Skispringen

„Mordswirbel“ um Herr verunsichert deutsche Springer

Martin Schmitt landet auf Platz 19

Martin Schmitt landet auf Platz 19

19. Februar 2006 Dem Absturz von der Großschanze ließen die von Alexander Herr im Stich gelassenen deutschen Skispringer eine Kampfansage für den Mannschafts-Wettbewerb folgen. „Ich will nicht ohne Medaille nach Hause fahren. Es wird schwer für uns, denn wir müssen einen der drei Großen schlagen. Aber wir werden darum kämpfen“, kündigte Michael Uhrmann nach seinem enttäuschenden 16. Einzel-Platz eine Trotzreaktion für das am Montag abend erwartete Duell mit Österreich, Norwegen und Finnland an.

Beim dritten österreichischen Doppelerfolg nach 1976 und 1992 durch Olympiasieger Thomas Morgenstern und Andreas Kofler hatte das durch die Suspendierung von Herr beeindruckte DSV-Quartett am Samstag abend nur eine Statistenrolle gespielt. Michael Neumayer (Berchtesgaden) erfüllte als Elfter mit 123,5 und 128,5 Metern als einziger die Erwartungen und verkündete danach: „Das war nur Vorgeplänkel. Das Teamspringen ist der wichtigste Wettkampf. Der bedeutet mir brutal viel. Wenn der eine oder andere sich noch einen Tick steigert, können wir bei der Medaillenvergabe mitreden.“

„Natürlich kann man sich nicht optimal vorbereiten“

Martin Schmitt (Furtwangen) kam mit Sprüngen von 116,5 und 125,5 Metern bei seinem ersten Olympia-Einsatz in Pragelato nur auf Platz 19, dahinter folgte der Oberstdorfer Georg Späth (122+119,5). Dennoch zeigte sich Bundestrainer Peter Rohwein zuversichtlich für das große Finale. „Ich bin nicht frustriert. Die Leistungen waren nicht so schlecht, wie es das Ergebnis annehmen läßt. Das stimmt mich positiv. Wir gehen gelöst in die Konkurrenz, weil wir nichts zu verlieren haben“, sagte Rohwein.

Vor allem Uhrmann muß dann seiner Rolle als Nummer eins im Team gerecht werden. 121 und 122 Meter waren viel zu wenig, um erstmals im Einzel auf dem Podium zu stehen. „Ich war nicht in der Lage, um die Medaillen mitzuspringen. Vor Olympia hatte ich gedacht, daß ich auf der kleinen Schanze keine Chance habe und auf dem großen Bakken mitmischen kann. Nun ist es genau umgekehrt gekommen“, sagte der Vierte von der Normalschanze. Den von Herr ausgelösten Eklat wollte der Bayer nicht als Ausrede für seinen schwachen Auftritt gelten lassen. „Natürlich kann man sich nicht optimal vorbereiten, aber das war nicht der Grund“, sagte Uhrmann.

„Ein Traum ist in Erfüllung gegangen“

Rohwein meinte dagegen: „Es ist ein Mordswirbel gewesen. Klar, daß sich dies in den Köpfen verankert und ein bißchen nervt.“ Ähnlich sah es Schmitt, der sich in der internen Ausscheidung gegen Herr durchgesetzt hatte. „Natürlich kann man den Wirbel nicht ausblenden. Es ist immer besser, wenn alles ruhig abläuft“, sagte der viermalige Weltmeister und versprach für den Team-Wettbewerb: „Jeder wird versuchen, am Tag X seine optimale Leistung zu bringen.“

Dies war Morgenstern und Kofler am Samstag abend eindrucksvoll gelungen. Die Winzigkeit von 0,1 Punkten gab am Ende den Ausschlag für den 19jährigen aus Kärnten. Bronze ging an den Norweger Lars Bystöl, der auf der kleinen Schanze gewonnen hatte. „Es ist ein Wahnsinn. Ein Traum ist in Erfüllung gegangen“, jubelte Morgenstern über Gold. 133 Metern im ersten Durchgang ließ er im Finale 140 Meter folgen. „Mein linkes Knie tut mir sehr weh. Vielleicht bin ich zu weit gesprungen“, sagte Morgenstern, der den zur Halbzeit führenden Kofler (134+139,5) noch überflügelte. „Es tut ein bißchen weh“, gestand Morgensterns Zimmerkollege nach der knappsten aller möglichen Entscheidungen und fügte schmunzelnd hinzu: „Ich muß den Thomas ein bißchen zusammenscheißen, denn ein Zehntelpunkt, das geht gar nicht.“

Katzenjammer herrschte dagegen bei den Finnen, denn Vierschanzentourneesieger Janne Ahonen verpaßte seinen ersten Olympiasieg als Neunter erneut deutlich. „Morgenstern biß auf Gold, Ahonen auf die Zähne“, kommentierte die Zeitung „Aamulehti“ den Ausgang. Scheinbar lockerer nahmen es die deutschen Springer. „Wenn man schon selbst keine Leistung bringt, ist es schön, eine solche Show zu erleben. Und die Österreicher haben eine tolle Show geboten“, lobte Uhrmann.

Text: FAZ.NET mit Material von dpa und sid
Bildmaterial: AP, dpa/dpaweb, REUTERS

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