Von Boris Schmidt
17. Januar 2007 Die britische Automobilindustrie wird oft unterschätzt, zu gern wird über ihren Niedergang schwadroniert. Dabei sind Autos Made in Britain auch im Jahr 2007 viel mehr als nur Auslaufmodelle. Mit knapp zwei Millionen produzierten Fahrzeugen im Jahr liegt das Königreich in Europa nach Deutschland, Frankreich und Spanien an vierter Stelle.
Und es sind beileibe nicht nur die Werke japanischer Hersteller (Nissan, Toyota und Honda), die gut 220.000 Menschen Lohn und Brot geben: Mini und Land Rover halten den Union Jack besonders stolz in den Wind, rund 200.000 Einheiten des kultigen Kleinwagen-Klassikers purzelten in Oxford 2006 vom Band, und in Solihull wurden kaum weniger Land Rover für die Straßen und Savannen dieser Welt gebaut. Jaguar fällt hingegen mit zirka 150.000 Autos etwas ab. (Dass Jaguar und Land Rover zu Ford, Mini zu BMW und - nicht zu vergessen - Bentley zu VW und Rolls-Royce wiederum zu BMW gehören, lassen wir jetzt mal außer Acht.)
In der Heimat kultisch verehrt
Die Lust am aufrechten Gang hat Land Rover schon immer vermarktet. Aber jetzt sorgen neue Modelle auch für neue Kunden: Land Rover hat 2005 und 2006 zwei Rekordjahre hintereinander hingelegt. Mit über 190.000 Geländewagen war 2006 um 4 Prozent besser als 2005. Die Chancen stehen gut, dass es 2007 zum ersten Mal in der Markengeschichte mehr als 200.000 neue Autos mit dem grünen Oval geben wird, kommt doch im März der neue Freelander auf den Markt, und im Sommer wird Marken-Urvater Defender zum letzten Mal in seiner langen Laufzeit mit einem neuen Motor (2,4-Liter-Diesel, von Ford) und einem modernen Armaturenbrett aufgefrischt. Noch bis 2010 wird der Defender wohl gebaut werden, ehe er von einem völlig neu konstruierten Modell abgelöst wird.
Damit erreicht der Traditionalist eine Produktionszeit, die jene des VW Käfers übertrifft, und obwohl er von der aktuellen Stückzahl hinter den übrigen Modellen zurückbleibt, ist er für das Wohl und Wehe der Briten unerlässlich. Er ist der beste und unverwechselbare Werbeträger für die Marke: Wer Land Rover hört, denkt sofort an den Defender. In seiner Heimat wird er nahezu kultisch verehrt, die BBC tituliert ihn als greatest car of all times, 70 Prozent aller jemals gebauten (das sind mehr als zwei Millionen) fahren noch, und angeblich ist ein Land Rover für jeden zweiten Afrikaner das erste Auto, was er zu Gesicht bekommt.
Defender seit 1985
Warum ein so wenig perfektes Vehikel wie der Defender so heiß geliebt wird, ist für Außenstehende unverständlich. Aber man muss ihn einfach gern haben. Er ist der erste Geländewagen, der nicht fürs Militär, sondern für die Landwirtschaft gemacht wurde. Mit seinem Schuhkarton-Design sieht er so aus, wie jedes kleine Kind ein Auto malt, gleichzeitig wirkt er unglaublich rustikal. Nichts hält mich auf, teilt er seinem Fahrer mit. Verzichtet werden muss auf Komfort, passive Sicherheit, hohe Endgeschwindigkeit oder einen sparsamen Umgang mit Kraftstoff.
Doch spätestens jetzt kommen die anderen Land Rover ins Spiel. Sie können alles besser als der Defender, sind sicher, modern und schnell. In schönen Abständen ist die Familie von einem auf jetzt fünf Mitglieder gewachsen. 1970 kam der Range Rover, 1989 folgte der Discovery, 1997 der Freelander und 2005 der Range Rover Sport. Den Beinamen Defender trägt das Urmodell seit 1985.
Zu groß, zu mächtig und zu teuer
Während das Entstehen von Land und Range Rover mehr oder weniger zufällig war und vom Handeln einzelner Personen abhing, waren und sind die späteren Produkte unternehmerische Entscheidungen, die sich an den Bedürfnissen des Marktes orientierten. Der Discovery war die Antwort auf die japanische Geländewagen-Offensive und schloss die riesige Lücke zwischen Range und Defender. Der Freelander wiederum war eines der ersten SUVs moderner Prägung und der erste Land Rover mit selbsttragender Karosserie sowie Einzelradaufhängung. Er führte die Marke in die Reichweite der Familie.
Der Range Rover Sport schließlich, der technisch auf dem Discovery 3 basiert, trifft trotz aller Geländetauglichkeit das Herz der Kunden, die ein eher sanftes und dynamisches Sports Utility Vehicle suchen. Nicht nur in Amerika ist der kleine Range Rover ein Renner. Wieder lag man in Solihull mit einer Produktentscheidung goldrichtig, denn der eigentliche Range Rover, der im Januar 2002 erneuert und auf den aktuellen Stand der Technik gebracht worden war, tut zwar gleichfalls viel fürs Image der Marke, ist aber mit seinem 5-Meter-Kastenformat bei fast zwei Meter Höhe inzwischen eine Spur zu groß und zu mächtig - und auch für viele Kunden preislich sehr weit entrückt.
Schon lange kein billiges Vehikel für Farmer mehr
Als Sport trägt er viel weniger auf, und er ist dank gleicher Motoren schneller und agiler. Ein kompressorgestärkter V8-Motor macht den kleinen Range zum schnellsten Land Rover aller Zeiten (225 km/h). Für Diesel-Fans hat man zudem seit kurzem einen eigenentwickelten V8 parat, der aus 3,6 Liter Hubraum imposante 640 Newtonmeter Drehmoment und 272 PS holt. Dieses mächtige Triebwerk bleibt den Range-Modellen vorenthalten, es soll auch an anderer Stelle im Konzern nicht zum Einsatz kommen.
Die Preisspanne beim Edel-Land- Rover beläuft sich inzwischen von 54.200 Euro für den Sport mit dem 2,7-Liter-Turbodiesel bis auf 107.500 Euro für den großen Range in der üppigen Vogue-Ausstattung. Ein Land Rover ist also schon lange kein einfaches, billiges Vehikel für den Farmer mehr, zumal der ebenfalls nicht klein geratene Discovery nicht unter 40.300 Euro zu bekommen ist und der neue Freelander zu Preisen ab 30.900 Euro startet. Auch den puristischsten aller Defender, den mit drei Sitzplätzen vorn und dem Softtop über der kurzen Ladefläche - so kam das Urmodell 1948 zur Welt -, gibt es nicht für kleines Geld. Er kostet immerhin 24.000 Euro.
Gesund und putzmunter
Dass man trotz selbstbewusster Preise - Land Rover wird von Ford als Premium-Marke verstanden - im Markt bestehen kann, zeigt der Aufschwung, den man gerade nimmt. Und auch dem neuen Freelander kann eine große Zukunft vorausgesagt werden. Vom Design her wirkt er wie ein kleiner Range Rover, und mit einem 2,2-Liter-Dieselaggregat ist ein Motor im Programm, der sparsam mit dem so teuer gewordenen Kraftstoff umgeht. Gegenüber dem Vorgängermodell wirkt der Neuling im Innenraum deutlich wertvoller. Auch das Platzangebot des Viertürers hat zugelegt. Außerdem hat er wie seine großen Brüder das Terrain Response System, mit dem der permanente Allradantrieb je nach Untergrund (manuell einzustellen) elektronisch geregelt wird. Dass die Geländeuntersetzung fehlt, fällt nicht ins Gewicht.
Mit dem neuen Freelander dürften auch die Verkäufe in Deutschland wieder anziehen, denn hierzulande tut man sich schwer. Knapp 7000 Neuzulassungen 2006 sind ein Minus von rund 1,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Dass Land Rover gesund und putzmunter (alive and kicking) ist, hat sich hier offenbar aufgrund deutscher Konkurrenz (Audi Q7, BMW X5, Mercedes ML, Porsche Cayenne, VW Touareg) noch nicht ausreichend herumgesprochen.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 14.01.2007, Nr. 2 / Seite V9
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