Von Stefan Thiele
29. April 2008 Bis heute machen seine Vielseitigkeit und Robustheit, weniger die Fahrleistungen den Land Rover begehrt. Sein Markenzeichen ist die Form, die so simpel ist, dass jedes Kind einen Land Rover auf Anhieb zeichnen kann. Geändert hat sich außer der Technik unter dem Blech seit 1948 eigentlich nur der Name. Seit 1990 trägt er stolz die Modellbezeichnung Defender, weil ein weiterer Land Rover – der Discovery – diese Unterscheidung nötig machte. Bis dato trugen nur der Landy und der Range Rover (seit 1970) den Ruf der Robustheit und des They go anywhere“ (Sie kommen überall durch) in die Welt. Später kamen zu diesen dreien noch der Freelander (1997) und den Range Rover Sport (2006) dazu. Über eine weitere Baureihe wird spekuliert. Trotz der fünf Baureihen, der Defender ist nach wie vor der Land Rover.
Wer sich jetzt noch fabrikneu ein Stück rollender Automobilgeschichte zulegen möchte, muss sich allerdings beeilen: Schärfere Richtlinien zum Fußgängerschutz würden tiefgreifende strukturelle Modifikationen erfordern. Das lohnt sich nicht, entschied man und so rechnet man in Branchenkreisen zumindest für den europäischen Markt für 2010 mit der Produktionseinstellung des Defender. Dieser ist erst die vierte Baureihe des Ur-Land-Rover, die nun auch schon seit 1983 (mit mehreren Facelifts) im Programm ist.
Ein kantiges, lindgrünes Wägelchen
All dies war nicht absehbar, als sich am 30. April 1948 die Tore zur Amsterdam Motor Show öffneten. Rover, der etablierte Hersteller gediegener Mittelklasse-Limousinen, präsentierte auf seinem Stand ein kantiges, lindgrünes Wägelchen, den Land Rover. In Scharen strömten die Besucher auf den Messestand, und die Presse jubelte: Das war es, was das England der Nachkriegszeit brauchte. Ein robustes, universell einsetzbares Fahrzeug und darüber hinaus allradgetrieben, um auch für die Zwecke der Landwirtschaft einsetzbar zu sein, denn im ganzen Land fehlten Traktoren und Zugmaschinen. Der kleine Allradwühler traf den Zeitgeist punktgenau.
Schon kurze Zeit später wird der Rover für das Land“ zum Verkaufsschlager. Bis Ende 1948 hatte man 2000 Einheiten verkauft, im Sommer 1949 hatten 6000 Land Rover die Fertigung in Solihull verlassen. Weitere zwei Jahre später waren schon zwei Drittel aller gefertigten Rover Land Rover. Bis heute wurden es rund 1,9 Millionen Land Rover beziehungsweise Defender.
Ein Erfolg, der so nicht geplant war, denn der Land Rover war in Wahrheit der verzweifelte Versuch eines Autoherstellers, der drohenden Pleite zu entgehen. Bis dato hatte man sich erfolgreich dem Bau teurer Limousinen gewidmet. Nach dem Krieg war Stahl rationiert und nur in Verbindung mit devisenbringenden Exportaufträgen zu erhalten. Ein Übergangsprodukt war gefragt, um den Fortbestand der Marke zu sichern, bis sich die Lage beruhigt hätte und die Menschen wieder Limousinen kaufen könnten. Der damalige Technische Leiter von Rover, Maurice Wilks und sein älterer Bruder Spencer, der als geschäftsführender Direktor das Sagen hatte, machten es möglich. Die entscheidende Idee kam Maurice bei einem Familienurlaub 1946 auf der walisischen Insel Anglesey.
Die Nachfrage war nicht zu bremsen
Auf seinem Landsitz benutzte er einen Willys Jeep für den Transport eines Ruderbootes zum nahe gelegenen Strand. Der Jeep stammte aus der Hinterlassenschaft der amerikanischen Streitkräfte. Wilks war von der Nützlichkeit des Jeep sehr angetan, sah aber erhebliches Potential für Verbesserungen. So sollte ein modifizierter Jeep sein Rezept sein, um das Unternehmen aus der Krise zu führen. Nach wenigen Wochen hatte die Entwicklungsabteilung von Rover im Frühjahr 1947 einen Prototypen auf einem Jeep-Chassis aufgebaut. Einen eigenen Leiterrahmen konnte man so schnell nicht entwickeln.
Von Anfang an fand die Bezeichnung Land-Rover“ Verwendung, wenn auch der Bindestrich später fortfiel. Die Bleche der Karosserie waren aus Duralumin gefertigt. Das war zwar dreifach teurer als Stahl, jedoch wesentlich besser verfügbar. Überdies war der Werkstoff auch ohne teure Pressen leicht formbar und bot sich aufgrund seiner Korrosionsresistenz an. Für den Motor benutzte man den hauseigenen 1,6-Liter-Vierzylindermotor mit 48 PS, der auch im Rover P2 Verwendung fand. Das Lenkrad war im Prototyp mittig angeordnet. So wollte man anfänglich teure Umbauten für die Exportmärkte umgehen. Noch vor Einführung des Serienmodells rückte das Lenkrad aber wieder auf die rechte oder linke Seite.
Der Rest der Geschichte ist schnell erzählt: Die Nachfrage nach dem Land Rover war nicht zu bremsen, einige Nebenprodukte wie der Light Weight (fürs Militär) oder der Foreward-Control entstanden, bevor 1970 mit dem Range Rover ein ähnlicher Paukenschlag gelang. Nur ging es jetzt nicht mehr um Einfachheit, sondern um Luxus. Der erste Range Rover wird 26 lange Jahre gebaut, diesen internen Rekord wird der aktuelle Defender noch brechen können. Heute ist der Range Rover vom Kultfaktor her auf einer Ebene mit dem rüstigen Jubilar. Und auch der Discovery sowie der Freelander und der Range Rover Sport sind anerkannte Mitglieder im Off-Road-Zirkel. Vor allem der Range Rover Sport verkauft sich in bestimmten Märkten hervorragend. Er trägt nicht ganz so dick auf wie der Range Rover. Das Jubiläum feiert Land Rover Deutschland mit Sondermodellen für alle fünf Baureihen.
Trotz Übernahme zuversichtlich in die Zukunft
Und die nächsten 60 Jahre? Ausgerechnet im Jubiläumsjahr hat der Mutterkonzern Ford, zu dem Land Rover seit dem Jahr 2000 gehörte (nach einer kurzen Ehe mit BMW), die Marke im Paket mit Jaguar zum Preis von 2,3 Milliarden Dollar an Tata Motors, den größten indischen Automobilhersteller, verkauft. Tata erregte zuletzt im Januar internationales Aufsehen, als der Konzern das billigste Auto der Welt vorstellte. Der Kleinwagen Nano“ kostet umgerechnet 1700 Euro (ohne den hiesigen Zulassungs- und Emmissionvorschriften zu entsprechen, alleine ein sauberer Motor wäre teurer).
Bei Land Rover schaut man trotz der Übernahme durch ein Unternehmen aus der ehemaligen britischen Kolonie zuversichtlich in die Zukunft. Dort sei man gut aufgehoben, glaubt man. Und die Inder wissen, dass sie auf die Kronjuwelen, die sie mit den Marken Land und Range Rover erworben haben, gut aufpassen müssen.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Stefan Thiele