05. Februar 2009 Wenn im Berlinale Palast zum ersten Mal das Licht ausgeht und von der Leinwand der riesige Feuerball einer aus lauter Bären zusammengesetzten Erde ins All eintaucht, wenn die Kugel zerbirst und aus ihr Sterne regnen, die sich dann wundersam zum Wahrzeichen des Berlinale-Bären fügen, setzt Jahr für Jahr der Herzschlag einmal aus. Für einen Augenblick wird es feierlich, denn was gleich beginnt, ist nicht einfach irgendein Film, sondern der Eröffnungsfilm eines Festivals des Weltkinos. Hier sitzt man nun in der wie jedes Jahr von jeglichem Zweifel ungetrübten Zuversicht auf zwei Wochen Luxusfutter für die Filmleidenschaft, die an diesem Abend Tausende am Potsdamer Platz zusammentreibt.
Der Vorspann zum Festival ist die Verpackung dessen, was kommt - Festivalbeiträge nämlich. Und weil das so allgemein ist, funktioniert er nach dem ersten Mal eher wie ein Jingle, ein Erkennungszeichen. Für den Herzschlag und ob er aussetzt, sind jetzt die Filme selbst zuständig, und zwar zunächst: ihr Anfang. Und damit, so oder so, kunstvoll choreographiert, rein grafisch gestaltet oder minimalistisch karg, ihr Vorspann. Die Titelsequenz. Ihre jeweils ganz eigene Verpackung.
Kleine eigenständige Kurzfilme
Auf ihr muss stehen, was drin ist. Das war von Beginn der Filmgeschichte an so und hieß meistens, dass die Typographie, in der nach dem Logo des Studios der Titel und die Namen der wichtigsten Beteiligten auf der Leinwand erschienen, auch über das Genre Auskunft gab. Buchstaben wie auf einem Fahndungsplakat bedeuteten Western, weiße (später rote), gern auch zerlaufende Schriftzeichen auf schwarzem Grund, über den Nebelschwaden waberten, kündigten Horror an, geschwungene Typen in Schreibschrift versprachen Romantische Komödie und so weiter, was mit den Jahren (und mit dem Aufkommen von Ton und Farbe) immer elaborierter wurde.
Auch die Verbindung von Schrift, Ton, Bild und Filmthema gestaltete sich immer phantasievoller, bis schließlich die Titelsequenzen oft kleine eigenständige Kurzfilme wurden. Spätestens ab den Dreißigern, muss man im Rückblick anerkennen, entwickelte sich aus dem Entwerfen von Vorspännen (die immer länger wurden, weil mit der Zeit immer mehr am Film Beteiligte das Recht bekamen, dort genannt zu werden) eine eigene Kunst. Nur dass wir, mit einigen allerdings berühmten Ausnahmen, bis heute oft nicht wissen, wer die Künstler sind.
Ein paar Namen kennen wir
Weil Vorspänne aber nicht nur Verpackung sind, sondern auch Stimmungen setzen, auf Assoziationen aus sind oder Vorahnungen geben, also den Raum bereiten für die Geschichte, der sie vorausgehen, werden sie auch Teil des Inhalts, auf den sie vorgreifen oder den sie bereits variieren, bevor wir ihn kennengelernt haben. Für manche Regisseure, Jean Cocteau etwa oder Orson Welles, später Jean-Luc Godard in besonderem Maße und natürlich Quentin Tarantino, der dieser Kunst in jedem seiner Film ein eigenes Denkmal setzt - und der weiß, dass sie bereits im Verschwinden begriffen ist, weil immer weniger Filme heute sich solch einen Beginn noch leisten -, gehören die Titelsequenzen so unverbrüchlich zum Film, dass sie sie selbst inszenieren.
Die meisten Regisseure allerdings greifen auf die (meist aus dem Grafikdesign kommenden) Gestalter zurück, von denen wir nach wie vor zu wenig wissen. Ein paar Namen immerhin kennen wir. Maurice Binder, Kyle Cooper, Wayne Fitzgerald, Dan Perri, Pablo Ferro zum Beispiel, und natürlich den berühmtesten der Vorspannschöpfer, Saul Bass, der ab Mitte der achtziger Jahre gemeinsam mit seiner Frau Elaine arbeitete. Doch selbst für sie galt immer wieder, zum Beispiel bei Alien: Sie wurden in ihrem eigenen Vorspann nicht genannt, sie blieben uncredited.
Eine eigene Nennung als Titeldesigner
Dennoch, mit Saul Bass fing es an. Nicht die Titelkunst, die begann nahezu zeitgleich mit der Erfindung des Kinos, aber unser Bewusstsein von ihr. Für annähernd sechzig Vorspänne hat Saul Bass eine eigene Nennung als Titeldesigner bekommen, und dass er berühmt wurde, verdankt er erst einmal Alfred Hitchcock. Dass er berühmt blieb, Martin Scorsese. Der hat ihn nicht nur für seine Filme Goodfellas, Kap der Angst, Zeit der Unschuld und Casino engagiert, sondern auch in dem Dokumentarfilm Saul Bass: Title Champ von Gary Leva seine Kunst gepriesen.
Hitchcock hatte, bevor er Regie führte, selbst als Gestalter für Titel und Schrifttafeln in Stummfilmen gearbeitet und wusste genau, dass er den Zuschauer mit der Titelsequenz am Genick packen und in die Atmosphäre des Film werfen konnte, bevor dieser überhaupt begonnen hatte. Vor allem in seinen beunruhigendsten Werken hat er sich dieser Möglichkeit aufs Kunstvollste bedient. Und die drei Vorspänne, die Saul Bass für ihn gestaltete, gehören bis heute zu den meistzitierten.
Reichtum der Möglichkeiten
Aus tiefer Nacht, so scheint es, taucht das Gesicht einer Frau auf. Immer näher kommen wir ihm, bis der Mund die gesamte Leinwand füllt und zusammenzuckt. Die Kamera gleitet weiter zu den hin-und herirrenden Augen, fährt nah an eines der Augen heran, das jetzt aufgerissen zu uns blickt. Das Bild füllt sich mit blutroter Farbe, und aus der Pupille tritt der Filmtitel hervor, verdreht sich zur Spirale, die am Ende das ganze Bild füllt. So beginnt Vertigo. Eine rote Rose erblüht und öffnet sich, so dass wir sehen, sie ist aus wertvoller Spitze geformt. Sie verändert die Farbe, entblättert sich und über die geklöppelte Decke, in die sich die Rose verwandelt, legt sich eine wohlerzogene Handschrift und schließlich der Titel: Zeit der Unschuld.
Zur jazzig-rhythmischen Musik von Elmar Bernstein schieben sich von den Seiten, von oben und von unten dicke weiße Balken ins Bild, die als Unterstreichung oder Gitter für die Namen Otto Preminger, Frank Sinatra, Eleanor Parker, Kim Novak dienen, bis sich vier Balken plötzlich gewaltsam kreuzen und aus ihnen ein eckiger Arm mit einer nach unten deutenden Hand geformt wird: Der Mann mit dem goldenen Arm. Das sind nur drei Beispiele der Kunst von Saul Bass, der für Vertigo mit dem Gesicht der Hauptdarstellerin arbeitet, für Zeit der Unschuld symbolisch, für den Mann mit dem goldenen Arm geometrisch (die gekreuzten Balken erscheinen dann in der ersten Filmsequenz noch einmal, als Logo im Fenster einer Poolhalle), und damit den Reichtum der Möglichkeiten des Vorspanns deutlich macht.
Ein Glücksfall
Nochmal einen anderen Ansatz wählte Dan Perri für Scorseses Raging Bull. In milchigem Licht tänzelt eine Gestalt im Bademantel, die Kapuze auf dem Kopf, durch einen Boxring, während zwischen den Seilen die Namen auftauchen, nur der Titel rot und damit die einzige Farbe in diesem Schwarzweißfilm. Traumverloren wirkt das, sanft beinahe, die Bewegungen des Boxers ohne Gegner gedämpft durch Zeitlupe, abgefedert durch das Licht - aber die rote Farbe warnt uns auch davor, was auf uns zukommt. Blut, eine Menge davon, sehr nah.
Am 8. Februar eröffnet in den Kunstwerken Berlin eine Ausstellung, in der vierundfünfzig Vorspänne zu Filmen aus den Jahren 1922 (Danse Macabre von Dudley Murphy) bis 2007 (Death Proof von Quentin Tarantino und Planet Terror, dessen Titelsequenz von Kurt Volk stammt) zu sehen sein werden. Die Ausstellung gehört nicht zur Berlinale, ist aber ein Glücksfall fürs Festival wie für sein Publikum. Was wir in Filmen als Erstes sehen, worüber wir dann kaum jemals sprechen, obwohl wir uns vielleicht immer daran erinnern werden - hier ist es versammelt und mit Namen versehen, die viele vielleicht noch niemals gehört haben. Ansonsten gilt: Augen auf, wenn es dunkel wird.
Vorspannkino. 54 Titel einer Ausstellung. KW Institute for Contemporary Art. Vom 8. Februar bis 19. April. Katalog in Vorbereitung.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: KW