29. Juni 2009 Audi feiert in diesen Wochen sein Bestehen seit hundert Jahren und ist so jung wie noch nie zuvor: Das beginnt beim Chef und führt bis in die feinste Verästelung des Modellprogramms. Rupert Stadler ist nicht einmal halb so alt wie das von ihm repräsentierte Unternehmen, und er ist ungeachtet mancher Silbersträhne im Haupthaar der jugendlichste Vorsitzende unter den Oberen der deutschen Autoindustrie. 17 Produktionsanläufe für neue Modelle oder Versionen hat die Audi-Mannschaft in einem Jahr verkraftet: Das war für alle eine brutale Herausforderung, sagt Stadler im gebremst deutlichen Idiom seiner bayerischen Heimat.
Tatsächlich wirkt Audi, als habe die Marke ihre Hemmungen abgelegt. Das Image der konservativ-spießigen Modelle für den Liebhaber der nickenden Dackelimitation auf der Hutablage war schon durch die quattro-Rennerei längst vergessen. Doch die neue Freiheit für Audi zeichnete sich erst ab, als Martin Winterkorn VW-Konzernchef wurde und nach Wolfsburg ging. Der von Qualität und Details besessene Techniker lässt Stadler und dem Team in Ingolstadt jene Luft zum Atmen, die nötig ist, um aus einer Marke im Aufstieg eine Marke der kreativen Entwicklung für Menschen zu machen, die eine Alternative suchen. Im VW-Konzern ist Audi zu jener Alternative gereift, die zwar Synergien nutzt, diese aber zur Bildung eines solitären Auftritts in ein eigenständiges Markenprofil (Leichtbau/Allradantrieb/Qualität) und -konzept einbindet.

Es begann mit dem Audi TT
Der Auftritt derzeit wirkt, als habe sich die immer etwas kontaktarm und spröde wirkende VW-Tochter nun doch entschlossen, aus dem Vorsprung durch Technik im Kreis des Trios der deutschen Nobelhersteller neben BMW und Daimler den Ertrag durch Design einzufahren. Das begann mit dem Audi TT, zwar schon vor zehn Jahren, damals aber noch in der Nähe zu einem Kunstobjekt, das puristisch auf vier Rädern fuhr und viele potentielle Kunden mit seiner scheuen Intelligenz verwirrte. Die neueren Audis sind von einer Rasse, die sensiblen Menschen den Atem raubt und jüngere Männer dem Kloster fernhält: Der Audi A5/S5 ist hitzig und gleichzeitig elegant, er könnte ein Bentley-Coupé aus einer anderen Zeit sein, es gibt im VW-Konzern keine formale Konkurrenz und im gesamten deutschen Autoangebot nur ein einziges Modell, das ihm in seiner optischen Wirkung nahe kommt. Nächstes Beispiel: Der Audi A6 ist nach seiner Modellpflege im vorigen Jahr das Idealbild der unauffälligen Geschäftslimousine, und dem A4 sitzt das neue Trikot wie angegossen.
Gleichzeitig hat die Marke ihr Produktportefeuille deutlich aufgestockt: Neben den massigen Q7 positionierte sie den schlankeren und für die allermeisten Einsätze ausreichend dimensionierten Q5; aus dem A3 wurde ein Cabriolet, ebenso aus dem A5. Dann gibt es die Avant-Versionen (Kombi), die Allroad-quattro-Varianten, zudem die quattro-Alternativen zu den jeweiligen Fronttrieblern, die RS-Hammer-Varianten, den TT als Coupé und als Roadster, jüngst als TT RS mit dem Etikett eines Porsche-Schrecks sowie den Übersportler R8, nun sogar mit dem 525-PS-Zehntopfaggregat. Und kaum ein Monat vergeht ohne die Produktionsaufnahme neuer Motoren in der Otto- wie in der Diesel-Fraktion, der Ausweitungen des Einsatzes von DSG und weiteren Fortschritts auf der Diesel-Ebene mit immer komfortabler und sparsamer tätig werdender Direkteinspritzung. Der Q5 als Elektroauto werde mit einer Lithium-Ionen-Batterie fahren, weil es die beste Möglichkeit sei, im Auto Strom zu speichern. Anderen Lösungen als elektrischem Strom steht Stadler skeptisch gegenüber: Die Brennstoffzelle zum Antrieb eines Fahrzeugs wird in den nächsten 15 Jahren nicht kommen.
2010 fährt der kompakte A1 vor
Schon in naher Zukunft sind weitere Modelle zu erwarten: 2010 fährt der kompakte A1 vor, der Audi mit Spatzendurst, in zwei Versionen als Coupé und als Viertürer. Auf der IAA im Herbst feiert der A7 SportBack seine Premiere, eine scharf geschneiderte Coupé-Limousine mit sanft auslaufendem Rücken, Heckklappe und vier Türen. Der neue A8 macht sich von Ende 2010 an im Markt noch breiter als sein Vorgänger: Wir haben festgestellt, dass die Marke Audi Wachstum generieren muss, sagt Stadler und führt diese Möglichkeit auf den noch viel Entwicklungsmöglichkeiten bietenden Kern der Marke zurück.
Natürlich sei auch Audi von der gegenwärtigen Krise (mit zehn Prozent Minus gegenüber dem Vorjahr sei 2009 wohl zu rechnen) betroffen, aber Stadler greift zu einem Vergleich aus dem Rennsport. Dieser zeigt, dass er das diesjährige Desaster von Audi beim Langstreckenrennen in Le Mans nicht vergessen, gleichwohl verarbeitet hat: Audi fährt aus der Krise in der Pole Position heraus, gibt er sich kämpferisch. So wie sich die Märkte auf der Welt entwickelten, habe Audi noch ein großes Potential: Wir sehen unsere Marke als Signaturmarke. Sie wirkt wie ein eigenständiger Schriftzug, eine persönliche Unterschrift.
Sie können nie jedermanns Liebling sein
Mit der häufig geäußerten Kritik an der Motorleistung etlicher Audi-Modelle und an den Dimensionen der Geländewagen geht Stadler keineswegs leichtfertig um. Er nimmt sie ernst, führt aber an, dass Audi Höchstleistung biete und man zum Beispiel einen A3 im Programm habe, der mit einer Emission von 109 Gramm Kohlendioxid je Kilometer zu fahren sei: Sie können nie jedermanns Liebling sein, sagt Stadler. Er sei davon überzeugt, das Richtige zu tun, nicht nur für das Unternehmen, sondern auch für die Umwelt. Ein Leben, das nur nach den Prinzipien der Vernunft geführt werde, dem fehle jenes Moment, das man Glück nenne. Es ist mir wichtig, dass Audi auch in Verbindung steht mit Verantwortungsbewusstsein.
Das hindert den Audi-Chef nicht daran, vor einem auf dem Audi-Gelände geparkten R8 V10 beinahe auf die Knie zu gehen. Der Sportwagen ist in einer schillernden Farbe lackiert, deren Bezeichnung der Chronist vergessen hat, deren Auftritt aber ganz großes Kino ist. Ein Audi-Kunde muss das Gefühl haben, ein absolut besonderes Auto zu fahren, sagt Stadler und bekennt sich ohne Verlegenheitsröte zu dem schon im Stand glühenden Sportwagen. Offensichtlich sieht er in dem R8 ebenso wie in einem kommenden A1 mit einem Verbrauch von vielleicht drei bis vier Liter Diesel und vier bis fünf Liter Benzin auf 100 Kilometer ebenden besonderen Audi. Diesen Charakter in allen Baureihen zu entwickeln und zu pflegen und dabei auf noch höhere Stückzahlen zu kommen sind die Visionen des Rupert Stadler. Dazu zählt auch die Ausrichtung auf eine Strategie des langfristigen Erfolgs.
Keine One-Man-Show
Dass Audi aufgewacht sei unter seiner Führung, das will er nicht so schlicht stehenlassen. Die Leistung von Audi und der Aufstieg der Vier-Ringe-Marke, das sei keine One-Man-Show. Sein Unternehmen, sagt er, sei ein gefragter Arbeitgeber, nicht nur wegen guter Erfolgsprämien.
Als er die mit dem Audi-Chefposten verbundene Herausforderung annahm, schenkte ihm seine Frau mit typisch weiblicher Doppeldeutigkeit den Bestseller von Hape Kerkeling: Ich bin dann mal weg. Frau Stadler lag damit nicht weit daneben, aber der Audi-Chef hofft auf Verständnis und rennt zwei- oder dreimal in der Woche um den Baggersee. Wenn er nicht gerade eine Niederlage in Le Mans erlebt. Aber es war in dieser Woche die einzige.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Hersteller