Von Ute Kernbach
29. März 2004 Früher waren Autos eher kärglich ausgestattet. So konnte man in der allerersten Schwacke-Liste vom November 1957 die Zahl der verschiedenen Ausstattungsvarianten noch an einer Hand abzählen. Damals tummelten sich dort solch illustre Zubehöre wie Heizung, Schonbezüge oder Schlafsitze. Im Laufe der Jahre änderte sich nicht nur der Umfang der Extras, sondern auch die Präferenzen der Autofahrer. Waren es mit Beginn der achtziger Jahre vor allem Sicherheitsdetails wie ABS und Airbags, die zunehmend nachgefragt wurden, so kamen mit Beginn der neunziger in verstärktem Maße komfortbetonte Ausstattungen hinzu, die das Fahren erleichtern und angenehmer machen.
Heute lautet die längst nicht vollständige Liste der Sonderausstattungen, denen die Gunst des Publikums zufliegt, wie folgt: Seiten-, Front- und Kopfairbags, zunehmend Navigationssysteme, CD-Player und recht gut ausgestattete Audiosysteme, und der Siegeszug der Klimaanlage ist bereits zugunsten der Klimaautomatik "gestoppt" worden. Fahrstabilitätselektronik gehört ebenfalls zunehmend zum Wunschumfang eines jeden Autokäufers. Selbst die in Deutschland so lange verschmähte Automatik, die - wenn überhaupt - nur in den oberen Klassen vorstellbar war, findet nun ihren verdienten Weg in die preislich niedrigeren Fahrzeugsegmente.
Beispiel Opel Astra
So hat sich auch bei der serienmäßigen Ausstattung der einzelnen Modelle im Laufe der Jahre viel gewandelt. Vergleicht man beispielsweise den neuen Opel Astra, der vergangene Woche auf den deutschen Markt kam, mit seinem Vorgänger aus dem Jahre 1997, so sind die Unterschiede enorm. Zu den vorderen Airbags (Fahrer/Beifahrer) sind inzwischen fürs neue Modell noch die Brust-Becken-Seitenairbags im Frontbereich und die Kopfairbags für die Front- und Fondpassagiere hinzugekommen. Das elektronisch geregelte ABS, das 1997 schon Serie war, ist heute mit der Kurvenbremskontrolle (CBC) und einem Bremsassistenten gekoppelt.
Auch am Fahrwerk wurde seit damals in Sachen Sicherheit noch einer draufgesetzt. Ein weiteres serienmäßiges Extra ist das elektronische Stabilitätsprogramm "ESP Plus" und eine Traktionskontrolle mit Motor- und Bremseingriff, die den Wagen in fast allen Situationen beherrschbar machen soll. Außerdem hat der neue Astra bedeutend an Bequemlichkeit gewonnen. So sind die höhen- und längseinstellbare Lenksäule, ein höhenverstellbarer Fahrersitz, elektrische Fensterheber vorn sowie elektrisch verstellbare und beheizbare Außenspiegel sowie die Zentralverriegelung mit Funkfernbedienung ohne Aufpreis zu haben, um nur einige Features zu nennen.
Beispiel VW Golf
Auch beim neuen Volkswagen Golf ist der serienmäßige Ausstattungsumfang beträchtlich gewachsen. So hatte der Golf III gerade mal zwei Airbags, die jüngste Generation Golf bietet schon acht an der Zahl. Colorglas, Antischlupfregelung, elektrische Fensterheber vorn, elektrisch verstellbare Außenspiegel und eine Zentralverriegelung gehören heute in dem Kompakten einfach serienmäßig dazu. Volkswagen hat jetzt sogar für alle Modelle eine Klimaanlage in den Serienumfang dazu gepackt. Dies ist allerdings (noch) eine zeitlich begrenzte Aktion bis Ende September 2004.
Ebenso wie beim Astra und Golf gehört auch beim neuen Opel Vectra die Wärmeschutzverglasung zur Serienausstattung. Die Ausstattungsliste des Vectra gegenüber dem Vorgängermodell aus dem Jahre 1998 ist ebenso beträchtlich gewachsen wie bei den kleineren Fahrzeugen. Sechs anstatt vier Airbags, Antischlupfregelung, elektrische Fensterheber sowie elektrisch verstellbare Rückspiegel sind selbstverständlich heute Standard. Aber auch die Klimaanlage ist jetzt im Neupreis enthalten. Das erklärt zumindest zum Teil die oft beklagten hohen Neuwagenpreise.
Bei den Oberklassefahrzeugen war der Standard ab Werk schon immer relativ hoch. Klimaanlage und Leder sind seit Jahren ein Muß für diese Wagen. Aber auch in dieser ist noch Luft für Verbesserungen.
Beispiel 7er BMW
So hat beispielsweise der 760i von BMW (Baujahr 2003) im Vergleich zum 750i aus dem Jahr 1994 jetzt zu der elektronischen Fahrwerksregelung acht Airbags - damals waren es zwei -, und das Automatikgetriebe hat jetzt sechs Stufen statt fünf. Xenon-Licht, Regensensor mit automatischer Fahrlichtschaltung sowie die Niveauregulierung für die Hinterachse sind ebenfalls dazugekommen. Dies alles ist heute im Luxussegment so selbstverständlich wie ein Navigationsgerät und ein Auto-Telefon inklusive schnurlosem Hörer und Freisprechanlage.
"Viele Zubehöre erhöhen selbstverständlich auch den Wiederverkaufswert - oder um präziser zu sein: die Chance, das gebrauchte Fahrzeug möglichst schnell an den Mann oder die Frau zu bringen, wächst", sagt Dieter Fess, Geschäftsführer des Saarbrücker Forecast Instituts. "Navigationssysteme", so Fess weiter, "gehören in der Luxus- und Oberklasse zum Standard und sollten daher in jedem Fall mit geordert werden, um die Verkäuflichkeit des Fahrzeuges als Fahrzeug aus zweiter Hand zu gewährleisten." In der Vergangenheit konnte man immer wieder einen Zeitverzug feststellen, den es brauchte, um von den Innovationen, die eigens für die Luxusklasse kreiert wurden, zur Serien- oder wenigstens optionalen Ausstattung für andere Segmente zu gelangen. Viele Zubehöre waren für die "Niederungen" des Automobilbaus gleich gar nicht erhältlich. Auch diese Tendenz beginnt mehr und mehr der Vergangenheit anzugehören.
Navigation für alle?
Der Siegeszug des Navigationssystems scheint unaufhaltbar. Telefonvorbereitungen mit Freisprecheinrichtungen werden in Kürze ebenfalls zum Standard gehören wie die Klimaanlage oder gar die Klimaautomatik. Bei elektrischen Fensterhebern und Zentralverriegelung - ehemals klassische Extrazubehöre in den kleineren Klassen - spricht heute kein Mensch mehr, sondern diese werden stillschweigend als standardisierter Ausstattungsumfang vorausgesetzt.
Mit der Vorstellung des neuen Astra hat auch die eben beschriebene Zeitlücke zwischen Option in der Luxusklasse und Option für die niedrigeren Klassen ein Ende. Der Astra kann - bis hin zum Kurvenlicht - mit beinahe allem ausgestattet werden, was zur Zeit am Markt möglich ist. Eine Entwicklung, mit der jeder Autofahrer mehr als zufrieden sein kann.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.03.2004, Nr. 74 / Seite 49