29. September 2008 Die Hollandtomate war die Lösung eines Problems, das den Tomatenanbau von Anfang begleitet hat. Als die ersten Exemplare um das Jahr 1500 herum aus Südamerika über Spanien nach Europa gelangten, war nicht klar, ob dieses zweifelhafte Gemüse jemals über den Rang eines Kuriosums hinausgelangen würde. Im Wuchs ähnelte es der Tollkirsche, einem berüchtigten Giftgewächs.
Die Früchte waren vergleichsweise winzig, hartschalig und bitterer als heute, von stinkendem Geruch und üblem Geschmack“, wie der englische Botaniker John Gerard hundert Jahre später schrieb, um sich darüber zu wundern, daß einige Neapolitaner es schon damals fertigbrachten, sie roh mit Salz und Öl herunter zu bringen.
Tomatenanbau blieb ein unkalkulierbares Risiko
Der Pflanzsystematiker Carl von Linne ordnete die Tomate in seinem 1753 erschienenen Werk Species plantarum“ denn auch als Solanum lycopersicum ein, als giftigen Wolfspfirsich“ aus der Familie der Nachtschattengewächse. Sein Zeitgenosse Philip Miller war schon optimistischer: esculentum“, also essbar, befand er. Da war sie im Süden Europas schon längst in den Speiseplan integriert.
Es dauerte allerdings bis ins 19. Jahrhundert hinein, ehe die Tomate auch nördlich der Alpen heimisch wurde. Sie war nämlich von Anfang an nicht wirklich für den Anbau in kühleren Breiten geeignet. Tomatensamen keimen erst bei mehr als zwanzig Grad, die Pflanzen sind außerordentlich frostempfindlich, ihre Früchte platzen bei Feuchtigkeit, Regen vertragen sie gar nicht. Tomatenanbau blieb ein unkalkulierbares Risiko, aber eines, das die Gärtner nicht ruhen ließ. Und so entstand im Laufe der Zeit eine verwirrende Zahl von Züchtungen, in allen denkbaren Formen und in Farben von weiß, gelb, grün und rot bis violett und schwarz; vergleichbare Vielfalt hat unter den Gartengemüsen nur noch der Kürbis hervorgebracht.
Es drohen Welke, Schimmel, Flecken, Schorf und Virusbefall
10.000 Sorten mögen es bis heute gewesen sein, keiner hat sie je gezählt. Und jede Region hat ihre Spezialität hervorgebracht. Bonner Beste“, Rheinlands Ruhm“, Harzfeuer“, Quedlinburger Frühe Liebe“ – allein deutsche Tomatenfreunde können unter hunderten von Herkunftsnamen wählen. Hobbygärtner haben viele über die Zeit gerettet und schwören alle Eide, daß jede einzelne davon besser schmeckt als die wässrige Ware aus dem Gewächshaus. Wenn sie denn überhaupt bis zur Ernte durchhält.
Bis dahin drohen Welke, Schimmel, Flecken, Schorf, Virusbefall, die Weiße Fliege, die Gurkenlaus und anderes Ungemach. Ein beträchtlicher Teil der Züchtungsbemühungen gilt deshalb seit mehr als hundert Jahren der Bekämpfung von Tomatenkrankheiten.
Moderne Hybridsorten garantieren einigermaßen zuverlässige Erträge
Wegen ihrer Anfälligkeit ist der Freilandanbau von Tomaten heute fast nirgends mehr üblich. Selbst sogenannte Biotomaten sind praktisch immer unter Folie gewachsen. Besonders die Kraut- und Braunfäule, hervorgerufen durch den Pilz Phytophtora infestans, rafft ungeschützte Bestände in feuchten Sommern regelmäßig dahin. Der Verein Dreschflegel und das Institut für Pflanzenbau der Universität Göttingen haben in den vergangenen Jahren versucht, in Genbanken und privaten Samensammlungen widerstandsfähige Sorten zu finden – als wirklich resistent haben sich bislang nur solche erwiesen, die dem Wildtyp ähneln und vom Geschmack oder vom Ertrag her häufig fragwürdig sind. Ein Ausweg besteht darin, wilde Unterlagen zu verwenden und sie mit geschmacklich anspruchsvolleren Sorten zu veredeln, wie es im Weinbau bei Reben üblich ist.
Wer sich dazu entschließt, Tomaten selbst anzubauen, hat heute mehr Auswahl als je zuvor. Moderne Hybridsorten garantieren einigermaßen zuverlässige Erträge und gleichmäßige Früchte, können aber nicht durch Samen vermehrt werden, denn ihre Eigenschaften gehen in der nächsten Generation verloren. Geradezu unüberschaubar ist dagegen das Samensortiment, das von Liebhabern auf Tauschbörsen und im spezialisierten Versandhandel angeboten wird.
Internet: www.arche-noah.de (Samensammlung alter Sorten); www.tomatenatlas.de (Beschreibung von 1700 Sorten mit Fotos); www.bio-gaertner.de (Tipps für den Anbau)
Text: F.A.S.
Bildmaterial: ASSOCIATED PRESS
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