Von Michael Eder, Chamonix
05. März 2008 Es hängt kein Plakat in Chamonix, das auf diese Veranstaltung hinweisen würde. Und doch ist sie eine der aufwendigsten und spektakulärsten in den Alpen in diesem Winter. Um Zuschauer aber wird nicht geworben, weil es dort, wo sie stattfindet, keine Zuschauer gibt. So bekommt erst einmal niemand mit, was oben, am Le Buet oder am Le Rogneux, in den nächsten Tagen vor sich gehen wird.
Neun Uhr. An der Seilbahnstation der Aiguille du Midi trudeln die Teilnehmer ein, Skifahrer und Snowboarder. Es ist der erste Tag des O'Neill Big Mountain Pro, einer 500.000 Euro teuren Freeride-Veranstaltung mit einem ungewöhnlichen Konzept. Sie dauert acht Tage und ist mobil, die Veranstalter garantieren den weltbesten Freeridern - 13 Snowboarder, 13 Skifahrer sind am Start - innerhalb des gesamten Alpenraumes die besten Hänge und die bestmöglichen Bedingungen.
Grandiose Fernsicht an einem wunderbaren Tag
Das Big Mountain Pro hat sein Vorbild im Surfsport; bei den Wellenreitern gibt es seit langem Events, die auf Mobilität setzen, auf die Suche nach der besten Welle. Nur die ersten beiden Übernachtungen in Chamonix sind gebucht, dann zieht die Karawane weiter - dorthin, wo Wetter und Schnee möglichst gut sind. Man bemühe sich, heißt es in der Ausschreibung, die Fahrer und den Tross in Hotels unterzubringen, es sei aber möglich, dass man in Massenunterkünften übernachten müsse, Handtücher und Schlafsäcke seien deshalb mitzubringen.
Es geht hinauf auf die Aiguille du Midi, 3845 Meter hoch, der Montblanc ist zum Greifen nah. Die Atmosphäre ist entspannt. Oben angekommen, stiefeln die Fahrer hinter den japanischen Touristen die Treppen zur Aussichtsplattform hoch und staunen wie sie über die grandiose Fernsicht an einem wunderbaren Tag. Dann steigen sie den Grat hinunter zum Startplatz für die Fahrt durch das Vallée Blanche, die legendäre 20 Kilometer lange Off-Pisten-Abfahrt, die sich auch der ambitionierte Normalskifahrer zutrauen kann, sofern er einen Bergführer an seiner Seite weiß.
Eine solche Gruppe habe ich noch nie gesehen
Die Big-Mountain-Fahrer haben ihre Startnummern über die Jacken gestreift, aber es ist noch kein Wettkampf an diesem Tag. Es ist ein Tag zum Kennenlernen, zum Wiedersehen, zum Eingewöhnen. Die weiteste Anreise hatten der argentinische Skifahrer Estanislao Vasiuk, der amerikanische Snowboarder Jeremy Jones und der Schweizer Freddie Kalbermatten, der aus Kanada eingeflogen ist.
Gemeinsam rauschen sie das Vallée Blanche hinunter, und der Bergführer, der sie begleitet, staunt nicht schlecht; eine solche Gruppe, sagt er, habe er noch nie gehabt. Weiter unten, viel weiter unten, dort, wo sich der Gletscher durch einen langen Bogen ins Tal schiebt, auf 2000 Meter Höhe, steht das historische Grand Hotel Montenvers, das von Chamonix aus auch mit einer steinalten Zahnradbahn zu erreichen ist, die fast eine halbe Stunde hinaufächzt, ehe sie das Mer de Glace erreicht.
Ein Pass, unbezwingbar für jeden Normalskifahrer
Im Montenvers-Hotel wirft der Schweizer Organisator Nicolas Hale-Woods später den Beamer an. Das Bild, das auf der Wand erscheint, zeigt die gewaltige Bergflanke des Le Buet, sie ragt zwischen Chamonix und dem Forclaz-Pass rund 3000 Meter empor, unerreichbar, unbezwingbar für jeden Normalskifahrer. Der Le Buet ist der erste Wettkampfberg des Big Mountain Pro. Hale-Woods stellt das Programm für den nächsten Tag vor, sechs Uhr Frühstück, sieben Uhr Abfahrt. Drei Helikopter werden bereitstehen, jeder von ihnen kostet 40 Euro pro Minute, über die Sicherheit werden acht Bergführer und ein Arzt wachen.
Am nächsten Morgen fahren sie in Bussen in Richtung Forclaz. Die Hubschrauber warten hinter der Schweizer Grenze, sie bringen die Fahrer hinauf in die samtene Stille der hochalpinen Welt, und - für das Gelingen genauso wichtig - sie bringen Kameraleute und Fotografen an eine Stelle gegenüber dem Le Buet, die möglichst gelungene Bilder verspricht.
Man sollte vorher wissen, welche Linie man runterfährt
Eine Stunde Aufstieg liegt oben noch vor der Fahrern. Dann stehen sie am Startpunkt, und einer nach dem anderen lässt sich in den 50 Grad steilen Starthang hineinfallen. Von der Kameraposition aus ist mit bloßem Auge nicht viel zu erkennen, mit den Ferngläsern sieht man die Fahrer, die angesichts des gewaltigen Hintergrundgemäldes, das der Le Buet liefert, wie Stecknadelköpfe wirken, die zu Tal rollen und hin und wieder über einen Felsen springen.
Die Skifahrer haben den Anfang gemacht, dann kommt Freddie Kalbermatten als erster Snowboarder. Man sollte vorher wissen, welche Linie man runterfährt, sagt er, man sollte sie studiert haben. Aber wenn man oben steht, sieht alles sowieso ganz anders aus. Kalbermatten ist nicht so recht zufrieden mit seiner Fahrt. Nach dem zweiten Sprung über eine Felskante stürzt er, bleibt aber unverletzt. Kalbermatten ist einer der Stars der internationalen Snowboardszene, und er ist mit 26 Jahren ein erfahrener Big-Mountain-Fahrer. Angst vor einer Abfahrt wie am Le Buet?
Die Tür zu einer neuen Welt in unserem Sport
Nein, sagt er mit der Ruhe des Routiniers, der weiß, worauf er sich einlässt und worauf nicht. Ich will das gut machen, sagt er. Ich will, dass die Sponsoren zufrieden sind, ich will schöne Bilder. Aber mein Leben, das riskiere ich nicht dafür. Die Schneeverhältnisse in den Alpen, findet er, seien seit Jahren nicht zu vergleichen mit jenen in Kanada, wo er die vergangenen sechs Wochen unterwegs war, mit jeweils einem Snowboard-Kollegen, zwei Fotografen und einem Filmer - mit Snow-Töffs, mit Schneemobilen also statt mit Hubschraubern. Auch sein nächstes Ziel verspricht optimale Bedingungen: Alaska.
Das Big Mountain Pro hat nicht Schnee im Überfluss zu bieten, aber doch die besten Bedingungen in Europa. So waren letztlich alle mit dem ersten Tag zufrieden. Es hat sich nicht angefühlt wie ein Wettkampf, sagt Jeremy Jones. Eher wie ein Abenteuer in den Bergen. David Benedek, der beste deutsche Snowboarder und Gewinner des Air&Style im Münchner Olympiastadion, findet, dass Freeriden dem wirklichen Snowboarden näher kommt als das gestellte Filmen von Sprüngen im Gelände, das die Szenevideos dominiert. Freeriden, sagt Benedek, das ist, als öffne man die Tür zu einer neuen Welt in unserem Sport.
Spielt der Wettbewerbsgedanke überhaupt eine Rolle?
Die Frage ist, warum Sponsoren diese schöne neue Welt ohne Publikum finanzieren. Klaus Peter Mager, PR-Chef des Schweizer Uhrenherstellers Swatch, verweist auf die produzierten Filme, die, kostenlos verteilt, weltweit in mehr Fernsehprogrammen liefen, als man das gemeinhin annähme. Wir analysieren das genau. Außerdem seien die Unternehmen heiß auf Actionshots, auf spektakuläre Fotos, die in der Produktwerbung verwendet würden. Und der Wettbewerbsgedanke? Spielt er überhaupt eine Rolle? Das hat ein bisschen zugenommen, sagt Mager, weil das Big Mountain Pro in diesem Jahr Teil der Freeride-Worldtour geworden ist. Aber der Wettbewerb ist nach wie vor nicht alles. Es ist fifty-fifty. Es geht auch um schöne Bilder, sie sind sehr wichtig für die Sponsoren.
Abends in Chamonix. Treffpunkt im Chambre neuf, der coolsten Bar in der ausgeflipptesten Berggemeinde des europäischen Kontinents, wie der Schriftsteller Jon Krakauer Chamonix nannte. Wieder wirft Nicolas Hale-Woods den Beamer an, und wieder erscheint eine prächtige Bergflanke wie eine riesige Fototapete. Die Nordabfahrt vom Le Rogneux steht morgen auf dem Programm, auch sie bis zu 50 Grad steil.
Nicht jeder Tag ist Wettkampftag beim Big Mountain Pro
Weil für den Mittag eine Schlechtwetterfront vorhergesagt wird, soll der Start früh erfolgen. 5.30 Uhr Frühstück, danach Fahrt zu den Helikoptern. Nach dem Wettkampf soll es weiter nach Andermatt gehen. Später wird umdisponiert. St. Bernhard ist das neue Ziel, von dort geht es am nächsten Tag weiter nach Sestriere in Italien, schließlich nach La Grave in Frankreich.
Nicht jeder Tag ist Wettkampftag beim Big Mountain Pro. Drei Wettkämpfe sind das Ziel, der Rest wird für schlechtes Wetter, Transfers und gemeinsame Ausfahrten eingeplant. Am Ende der Woche setzt sich eine Jury zusammen, sichtet die Videos und bestimmt die Sieger: Jeremy Jones bei den Snowboardern und der schwedische Skifahrer Kaj Zackrisson werden als beste Fahrer ausgezeichnet. Jones findet das erstaunlich. Er sei gekommen, um ein paar Spaßlinien in den Schnee zu ziehen, sagt er, nicht um einen Wettkampf zu gewinnen. Aber wenn man beides verbinden könne, dann sei das auch in Ordnung.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Jeff Curtes, Michael Eder, Sponsorenvideo - O'Neill
