so ein Festival manchmal auch an Zumutungen zu bieten hat.

Und als folgte das Programm einem unsichtbaren Drehbuch, konnte man hinterher im Friedrichstadtpalast miterleben, wie bei Stephen Frears' „Chéri“ die digitale Projektion ihren Geist aufgab. Erst fror das Bild zu roten Schatten ein, unter denen der Film blaugrün weiterlief, bis dem doppelten Spuk ein Ende gesetzt wurde - und letztlich die Zuschauer nach Hause geschickt werden mussten. Trunken von der 70-Millimeter-Pracht, schien diese Einführung in die Fährnisse der Digitalprojektion eine passende Pointe. Tatsache ist eben, dass die schöne neue Welt genauso anfällig für Fehler ist wie die alte. Was einst der Filmriss war, wird in Zukunft der Festplattenabsturz sein.

Auf diesen Film konnte man sich einigen

Am Ende gehört das Rampenlicht dann aber doch wieder dem Wettbewerb. Mit „La teta asustada“ der Peruanerin Claudia Llosa gewann ein Film, auf den sich die meisten einigen konnten, ohne dass er jemand vom Hocker gerissen hätte. Und mit den beiden Silbernen Bären für den deutschen Beitrag „Alle anderen“ - dem Spezialpreis der Jury für Regisseurin Maren Ade und dem Preis für ihre Darstellerin Birgit Minichmayr - hat sich die Berlinale nicht nur wieder als Schaufenster fürs deutsche Kino bewährt, sondern auch einen Film ausgezeichnet, der sich nicht mehr und nicht weniger vorgenommen hat, als mit großer Genauigkeit und Zärtlichkeit dem Auf und Nieder einer Liebe nachzuspüren (Berlinale 2009: „Alle anderen“ von Maren Ade).

Und die Preisverleihung versöhnte auch deswegen mit dem Wettbewerb, weil sie wieder einmal die Illusion nährte, das Weltkino sei doch irgendwie eine einzige große Familie. So setzte sich der aus Mali stammende gebrechliche Darstellerbären-Gewinner Sotigui Kouyaté auf die Bühne und ließ seiner wortreichen Dankesrede auch noch drei kleine Geschichten folgen; der uruguayische Regisseur Adrián Biniez, der für „Gigante“ gleich dreimal ausgezeichnet wurde, rief überwältigt nach seiner Mutter; und die peruanische Hauptdarstellerin Magaly Solier stimmte im Ketschua-Dialekt ein Lied an. So hatte es Dieter Kosslick am Ende doch wieder geschafft, mit seinem Festival Wärme in den Berliner Winter zu bringen.

Und die Gewinner sind

Goldener Bär: „La teta asustada“ von Claudia Llosa

Silberner Bär für die beste Darstellerin: Birgit Minichmayr in „Alle anderen“

Silberner Bär für den besten Darsteller: Sotigui Kouyaté in „London River“

Silberner Bär für die beste Regie: Asghar Farhadi für „Darbareye Elly“

Silberner Bär für eine herausragende künstlerische Leistung: Gábor Erdélyi und Tamás Székely für das Sounddesign in „Katalin Varga“

Silberner Bär für das beste Drehbuch: Oren Moverman und Alessandro Camon für „The Messenger“

Großer Preis der Jury: „Gigante“ von Adrián Biniez und „Alle anderen“ von Maren Ade

Alfred-Bauer-Preis: „Gigante“ von Adrián Biniez und „Tatarak“ von Andrzej Wajda

Bester Erstlingsfilm: „Gigante“ von Adrián Biniez

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP, Berlinale, ddp, dpa, REUTERS

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Goldener Bär für „La Teta Asustada“

Die peruanische Produktion konnte sich im Wettbewerb der Berlinale als bester Film durchsetzen. Das deutsche Drama „Alle Anderen“ wurde mit zwei Silbernen Bären ausgezeichnet.

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