Von Henning Peitsmeier
02. Juli 2008 Burkhard Weller ist seit 29 Jahren Autohändler. Wenn er heute auf sein Geschäft angesprochen wird, klingt das fast wie ein Abgesang auf seine Zunft: So schlimm war es noch nie.“ 1979 hat der heute 54 Jahre alte Weller sein erstes Toyota-Autohaus in Osnabrück eröffnet; damals hatte er nur eine Sekretärin und einen Mechaniker. Danach ging es steil bergauf. Die Weller-Gruppe verkauft Toyota, Volkswagen und BMW, ist mit 33 Betrieben und einem Umsatz von mehr als 800 Millionen Euro einer der größten und bedeutendsten Autohändler in Deutschland. Im Mai und Juni haben wir ein Minus von 6 und 7 Prozent gemacht, solche Zahlen sind absolut ungewöhnlich“, sagt Weller. Die Zeiten des eigenen stürmischen Wachstums sind vorbei, räumt er ein. Und wenn einer wie Weller jammert, kann das durchaus branchenrelevant sein.
Gewissheit darüber, wie schlecht es dem deutschen Automarkt geht, gibt es an diesem Mittwoch. Dann legt das Kraftfahrt-Bundesamt die Neuzulassungszahlen für das erste Halbjahr vor. Die Zahlen lassen Schlimmes befürchten. Schon per Ende Mai, als der Markt mit 6 Prozent überraschend kräftig eingebrochen war, fühlte sich der Verband der Autoindustrie (VDA) in seiner zurückhaltenden Prognose von nur noch 3,2 Millionen Neuzulassungen bestätigt – es wäre fast eine Wiederholung des schlechtesten Autojahres seit der Wiedervereinigung. Die Autoindustrie macht nun die rekordverdächtigen Kraftstoffpreise für die Kaufzurückhaltung verantwortlich. Wir sehen diese Entwicklung mit Besorgnis“, klagte kürzlich VDA-Präsident Matthias Wissmann.
Zeitenwende auf dem deutschen Automarkt
Erst die CO2-Debatte, dann der Streit um Umweltzonen, nun die hohen Spritpreise. Deutschlands Autokäufer sind verunsichert, die Händler frustriert. Und womöglich ist das laufende, miese Geschäftsjahr erst der Auftakt zu einer Zeitenwende auf dem deutschen Automarkt. Wir müssen uns auf ein Marktniveau von nur noch 3 Millionen Neuzulassungen einrichten“, sagt Robert Rademacher, der Präsident des Zentralverbands des Deutschen Kraftfahrzeuggewerbes (ZDK). Das Volumen haben auch die Hersteller in ihren Planungen für den Inlandsmarkt zu berücksichtigen.“
Bislang scheint das nicht der Fall zu sein. Viele Hersteller verfolgen auf dem noch immer größten Automarkt in Europa expansive Ziele. Mit einem ausgeweiteten Direktgeschäft machen sie es ihren eigenen Händlern außerdem immer schwerer. Fast eine Million Neuwagen sind nach Angaben des Verbandes, dem mehr als 80 Prozent der Werkstätten und Autohäuser in Deutschland angehören, am Handel vorbei vermarktet worden. Als junge Gebrauchte werden Autos mit niedriger Kilometerleistung später mit hohen Preisnachlässen in den Markt gedrückt – und vermiesen die Marge. Denn während die Händler sich mit Tages- oder Aktionszulassungen zurückhalten, haben einige Hersteller diese Rabattinstrumente nach einer Untersuchung des Car-Instituts noch kräftig eingesetzt: Vorreiter ist demnach Volkswagen. Die Wolfsburger haben ihre Eigenzulassungen auf mehr als 10.000 Autos erhöht, die VW-Händler-Eigenzulassungen sind dagegen auf 2910 Fahrzeuge gesunken. Der Effekt: Schon nach wenigen Wochen kommen gebrauchte Werkswagen zu Schnäppchenpreisen auf den Markt.
Selbst Umweltautos sind nicht gefragt
Warum also noch einen Neuwagen kaufen? Selbst Umweltautos sind nicht gefragt: Toyotas Hybridauto Prius ist in aller Politikermunde, auf deutschen Straßen aber nur selten zu sehen. Exakt 1489 Prius wurden in Deutschland per Ende Mai zugelassen, 600 weniger als im Vorjahr. Das Auto mit dem sparsamen Hybridantrieb, einer Kombination von Elektro- und Verbrennungsmotor, zeichnet sich auch in der Zulassungsstatistik durch niedrige Werte aus. Immerhin laufen auf dem deutschen Markt die gewerblichen Zulassungen. Doch auch hier sind die Aussichten bescheiden. Weil sich die Konjunkturdaten in Deutschland aufgrund des steigenden Ölpreises verschlechtern, muss spätestens 2009 mit einem Rückgang der Firmenwagenverkäufe gerechnet werden. Bleibt der Ölpreis auf seinem hohen Niveau von zuletzt 143 Dollar je Barrel, dann wird der Neuwagenmarkt im Jahr 2009 unter die sehr kritische Grenze von 3 Millionen Neuwagen fallen, prognostiziert das Car-Institut.
Geld wird nur noch in der Werkstatt verdient, nicht mehr im Handel. Der Branchenverband ZDK fürchtet, dass dem Autohandel margenschwache Zeiten bevorstehen. Zu viele Anbieter und zu viel Ware, das ist der Tod der Rendite“, sagt Robert Rademacher. Nach Angaben es ZDK lag die durchschnittliche Umsatzrendite der 39 750 Kraftfahrzeugbetriebe im Vorjahr bei 0,4 Prozent. Dieser Wert dürfte im laufenden Jahr weiter sinken. Rademacher glaubt, dass sich der Konsolidierungsprozess in der Branche beschleunigt und abermals einige hundert Betriebe das Jahr nicht überstehen werden. Schon 2007 haben von den rund 20 000 selbständigen Autohändlern in Deutschland 402 Betriebe – zehn Prozent mehr als im Jahr zuvor – Insolvenz angemeldet.
Begonnen hat der Ausleseprozess schon vor Jahren: Die Zahl der selbständigen Autohändler sinkt unaufhörlich, gut 50 000 Arbeitsplätze gingen im letzten Jahrzehnt verloren. Vielen mittelständischen Betrieben mangelt es an Nachfolgern und Eigenkapital. Die durchschnittliche Eigenkapitalquote liegt nur noch bei 10 Prozent. Obendrein müssen viele Händler mit Margenkürzungen seitens der Hersteller zurechtkommen, manche verlieren in gestrafften Vertriebsstrukturen ihren Status als Markenhändler.
Schlechte Autojahre waren früher für Burkhard Weller gute: Dann hat er marode oder insolvente Autohäuser gekauft, umgekrempelt und neu eröffnet. 1 Milliarde Euro Umsatz wollte die Weller-Gruppe im 30. Jahr ihres Bestehens erwirtschaften. Von dem Ziel haben wir uns verabschiedet“, sagt Weller.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, F.A.Z.