Fahrtbericht Toyota RAV 4 2.2 D-Cat

Innere Flauschigkeit und etwas derbe Technik

Von Michael Kirchberger

Toyota RAV 4 2.2 D-Cat: Die Preisliste beginnt bei 25.700 Euro

Toyota RAV 4 2.2 D-Cat: Die Preisliste beginnt bei 25.700 Euro

28. August 2006 SUVs, die Sport Utility Vehicles, sind fraglos eine der beliebtesten Auto-Klassen der Neuzeit. Ihr Heil suchen sie freilich nicht in natürlicher Wildnis, sondern vielmehr im Dickicht der Großstadt. Auch vor Kindergärten und Grundschulen wird diese Spezies häufig beobachtet. Mittlerweile spielen fast alle Marken in dieser Liga mit, kaum eine jedoch bringt ihre Vertreter schon in der dritten Generation auf die Märkte. Die jüngste Ausgabe des Toyota RAV 4 ist so manchem einen Schritt voraus, was sich auf den Erfolg und noch mehr auf die Größe bezieht. Er bringt es jetzt auf stolze 4,4 Meter Länge, die Preisliste beginnt bei 25.700 Euro. Der mit einem 130 kW (177 PS) starken Dieselmotor bestückte SUV in der Spitzenausstattung Executive kommt auf 33.800 Euro. Der ist, hübsch dekoriert und ausgestattet, artgerecht equipiert, aber fürs Gelände viel zu schade.

Der Toyota empfängt mit einem Innenraum voller flauschiger Annehmlichkeiten. Üppig ausgeformte Sportsitze mit Lederbezügen geben guten Seitenhalt. Das ist nützlich, denn der Wagen bewegt sich zwar mit deutlichem Hang zum Rand der Kurve hin um die Biegungen, es lassen sich dennoch recht hohe Geschwindigkeiten bei der Fahrt durch Kehren und Windungen erreichen. Selbst die Polsterung unterstützt den RAV-4-Fahrer dort, wo das Fahrwerk zu Schwäche neigt: Denn die Federung macht ihre Sache nicht immer gut, aber gerade bei kurzen Stößen, die Federn und Dämpfer nicht eliminieren können, springt das weiche Sitzkissen ein und filtert die gröbsten Stöße im Sinne eines guten Fahrkomforts heraus.

RAV 4 ist erheblich gewachsen

Akustisch hält sich der Toyota zurück. Der 2,2-Liter-Vierzylinder ist fein gedämpft und kündet nur bei niedrigem Tempo davon, mit welcher Art der Verbrennung er arbeitet. Jenseits der Stadtgeschwindigkeit übertönen die deutlich vernehmbaren Abrollgeräusche den Motorlauf, bei forschem Autobahntempo mischt sich das Rauschen des Fahrtwinds in die Komposition. Das alles ist nicht wirklich störend, der RAV 4 ist zwar erheblich gewachsen und strengt sich erfolgreich an, die Premium-Abteilung besetzt Toyota aber mit den Fahrzeugen der Marke Lexus. Da muß der RAV 4 nicht mithalten können.

Wohl aber finden die Materialwahl und die Verarbeitung volle Zustimmung. Das fein ausgeformte Armaturenbrett teilt eine horizontal verlaufende Leiste in zwei Hälften. Das wirkt sehr schön aufgeräumt, und die Bedienung fällt auf Anhieb leicht. Eine hübsche Erfindung ist das zweite, in der oberen Hälfte angeordnete Ablagefach. Auf Knopfdruck wird es geöffnet und wieder geschlossen, der Druck auf die Taste spannt beim Schließen eine Feder vor, die den Deckel beim wiederholten Berühren des Knopfes sanft aufgleiten läßt. Das kann ein Audi Q7 nicht, und der will schließlich Premium-Charakter haben.

Instrumentierung leidet unter ihrer Schönheit

Die Federung hat Probleme bei kurzen Stößen.

Die Federung hat Probleme bei kurzen Stößen.

Mißraten ist die Instrumentierung. Sie leidet unter ihrer Schönheit, den mattschimmernden Skalen und den dunklen Kunststoffscheiben der Abdeckung. Tacho und Drehzahlmesser sind schlicht zu dunkel, bei Sonneneinstrahlung kaum vernünftig abzulesen. Nur die Informationen des Bordcomputers über Reichweite, Verbrauch oder Durchschnittsgeschwindigkeit, die wahlweise abgerufen werden können, sind gut zu erkennen. Der Schalter der Warnblinkanlage findet sich in arg weiter Entfernung vom Fahrer fast auf der Seite des Co-Piloten. Besser plaziert sind Navigationssystem, die Bedienung der Audio-Anlage und die Regler der automatischen Klimatisierung. Sie liegen zentral und weit oben angeordnet für alle Akteure im Blickfeld und in angenehmer Reichweite. Ablagen gibt es reichlich im RAV 4, unter dem als Armlehne ausgeformten Deckel der Mittelkonsole verbergen sich zwei unterschiedlich große Fächer, Getränkehalter und angemessen dimensionierte Türtaschen sowie das große Handschuhfach in der unteren Hälfte des Armaturenbretts helfen, im Toyota Ordnung zu halten.

Gestartet wird der RAV 4 schlüssellos. Dominant wartet die Start-Stopp-Taste auf ihren Einsatz neben dem in Höhe und Tiefe verstellbaren, angenehm in der Hand liegenden Lenkrad, die Zugangsberechtigung per Funk entriegelt die Türen, sobald am soliden Griff gezogen wird. Den elektronischen Schlüssel kann man getrost in der Hosen- oder Handtasche lassen, denn beim Verlassen des Wagens genügt ein Druck auf einen in den Türgriff integrierten Knopf, und Sesam schließt sich in Windeseile.

Der RAV bringt es auf stolze 4,4 Meter Länge

Der RAV bringt es auf stolze 4,4 Meter Länge

Eine passende Sitzposition läßt sich leicht und elektrisch einstellen, mit unaufgeregtem Schnurren springt der Diesel-Vierzylinder an. Ein kurzer Ruck am Schalthebel genügt, dann rastet der erste von sechs Gängen ein. Er tut das präzise, aber mit einem leicht knochigen Arbeitsweg in der Schaltkulisse. Dann fordert das Anfahren mit dem RAV 4 ein wenig Übung. Denn der Motor entwickelt zwar Bärenkräfte, und über einen Mangel an Durchzugskraft und Schub kann sich niemand beschweren. Aber das Zusammenspiel von Gas und Kupplung will gelernt sein, wer an Drehzahl spart, würgt den Diesel bei den ersten Versuchen zuverlässig ab. Wer zu arg aufs Gaspedal drückt, verleitet den Toyota zu einem mächtigen Satz nach vorn, der nicht recht zu seinem eleganten Auftritt paßt und Passagiere wie andere Verkehrsteilnehmer nur wenig begeistert. Immerhin verhindert der permanente Allradantrieb ein Durchdrehen der Räder und das nervige Quietschen von Gummi. Eine Automatik wäre der komfortableren Gangart dienlich, die aber ist für den 2.2 D-Cat und sein mächtiges Drehmoment von 400 Newtonmeter bei 2000 Umdrehungen in der Minute nicht zu haben. Immerhin ist die Maschine selbst im tiefen Drehzahlkeller noch willig bei der Sache, nur 1000/min dreht sie bei 50 km/h im sechsten Gang und klingt kein bißchen angestrengt, wenn dann beschleunigt werden soll.

Zurückhaltend mit dem Treibstoff

Die Fahrleistungen des RAV 4 sind beeindruckend. Der Diesel treibt ihn in 9,3 Sekunden von 0 auf 100 km/h, die Höchstgeschwindigkeit liegt bei knapp über 200 km/h. Beim munteren Touren jenseits der Autobahn übt sich der Motor in Zurückhaltung mit dem Treibstoff, nur wenig mehr als sieben Liter verlangt er dann für 100 Kilometer. Express-Zuschlag fällt bei Vollgasfahrten an, auf 10,5 Liter Diesel steigt der Konsum, im Mittel ergab dies einen Durchschnittsverbrauch von 8,2 Liter. Der Vorrat im Tank von 60 Liter ist wohlbemessen. Außerdem ist der Motor von Hause aus mit einem wartungsfreien Partikelfilter ausgerüstet.

Die Instrumentierung ist mißraten

Die Instrumentierung ist mißraten

Angenehm fällt die genaue Lenkung mit ihrer guten Rückmeldung über das Spurhalten der Räder auf. Die Bremsen verlangen einen etwas kräftigeren Pedaldruck, ihre gute Dosierbarkeit geht dennoch nicht verloren.

Auf den breiten Sitzflächen im Fond finden Passagiere einen üppigen Beförderungsplatz, die Sitze lassen sich einzeln um 16,5 Zentimeter in Längsrichtung verschieben, so können Fond und Kofferraum unterschiedlichen Transportaufgaben angepaßt werden. Eine findige Mechanik erleichtert das Umklappen, wenn statt Mitfahrern Sperrgepäck mit auf die Reise geht. Mit einem Handgriff verschwinden Sitze und Lehnen im Boden des RAV 4, es entsteht eine bis zu 1,50 Meter lange Ladefläche. Bei maximalem Passagierkomfort, also ganz zurückgeschobener Rückbank, liegt das Kofferraumvolumen bei 450 Liter, Schieben und Klappen steigert es auf bis zu 1752 Liter.

Angenehm fällt die genaue Lenkung auf

Angenehm fällt die genaue Lenkung auf

Die Ausstattung des neuen RAV 4 ist wahrhaft üppig. Als Extras stehen lediglich ein Glasschiebedach zu 900 Euro, die Metallic-Lackierung für 550 Euro und das Multivisions-, Audio- und Navigationssystem mit oder ohne Heckkamera bereit (2550/2950 Euro). Gewachsen ist allerdings auch der Preis. Für die gleiche Summe gab es früher schon einmal einen RAV4 - freilich in guter alter D-Mark.

Text: F.A.Z., 22.08.2006, Nr. 194 / Seite T3
Bildmaterial: F.A.Z., Toyota

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