Lamborghini

Die immerwährende Provokation

Von Matthias Pfannmüller

Der König aller Stier-Wagen: Lamborghini Miura SV

Der König aller Stier-Wagen: Lamborghini Miura SV

04. Januar 2007 Da kommt ein schwerreicher Traktorenproduzent zu seinem Sportwagenlieferanten, weil mit dem neuen Spielzeug etwas nicht in Ordnung ist. Und was macht der Chef der Sportwagenmarke? Er läßt seinen bisher treuen Kunden spottend hinauswerfen.

So soll es sich Anfang der Sechziger zugetragen haben, als Ferruccio Lamborghini dem stolzen Enzo Ferrari einen Besuch abstatten wollte. Die oft kolportierte Geschichte wird sogar für die Gründung einer neuen Sportwagenschmiede verantwortlich gemacht, denn auch Lamborghini war ein heißblütiger Italiener. Schon 1963 zeigte er auf dem Genfer Salon ein erstes Modell mit Stierwappen, den 350 GT. Doch der konnte den Baureihen seines erklärten Widersachers nicht das Wasser reichen. Enzo hob folglich nur kurz eine Augenbraue, bevor er zur Tagesordnung überging.

Über Nacht weltberühmt

Im Herbst 1965 dürfte sich der Commendatore dagegen kräftig verschluckt haben. Denn in Turin stellte Lamborghini einen gelocht-leichten Kastenrahmen mit quer eingebautem Zwölfzylindermittelmotor vor, während man die Triebwerke in Maranello nach alter Väter Sitte vorn einzubauen gedachte. Innovativer Clou: Der Lamborghini-V12 wies neben vier obenliegenden Nockenwellen einen gemeinsamen Ölkreislauf für Motor, Getriebe und Differential auf.

Die zum Chassis passende Karosserie reichte Lamborghini auf dem folgenden Genfer Salon im März 1966 nach und verschlug nicht nur Ferrari, sondern der gesamten automobilen Welt die Sprache: Der bei Bertone entworfene und nach einer spanischen Kampfstier-Dynastie benannte Miura P400 (Posteriore steht für hinten) war nicht nur bildschön, sondern auch atemraubend schnell: Das Datenblatt versprach 5,5 Sekunden auf 100 und maximal 290 Stundenkilometer. Geldadel und Playboys zückten ihre Scheckbücher, Enzo tobte, und Lamborghini war über Nacht weltberühmt.

In Froschhaltung und ohne Radio

Mitte 1966 begann die Produktion, und im Herbst wurden die ersten Miura ausgeliefert; bis Anfang 1973 entstanden etwa 750 Exemplare. Gab es gepflegte Fahrzeuge noch vor zehn Jahren zu relativ günstigen Kursen, müssen heute mindestens 300.000 Euro kalkuliert werden. Doch das Geld wäre gut angelegt, wie wir an einem höchst vergnüglichen Tag rund um Sant'Agata feststellen durften.

Tief und in Froschhaltung sitzt man im Auto. Das ganz mit Leder ausgeschlagene Interieur kündet davon, wie man sich damals unsere Gegenwart vorstellte. Eine Batterie von Uhren und Schaltern nimmt den Fahrer in die Verantwortung. Das jüngst restaurierte Exemplar, ein Miura SV der letzten Serie, wird von einem V12 mit knapp vier Litern Hubraum und 385 PS gefeuert. Der Sprit läuft durch vier Weber-Vergaser, die nach dem Surren der Bendix-Benzinpumpe mit schmatzendem Patschen ihre Arbeit aufnehmen. Das ist großes Kino, und weil sich der Motor nur wenige Zentimeter hinter den Sitzen befindet, braucht die Miura-Besatzung auch kein Radio, das es ohnehin nicht serienmäßig gab.

König aller Stier-Wagen

Die Symphonie der Fahrgeräusche läßt sich kaum übertreffen. Zum Stakkato der Ventile und Zylinder gesellen sich das Rasseln der Steuerketten, das Klacken des in offener Kulisse geführten Schalthebels oder das Singen der Reifen. Für ein Auto seines Alters läßt sich der Miura erstaunlich leichtfüßig bewegen. Lenkung und Bremsen reagieren willig, wenn auch nicht mit der Präzision neuzeitlichen Geräts. Werden dann ein paar Kleinwagen vernascht, geschieht das nicht brutal, sondern mit eleganter Leichtigkeit. Die Maschine dreht bis knapp 8000 Touren, und dabei wird einem ganz heiß: Innenraum-klimatisierung war damals noch ein Fremdwort, aber wen stört das?

Der Miura ist der König aller Stier-Wagen, und etwas von ihm steckt bis heute in jedem neuen Lamborghini. Dazu gehört selbstverständlich auch die Vorgabe, immer ein paar Zehntel schneller zu sein als der vergleichbare Ferrari. Und so donnerten wir wie einst Ferruccio von Sant'Agata nach Maranello. Das Drama folgte nach der Rückkehr am Nachmittag: Da mußten wir diesen Traumwagen wieder abgeben.

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 31.12.2006, Nr. 52 / Seite V8
Bildmaterial: dpa, Pfannmüller, picture-alliance / dpa, picture-alliance/ dpa/dpaweb, Spehr

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Verlagsinformation

Nutzen Sie jetzt Ihr Sonderkündigungsrecht. Beim Wechsel Ihrer Kfz-Versicherung winken bis zu 500 € Ersparnis. Jetzt online vergleichen und gleich abschließen.

FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche