Genfer Automobilsalon

Zwischen Zukunft und Faszination

Von Wolfgang Peters

05. März 2008 Die Autos von heute sind nicht das Ergebnis genialer Ideen. Hinter allem Fortschritt der vergangenen vierzig Jahre steckte zwar ein zündender Funke, Umsetzung und Marktreife aber waren und sind Ergebnisse teurer, zäher und langwieriger Arbeitsvorgänge. Das wird für die Zukunft nicht weniger, denn: die Herausforderung für das Auto von morgen besteht keineswegs nur im Erfüllen von Vorschriften für Verbrauch, Emissionen, Recycling, Sicherheit und Eignung nur noch für Nichtraucher. Die wirkliche Herausforderung ist nämlich, dabei die Faszination des Autos zu erhalten. Auf dem Genfer Salon ist mehr Umwelt als je zuvor. Das Schöne dabei ist: Die Freude am Auto geht dennoch nicht verloren.

Dafür sorgt auch das neue Denken im Fiat-Konzern. Aus Turin kommen wieder Autos mit Sommerdesign, Winterqualitäten und Espresso-Duft. Die Neuheiten sind frech, elegant und heiß: Vom auf einer Welle des Erfolges reitenden Cinquecento gibt es eine aggressive Abarth-Variante, vom außerirdischen Alfa 8C den orbitalen Spider, und bei der aus musealem Schlummer erweckten Marke Lancia werden mit einem neuen, vor allem elegant-pragmatischen Delta die Dinge des Lebens reanimiert. Aus dem gewerblich definierten Fiat Fiorino ist eine stilistisch verunglückte Familienvariante entstanden.

Keine Marke macht in Frankreich derzeit mehr Wirbel als Renault. Der Carlos-Ghosn-Effekt führt zu einer modellpolitischen Hast, die man auch mit Hektik verwechseln kann. Doch offensichtlich gibt es noch Lücken in der Modellfamilie: Beinahe im Minutentakt purzeln neue Clio-Modus-Scénic-Laguna-Versionen von den Bändern. Und jetzt noch der Koleos: Spät kommt Renault mit seinem Beitrag zum SUV-Thema, aber wie Ford mit dem Kuga wohl noch zur rechten Zeit. Das Renault-Design scheint irgendwie die leichte Hand des Aufbruchs verloren zu haben, der Koleos reiht sich ein in die hervorquellenden Ergebnisse der Kundenwünsche. Ähnlich dimensioniert wie der Renault Koleos oder Ford Kuga ist der Volvo XC 60: Er bietet viel Platz und vor allem die höhere Sitzposition, ein entscheidender Vorteil für die Generation sechzig plus, und er ist gleichzeitig jener Schritt, den Volvo längst hätte vollziehen müssen: Die Marke hat mehr Potential, als man ihr zutraute, die einstigen Kombi-Käufer sind längst auf der Suche nach einem neuen Ausdruck ihrer Mobilität, der eben etwas anders sein muss.

Frischzellenkur für den Focus

Im PSA-Konzern krempelt Peugeot gerade wieder die Hemdsärmel hoch und packt die Ellenbogen aus: Im Vergleich zu Citroën drohte man in der öffentlichen Wahrnehmung ein wenig ins Hintertreffen zu geraten, aber neue 308-Versionen (Station Wagon mit Volumencharakter sowie dritter Sitzreihe auf einer Länge von rund viereinhalb Metern und scharf gezeichneter RC Z mit Halma-Stein-Handling) sollen den brandneuen C5 (Limousine und Kombi) Paroli bieten. Wobei Citroën nun doch das Kunststück gelingt, vor dem Hintergrund seiner Geschichte der Avantgarde zu fortschrittlichen Linien aufzubrechen. Beim C5 scheint diese Aufbruchstimmung mit Blick auf die angepeilten Kundenkreise kaum geholfen zu haben, konventionelle Autos sollte die Marke den konservativen Konkurrenten überlassen.

Aus deutschen Landen kommen die größten Zugnummern von Ford, Audi und VW frisch auf die Bühnen in Genf: Einer Frischzellenkur wurde der Focus unterzogen, und der rundum neue Fiesta ist ein mutig geschneidertes Designexemplar, ein schnittiger Keil zwischen den Klassen, sein Raumangebot sprengt Kleinwagendimensionen, und seine formale Botschaft ist jene Form der Dynamik, die auch der ältere Mensch gern an seiner Seite duldet: Agilität und Auftritt sind jünger, als der bisherige Fiesta jemals war. Schnittiger und größer, vor allem auch dynamischer zu fahren, ist der neue Avant vom A4, ein automobiler Avatar der Realität, im Schnittpunkt der Forderungen von Müttern und Managern, der Markeninhalt von Audi wird hier auf einer neuen Stufe des Inhalts komprimiert.

Volkswagen lässt den neuen Scirocco von der Kette. Das Coupé mit einem knuffigen Kombiheck (Volvo C30!) ist geräumig und bietet die Wahl zwischen vier TDI- und TSI-Motoren. Der Golf TDI Hybrid ist noch Zukunftsmusik, näher an der Realität ist der Sharan BlueMotion mit einem Normverbrauch von 6,2 Liter Diesel.

Premierenfieber bei Nissan

Opel fährt mit dem knuffigen Agila vor und zeigt eine Meriva-Studie, die Praxis und Progression verbinden soll. BMW legt sich mit den Offenversionen von Einser und M3 scharf in den Wind und verbindet Diesel und Hybrid in einem X-5-Prototyp, Mini glänzt mit Design und Druck in einer Cooper-Works-Version, Porsche hat den Cayenne-Hybrid dabei, und Mercedes-Benz öffnet mit den überarbeiteten SL und SLK sowie dem gestreichelten und unvergleichlich aufregenden CLS sein sportliches Universum renovierter Modelle.

Premierenfieber macht sich vor allem bei Nissan bemerkbar: Hier duckt sich der GT-R, ein Hypersportwagen in einem erstaunlich klobig agierenden Design, der aber erst 2009 nach Deutschland kommt, und die noblere Tochter Infiniti soll nun in Europa gegen die deutsche Oberklasse antreten. Mit kurzem Anlauf ist das nicht zu erledigen; ob Infiniti von Lexus gelernt hat, wird sich zeigen. Einfach die in Amerika eingeführten Infiniti-Modelle ein bisschen auf europäische Verhältnisse zu polen, das wird nicht genügen.

Honda setzt beim neuen Accord auf vertraut-neue Dimensionen und auf ein Design, das frei ist von grundloser Aufgeregtheit. Limousine und Kombi wirken gestreckt und tragen den Reiz einer klaren Architektur. In kleinen Maßstäben übt sich der Gigant-Toyota, der neue Stadtflitzer IQ ist kürzer als der Toyota Aygo und soll dem Smart in die Quere kommen. Zudem gibt es von Toyota einen sogenannten Urban-Cruiser, noch ein SUV, natürlich kompakter als der Land Cruiser, wir freuen uns auf einen künftigen Garden Cruiser!

"Weltpremiere" für den "großen Skoda"

Mit dem zweitürigen Typ2 schärft Mazda den Auftritt: Sportlich und spielerisch agil will sich die am Ford-Konzern angeschmiegte Marke profilieren, dafür sorgen der zweitürige Mazda2 (auch er mit der Entdeckung der neuen Leichtigkeit) und die weiteren Versionen des neuen Mazda6, wobei besonders der Kombi mit seiner Keilsilhouette diese Modellfamilie beschleunigen wird.

Der "große Skoda" wird für den Auftritt in Genf als "Weltpremiere" angekündigt, und die unaufgeregt und mit unerwarteter Souveränität gezeichnete Limousine kommt für die Marke zur richtigen Zeit.

Vom 6. bis zum 16. März ist der Genfer Automobil-Salon die schönste Bühne für ein Produkt, das in die Jahre gekommen ist und dennoch seine besten Jahre noch vor sich hat. Das zeigen auch die Auftritte neuer Marken aus China zum Beispiel. Das Auto als Vehikel für den wirtschaftlichen Aufstieg. Und als Faszinosum nicht für viele, sondern für alle Menschen.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 02.03.2008, Nr. 9 / Seite V7
Bildmaterial: dpa, obs, REUTERS