Fahrtbericht Nissan Qashqai

Noch ein Wanderer zwischen den Welten

Von Michael Kirchberger

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11. Juli 2007 Die Kreuzung ist nicht die des Südens, eher eine aus dem Nahen Osten, wenn man auf den Namen schaut. Dorther stammen die Nomaden-Sippen, die sich Qashqai nennen. Auf die Wanderung macht sich so ganz folgerichtig das jüngste Kind der zuletzt nicht eben vom Erfolg geküssten Marke Nissan.

Der Qashqai bewegt sich formal zwischen allen Welten dieses Autouniversums, lockt mit der so begehrten Form des SUV, trägt Kombi-Gene in sich und macht ganz brav auf Freund der Familie. Crossover-Design in wahrlich beherzter Form.

Die Basisversion des 4,3 Meter langen Viertürers, der 1,5 dCI, kommt mit schlichtem Frontantrieb daher, das ist stimmig, denn ins Gelände will der Wagen eigentlich gar nicht. 21.140 Euro kostet die Basisversion mit dem kleinen Dieselmotor der Schwestermarke Renault. Die gehobene Ausstattungsversion Acenta steht für 22.590 Euro in der Preisliste.

Die Klassifizierung fällt nicht leicht

Die Form weckt Aufmerksamkeit. Bei jedem Ampelhalt schauen die Fußgänger und Auto-Nachbarn zweimal hin, um zu kategorisieren, was da vor oder neben ihnen steht. Die Klassifizierung fällt nicht leicht:

Für einen Kompaktwagen ist der Qashqai zu groß. Immerhin 4,32 Meter streckt er sich in die Länge, gut zehn Zentimeter mehr als ein VW Golf. Als SUV jedoch verschwindet er bei einer Höhe von nur 1,6 Meter hinter den Silhouetten eines Touareg oder gar Mercedes-Benz ML.

Die Funktion jedoch wohnt in dieser Form, einfaches Einsteigen und ein vorzüglicher Blick nach vorne auf eine vergleichsweise übersichtliche Karosserie sind nicht nur vom alternden Menschen geschätzte Tugenden. Nach hinten fällt die Aussicht aufgrund der arg knapp geschnittenen Scheibe weniger gut aus, große Außenspiegel versöhnen wieder, und wer sich für die Ausstattung mit Navigationssystem entscheidet, bekommt zum Komplettpreis von 2200 Euro eine Rückfahrkamera gleich mit dazu.

Klaps auf den Hinterkopf

Das Plätzchen am Volant ist recht kuschelig gestaltet. Der weiche Sitz stützt fein die Schultern, gibt in Kurven ordentlichen Seitenhalt und erweist sich auch nach 300 Kilometer Strecke am Stück noch als angenehmer Reisebegleiter.

Die aktiven Kopfstützen, die bei einem Heckaufprall dem Schleudertrauma vorbeugen sollen, reagieren allerdings schon bei normaler Fahrt. Wer sein Gewicht verlagert und den Rücken in die Lehne drückt, bekommt einen Klaps auf den Hinterkopf.

Alles findet sich am rechten Ort

Das kleine, lederbezogene Dreispeichen-Lenkrad liegt angenehm in der Hand und kann horizontal sowie axial verstellt werden, eine gute Sitzposition ist schnell gefunden. Die Instrumentierung bewegt sich auf Mittelklasse-Standard, gute Ablesbarkeit dank nüchterner Skalierung und spiegelfreier Verglasung gehört sich einfach.

Die Bedienung stellt keine besonderen Herausforderungen an den Qashqai-Fahrer, alles findet sich am rechten Ort oder zumindest dort, wo man es bei Nissan erwartet. In der Mittelkonsole haben die Navigation mit einem großen Farbmonitor, die Bedienung der serienmäßigen Klimaautomatik und die 500 Euro teure Audio-Anlage ihren Platz, sie ist mit Parksensoren für hinten gekoppelt.

Ablagen finden sich in ausreichender Zahl. Parkticket, Mautkarte Schreibgerät und die vielen anderen Kleinigkeiten für unterwegs lassen sich rutschfest und klapperfrei verstauen. Das Handschuhfach lädt mit seiner Tiefe gar zum Einlagern von gutem Bordeaux ein.

Lichte und luftige Atmosphäre

Im Fond setzt sich das großzügige Raumgefühl, das auf den vorderen Sitzen herrscht, ohne Einschränkung fort. Vor allem das üppige, gläserne Panoramadach für 750 Euro extra schafft eine lichte und luftige Atmosphäre an Bord.

Sinnvollerweise kann es elektrisch mit einer soliden und leicht lichtdurchlässigen Jalousie verschlossen werden, wenn die Sonneneinstrahlung zu heftig wird. Das Umklappen der asymmetrisch geteilten Rückbank gelingt mühelos und schnell, da jedoch nur die Lehnen und nicht die Sitzflächen nach vorne umgelegt werden, schränkt eine Stufe im Boden den Ladekomfort ein.

Heckklappe bleibt in gefährlicher Höhe stehen

Schwere Gegenstände müssen dann durch die Fondtüren um etwa eine Handbreit angehoben werden, um die Schwelle inmitten der Ladefläche zu überwinden. 410 Liter Volumen bietet der Gepäckraum bei aufrecht stehender Rückbanklehne, nach dem Umklappen gewinnt er deutlich hinzu, das Transportvermögen steigt auf 1513 Liter.

Allerdings sollte der Ferienfahrer die ganz schweren Urlaubsutensilien zu Hause lassen, denn 440 Kilo Zuladung sind nicht besonders viel. Gespart hat Nissan ebenfalls beim Öffnungsmechanismus der Heckklappe. Sie bleibt in gefährlicher Höhe stehen, und man muss nicht übermäßig großgewachsen sein, um sich den Schädel an den Ecken oder dem mittig hervorstehenden Schließzapfen zu stoßen.

Erträgliches Geräuschniveau

Der kleine Dieselmotor bringt es auf ein maximales Drehmoment von 240 Newtonmeter bei 2000 Umdrehungen in der Minute. Wirkliche Anfahrschwächen leistet er sich im Qashqai nicht, ein wenig erhöhte Drehzahl soll es dennoch sein, wenn zügiges Beschleunigen gefragt ist.

Erst wenn der Diesel die Schwelle von etwa 1800/min überschritten hat, legt er sich wirklich ins Zeug. Für nur 1,5 Liter Hubraum tut er dies durchaus engagiert und auf eher flüsternde Weise.

12,2 Sekunden dauert die Beschleunigung aus dem Stand auf 100 km/h, seine Höchstgeschwindigkeit von 174 km/h erreicht der Nissan erst nach langem Anlauf. Dann aber legt er gute Manieren an den Tag. Geringe Seitenwindempfindlichkeit und vor allem ein erträgliches Geräuschniveau steigern die Langstreckentauglichkeit.

Reisekomfort des Wanderers

Der vermeintlich günstige Verbrauch von 6,9 Liter Diesel für 100 Kilometer ist trügerisch. Für ein allradgetriebenes SUV wäre das nicht schlecht, aber der Qashqai hat nur Frontantrieb. Und für einen frontgetriebenen Wagen mit einem modernen und im Hubraum kleinen Diesel ist dieser Wert nicht besonders beeindruckend. 65 Liter Tankinhalt sind da ein angemessenerer Vorrat, das Betanken gelingt stets schnell und ohne das lästige zu frühe Abschalten der Zapfpistole.

Der Reisekomfort des Wanderers zwischen den Auto-Welten kann sich sehen und vor allem fühlen lassen. Die Federung erledigt ihre Aufgaben mit Hingabe, weder Wellen noch kurze Schläge lassen sie aus der Fassung geraten. Die Seitenneigung der Karosserie in Kurven bleibt dennoch gering und unkritisch.

Die Bremsen arbeiten messerscharf

Die Lenkung vermittelt dabei nur einen stark gefilterten Eindruck von den Traktionsbedingungen und der Fahrbahnbeschaffenheit. Zwar sind die Antriebseinflüsse kaum zu spüren, insgesamt aber entsteht am Volant ein eher teigiges Lenkgefühl. Immerhin glänzt der Qashqai mit einem sehr neutralen Fahrverhalten und leichtem Untersteuern, so bedarf es kaum feinfühliger Kurskorrekturen bei flinker Kurvenfahrt.

Die Bremsen arbeiten messerscharf und mit guter Dosierbarkeit. Nissan gönnt dem jüngsten Spross gar eine technische Finesse, die meist nur in Premium-Automobilen zu finden ist. Die Bremsanlage ist mit einem Fading-Ausgleich ausgestattet, bei Erhitzung und nachlassender Verzögerungswirkung wird automatisch der Bremsdruck angehoben.

Aufbruch zur Wanderschaft

Serienmäßig hat der Wüstennomade ein Sechsganggetriebe, geschaltet wird es mit der Hand. Die muss den sechsten Gang sehr nachdrücklich einlegen, sonst gerät der Hebel leicht in die falsche Gasse der Kulisse, was nicht ohne unerfreuliche Geräuschentwicklung zu überstehen ist.

Die sehr umfangreiche Serienausstattung des Acenta-Niveaus hebt den Qashqai in die Klasse der Komfort-Wagen. Hohe Reisetauglichkeit, guter Überblick und eine einfache Bedienung wie etwa die des Blinkers mit Tippfunktion geben ihm Qualitäten, mit denen er der Marke die Rückkehr zum Erfolg erleichtern dürfte. Sein Aufbruch zur Wanderschaft gelingt stilsicher und in guter Partnerschaft. Und im Gepäck hat er für fast jeden Anspruch eine gute Gabe.

Daten und Meßwerte

Empfohlener Preis 22.590 Euro
Preis des Testwagens 25.590 Euro

Vierzylinder-Dieselmotor, 1461 Kubikzentimeter Hubraum
Leistung 78 kW (106 PS) bei 4000/min

Höchstes Drehmoment 240 Nm bei 2000/min, 90 Prozent davon ab 1600 bis 4200/min

Manuelles Sechsganggetriebe
Antrieb auf die Vorderräder

Länge/Breite/Höhe 4,32/1,78/1,61 Meter
Radstand 2,6, Wendekreis 10,6 Meter
Reifengröße 215/65 R 16

Leergewicht 1471 (tatsächlich 1490), zulässiges Gesamtgewicht 1930, Anhängelast 1200 Kilogramm; Kofferraumvolumen 410 bis 1513 Liter

Höchstgeschwindigkeit 174 km/h
Von 0 auf 100 km/h in 12,2 s, von 50 auf 100 km/h im 4./5./6. Gang in 9,9/14,8/19,9 s

Verbrauch 5,9 bis 8,5, im Durchschnitt 6,9 Liter Diesel je 100 km; 145 g/km CO2 bei Normverbrauch 5,4 Liter; Tankinhalt 65 Liter

Versicherungs-Typklassen HP 17, TK 22, VK 18

Garantie 2 Jahre, maximal 100.000 Kilometer, 12 Jahre auf Durchrostung, 3 Jahre Lack, Mobilität unbegrenzt bei Einhaltung der Wartungsintervalle

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z., Hersteller

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