29. September 2008 Aus der Ferne sieht es aus, als habe jemand eine flache, gigantische Glasglocke über die Felder gestülpt. Sie haben einfach den kompletten Landstrich überdacht. Denn eines können sie sich hier nicht leisten: Landmasse unbeackert zu lassen, nur weil Küstenwind und Nieselregen unwirtlich darüber hinwegfegen. Bis an den Horizont reichen die Plantagen aus Gewächshäusern. Darunter steckt die halbe Provinz Westland und eine Menge Hochtechnologie. Holland produziert Gemüse für Milliarden. Denn obwohl es eines der kleinsten Länder der Erde ist: Es ist der zweitgrößte Landwirtschaftsexporteur der Welt.
Nur die Vereinigten Staaten produzieren noch mehr Getreide, Gemüse und Vieh für den Weltmarkt. Was sie aber der schieren Größe ihrer Anbauflächen verdanken. Trotz des enormen Flächenunterschieds halten die Holländer beim Ausstoß bestens mit. Ein Zehntel des niederländischen Bruttosozialprodukts stammt aus der Landwirtschaft. Das ist für ein Industrieland viel. In Deutschland ist es gerade mal ein Prozent.
Immer praller, immer größer - und immer geschmackloser
Produktiver als die Holländer ist außerdem kaum einer. Sie haben insbesondere beim Gemüse gezeigt, wie sich mehr Kilo aus jedem Quadratmeter Fläche herausholen lassen. Sie haben die Pflanzenzucht nicht nur perfektioniert, man könnte glatt sagen: Sie haben sie industrialisiert. Erde sucht man in den Gewächshäusern vergebens. Die Stengel wachsen auf Steinwollehäufchen und werden per Zeitschaltuhr mit Nährlösung, Luft und Licht versorgt. Dank solcher Techniken ist die Produktivität der holländischen Landwirtschaft zweieinhalb mal höher als der europäische Durchschnitt. Und bei den Tomaten macht ihnen sowieso keiner was vor.
Kein anderes Land dominiert den globalen Tomatenmarkt so wie sie. Dafür haben sie freilich einen hohen Preis bezahlt: Immer mehr Platz räumten sie der Tomate in den vergangenen 40 Jahren ein und bauten stetig neue Gewächshäuser für die südländische Frucht. Inzwischen berankt sie so viel Raum, wie Deutschland insgesamt an Treibhausfläche aufzubieten hat: 1500 Hektar, das sind 3000 Fußballfelder. Würde man Hollands Tomatensträucher gesammelt verpflanzen, wäre in unseren Treibhäusern nicht einmal Platz für eine einzige Gurkenranke.
Aber nicht nur die Fläche wuchs, die Züchter machten die Früchte auch immer praller, immer größer – und immer geschmackloser. Das quittierten deutsche Verbraucher in den 80er Jahren, indem sie der Hollandtomate eine Wasserbombe schimpften. Der Schmähruf hält sich seit 20 Jahren und nagt an der Züchterseele.
Die spanischen Bauern sind die größte Konkurrenz
Man merkt es, wenn Großzüchter wie Jos van Mil über das gesamteuropäische Lieblingsgemüse reden. Über die Pflanze, die so lange unterschätzt“ wurde, immerhin eine 1000-jährige Geschichte und 60 Geschmackssorten hat und deren Image dringend aufpoliert gehöre. Dazu hat er das Innovations- und Anbauzentrum Tomatoworld“ mitgegründet. Hier soll die Tomate einerseits zurückbekommen, was sie verloren hat: den Geschmack. Andererseits erproben Züchter hier, wie sie es schaffen, dass die ausländische Konkurrenz der holländischen Tomate nicht zu sehr auf die Pelle rückt.
Wir haben einen guten Standort mitten in Europa und ein gutes Klima, aber wir denken sehr viel darüber nach, wie wir unsere Füße trocken halten können“, sagt Landwirtschaftsministerin Edda van Burgh dazu.
Die spanischen Bauern sind die größte Konkurrenz. Weil die intensiv den europäischen Markt beackern, aber viel billiger produzieren können: Ihre Lohnkosten sind niedriger und Tomaten wachsen unter südlicher Sonne fast von selbst. So sparen sie sich die teuren Gewächshäuser, denn sie brauchen bloß ein bisschen Plastikfolie um die Felder abzudecken und vielleicht noch ein paar Schädlingsbekämpfungsmittel.
Tomatenpflanzen in Röhrensystemen
Die Füße trocken halten heißt für Hollands Agrarleute also in erster Linie: Kosten senken. Wie sie das machen können? Die Bauern müssen den Wasser- und Stromverbrauch ihrer Gewächshäuser reduzieren. Parallel dazu müssten die Züchter das Wachstum der Pflanzen verbessern, sagt Nico Koomen, Vorsitzender des niederländischen Rates für Gemüseanbau. Dass das einfacher ist, als viele glauben, zeigen die Feldversuche, die bei Tomatoworld und der landwirtschaftliche Universität von Wageningen zarte Wurzeln geschlagen haben:
Hier wachsen die Tomatenpflanzen schon in Röhrensystemen. Dünger und Nährlösung werden vom Dach aufgefangen und durch die geschlossenen Rohrleitungen an ihre Wurzeln gespült. So versickert kaum ein Tropfen ungenutzt im Boden. Wenn Huub Loffler, Professor an der Universität Wageningen, zurecht mahnt: ,Weltweit verbraucht die Landwirtschaft 70 Prozent des Frischwassers, das ist immens“, dann hat Willem Kemmers dafür vielleicht schon eine Lösung.
Sonnenkollektoren und schwenkbare Spiegel
Er ist zuständig für Forschung beim Agrardienstleister Priva und leitet das Projekt EcoFutura. Das versprüht in Gewächshäusern kein Frischwasser mehr – sondern Fisch-Wasser: Das Abwasser aus Fischzuchtbecken wird an die Tomatenwurzeln gepumpt. Denn was Fische an Mineralien im Becken hinterlassen, das gibt den Gemüsepflanzen zusätzliche Nährstoffe. Gerade für Küstenländer wäre das eine Revolution, wenn es massenhaft angewandt würde“, sagt er und flachst: Man kann allerdings streiten, ob diese Tomaten auch für Vegetarier geeignet sind.“
Tiere sparen auch an anderer Stelle Kosten: So besorgen Hummeln in den meisten Gewächshäusern die Bestäubung der Pflanzen, wo früher noch Menschen per Hand einzeln die Tomatenblüten betupfen mussten. Und nützliche Insekten werden auf die Pflanzen gesetzt, um Schädlinge von den Blättern zu fressen. Das ist billiger als Chemie.
Andere beweisen schon, dass die Gewächshäuser keine Stromfresser sein müssen, sondern sogar welchen produzieren können: Beim Prototypen der Universität Wageningen fangen Sonnenkollektoren und schwenkbare Spiegel auf dem Dach das Sonnenlicht ein. Sie wandeln es in Energie um und speisen sie ins Stromnetz ein. So produzieren die Glashausbesitzer tagsüber den Strom selbst, den sie nachts für Beleuchtung oder Lüftung abzapfen. Etwa jeder dritte Gewächshausbesitzer nutzt auch schon Solarzellen.
Im Prinzip ist die Technik schon so weit
Und auch das funktioniert bereits im Großversuch: Sonnenkollektoren auf dem Dach erhitzen im Sommer große Wassermengen, die tief unter die Erde gepumpt werden. Dort speichert die Erde die Temperatur monatelang, bis das Wasser im Winter herausgepumpt wird und mit 20 Grad in die Heizungsrohre gepumpt wird. Im Prinzip ist die Technik schon so weit, dass wir sie auf unsere 10.000 Hektar Gewächshäuser in Holland setzen könnten“, sagt Entwickler Piet Sonneveld. Würde sie flächendeckend installiert, ließen sich 4000 Megawattstunden Strom pro Jahr erzeugen und zwei bis drei große Kraftwerke ersetzen, schätzt er.
Der Nebeneffekt, den die meisten Ideen der Züchter und Forscher haben: Sie ersparen der Landwirtschaft nicht nur Kosten, sondern bringen auch noch einen Gewinn für die Umwelt. Vielleicht liegt es daran, dass den Holländern nur zu bewusst ist, wie abhängig sie von dieser Umwelt sind, dass sie gerade auf solche Techniken so viel kreative Energie verwenden. Denn 20 Prozent ihrer Landmasse liegen tiefer als der Meeresspiegel, betont Ministerin Edda van Burgh. Nur die hohen Deiche rund um die westlichen Provinzen halten die See bisher davon ab, das kleine Königreich zu fluten. Deshalb fördern Thronfolger auch Willem Alexander und die beiden Ministerien für Wirtschaft und Landwirtschaft die Erforschung neuer Technologien mit Fördergeldern.
Beinahe täglich erinnern die Zeitungen aber daran, was passieren würde, wenn Erderwärmung und Klimawandel den Meeresspiegel anheben würden. Und vielleicht ist es ja kein Zufall, dass die Holländer das englische Wort greenhouse“ in ihren Sprachschatz aufgenommen haben, das nämlich rückt sowohl die schädlichen Treibhausgase als auch die Gewächshäuser in viel größere Nähe als ihr eigenes Wort vom Glasgartenbau“.
Dann wachsen die Pflanzen deutlich schneller
Aber auch gegen den Ausstoß des Treibhausgases CO2 ist ihnen längst etwas eingefallen, was wiederum den Tomaten hilft: Kohlendioxid setzt schließlich die Photosynthese in Gang. Deshalb fangen Großunternehmen einen Teil ihrer Abluft auf, reinigen und komprimieren sie und leiten sie über ein Pipeline-System in die Gewächshäuser. Dort befeuern sie gewissermaßen das Pflanzenwachstum. Zusätzlich zu dem CO2-Gehalt, den die sich ohnehin aus der Luft holen würden. Vergrößert man den CO2-Gehalt auf diese Weise, wachsen die Pflanzen deutlich schneller“, sagt Jos van Mil.
Die Hälfte der Gewächshäuser ist schon an das Rohrsystem angeschlossen. Die Industrieunternehmen bezahlen für die Verlegung der Rohre und den Gastransport. Die Züchter zahlen einen kleineren Betrag für den Dünger der besonderen Art. Jetzt muss nur noch jemand den Kunden erzählen, dass sie mit jeder dieser Tomaten auch der Umwelt helfen.
Die Niederlande leben von der Tomate wie kein zweiter Staat. Aber die ausländische
Konkurrenz holt auf. Nun sollen moderne Gewächshäuser und Hightech helfen.
Text: F.A.S.
Bildmaterial: F.A.Z.
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