Elektro-Autos

Der Strom der Zeit

Von Boris Schmidt

Sieht nicht nach Elektro aus: Markantes von Tesla

Sieht nicht nach Elektro aus: Markantes von Tesla

19. August 2008 Das Elektro-Auto ist beinahe so alt wie das Auto selbst. Nur geriet diese Antriebsform in Vergessenheit, wurde zur Randerscheinung auf Golfplätzen und in Lagerhallen, wobei die angestammte Autoindustrie in schöner Regelmäßigkeit auf Messen immer wieder mal einen Prototyp zeigte. Auch die Politik mischte sich immer wieder ein. So wurde Anfang der neunziger Jahre ein Großversuch auf Rügen mit Bundesmitteln gefördert, Impulse für eine alltagstaugliche Lösung ergaben sich jedoch nie.

Eine akzeptable Reichweite und eine möglichst kurze Ladezeit der leeren Batterie schienen schlichtweg unüberwindbare Hindernisse, die alle anderen Vorteile (geräuschlos, keine unmittelbaren Emissionen, optimale Leistungsausnutzung) zunichtemachten. Man forschte und forschte, ohne große Fortschritte zu erzielen. Jetzt aber hat Daimlers Technik-Chef Thomas Weber für 2010 einen Elektro-Smart sowie eine stromernde A-Klasse angekündigt.

40 bis 50 Kilometer pro Tag

„80 Prozent der Mobilität der europäischen Normalkunden liegt bei 40 bis 50 Kilometer pro Tag. Das ist für eine leistungsfähige Lithium-Ionen-Batterie kein Problem. 100 Kilometer Reichweite trauen wir unserem Smart-Elektrofahrzeug sicher zu“, sagte Weber der Deutschen Presse-Agentur. Nun, 100 Kilometer Reichweite? Da lacht man bei Tesla in Kalifornien. 440 Kilometer bei schonender Fahrweise und zirka 240 Kilometer bei aggressivem Fahrstil verspricht Darryl Siry, Senior Vice President bei Tesla und verantwortlich für den Verkauf des Elektro-Roadsters, der momentan so viel Furore macht. Allgemein wird die Reichweite mit 365 Kilometer angegegeben.

Das ist durchaus eine Sensation und passt zu der Geschichte des vier Jahre alten Start-up-Unternehmens. 150 Millionen Dollar haben die Sonnyboys aus Silicon Valley in ihrer Kriegskasse. Und sie haben es ohne Erfahrung im Automobilgeschäft geschafft, 1110 Bestellungen für ihren schnittigen Roadster einzusammeln, ein gutes Dutzend ist in Kalifornien schon ausgeliefert worden.

Fahrwerk, Karosserie und das Chassis von Lotus

109.000 Dollar kostet die automobile Zukunft, die daherkommt wie ein (moderner) englischer Roadster. Das ist kein Wunder: Bei Lotus im englischen Hethel kauft Tesla Fahrwerk, Karosserie und das Chassis. Der 3,95 Meter lange Tesla ähnelt stark der Lotus Elise, aber nur zehn Prozent der sichtbaren Teile seien exakt gleich (unter anderem das Armaturenbrett mit den Airbags). Im Gegensatz zum 3,78-Meter-Lotus misst der Tesla 17 Zentimeter mehr. Das Auto musste verlängert werden, um Platz für die 450-Kilo-Batterie zu schaffen. Dieser Block, der aus elf „Sheets“ zu je 621 Zellen ähnlich derer in einem Laptop besteht (ebenfalls Lithium-Ionen), ist vielleicht das (Erfolgs-)Geheimnis des Tesla. In ihm steckt das meiste Geld und die meiste Entwicklungsarbeit.

Insgesamt schützen den Roadster 33 Patente, viele davon beziehen sich auf die Batterie. Sie ist flüssigkeitsgekühlt, das sei eines der Geheimnisse ihrer Leistungskraft. So minimiere man die Möglichkeit eines Batteriebrandes und erhöhe die Lebensdauer. Der Tesla hat die in der Automobilindustrie üblichen Tests durchlaufen, acht komplett fertige Roadster wurden bei Crashtests zerstört. Der E-Motor ist dagegen vollkommen unspektakulär: Zwar bringen 250 PS und ein Drehmoment von 380 Newtonmeter, das sofort verfügbar ist, Ferrari-Fahrleistungen. Aber als „Ersatzteil“ würde die Maschine vielleicht 2000 Dollar kosten.

Der Antritt ist phänomenal, das Auto macht Spaß

Diese Woche hatten europäische Journalisten in München, Berlin und Hamburg Gelegenheit, den Tesla zu fahren, und unisono fiel das Urteil sehr positiv aus. Der Antritt ist phänomenal, das Auto macht Spaß, keine Frage. Bevor dem Tesla der Saft ausgeht, kommen drei Warnungen. So will man verhindern, dass man unerwartet liegenbleibt. Danach kann er an jede Steckdose - und spätestens dann ist die Herrlichkeit vorbei. Zwar stellt die Reichweite alles bisher in der E-Welt Bekannte in den Schatten, aber das Laden dauert seine Zeit: Unter optimalen Bedingungen sind drei bis vier Stunden einzuplanen, an einem gewöhnlichen Anschluss sind es sogar zwölf. Das Laden selbst ist so einfach wie mit einem Laptop. Stecker in die Wand und Stecker in den Tesla. Alles andere macht die Elektronik. Nach Angaben der Kalifornier kann der Stromspeicher 500 Mal neu „befüllt“ werden, und man habe immer noch 80 Prozent der Leistungskraft.

Im Internet ist man unter www.teslamotors.com präsent. Dort können sich auch Europäer ihren E-Roadster sichern. 99.000 Euro ist der hiesige Preis (ohne Steuer), dafür gibt es aber ein Modell mit Vollausstattung (Leder, Hardtop sowie Softtop, CD-Radio) und mit einer frei wählbaren Farbe. 250 Einheiten sind für diese Sonderserie geplant, die ersten Fahrzeuge sollen im Mai 2009 ausgeliefert werden. Der reguläre Europa-Basispreis beträgt 89.000 Euro. Wie in Amerika muss bei der Bestellung die Hälfte des Kaufpreises angezahlt werden.

1800 Roadster im Jahr

Man kalkuliert mit 1800 Roadstern im Jahr, die Europa-Modelle werden wahrscheinlich in Hethel bei Lotus montiert. Bis jetzt erfolgt die Endmontage in Kalifornien, dort wird auch die Batterie gebaut, der E-Motor kommt aus Taiwan (von einem Tesla-Werk). Den Vertrieb wollen die Kalifornier, die sich ihren Namen vom Erfinder und Elektroingenieur Nicola Tesla (1856 bis 1943) geborgt haben, ebenfalls selbst in die Hand nehmen. 20 bis 30 Shops soll es in Amerika geben, in Deutschland sind zunächst Verkaufsstellen in Berlin, München und Hamburg vorgesehen.

Einmal im Jahr müsse ein Tesla zur Wartung, wobei das Fehlen von Betriebsstoffen wie Benzin oder Motoröl es möglich mache, „Werkstätten“ in Bürogebäuden zu unterhalten, die für ein herkömmliches Auto tabu wären. Die Kalifornier, denen es in jüngster Zeit mehr und mehr gelingt, namhafte Manager aus der „alten“ Autoindustrie abzuwerben, arbeiten außerdem an einer fünfsitzigen Familien-Limousine. Und die soll sich in 45 Minuten laden lassen. Der Strom der Zeit scheint in Bewegung - hin zum Elektro-Auto?

Text: F.A.S.
Bildmaterial: AFP, Hersteller, Tesla Motors

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