Von Boris Schmidt
28. Dezember 2006 Das Autojahr 2006 war aus deutscher Sicht keines wie jedes andere. Zum ersten Mal schmückten sich viele, viele Vehikel Mitte des Jahres mit Fähnchen, meist schwarzrotgold, aber am Ende triumphierte Grün-Weiß-Rot. Schwamm drüber. Und zum letzten Mal galt ein Mehrwertsteuersatz von 16 Prozent, was zum Jahresende einen deutlichen Kaufanstieg brachte und verkaufstechnisch den besten November aller Zeiten. Wahrscheinlich folgt noch der beste Dezember. Von nächster Woche an werden Autos abermals teurer, wobei Experten eine weitere Erosion der Listenpreise erwarten. Dennoch kosten neue Autos inzwischen selbst mit dem größten Nachlaß empfindlich viel Geld.
Darüber klagen wir seit Jahren regelmäßig und vergessen, daß Autos heute um Längen besser sind als früher. Vor 30 Jahren wäre heutige Technik, genannt seien nur ABS, ESP, Airbags, Katalysator oder Navigation, schlicht unbezahlbar gewesen. Und die Autos 2006 fahren nicht nur besser, sicherer und schneller als 1976, sie haben zudem eine wesentlich höhere Langzeitqualität, sprich, sie gehen viel weniger kaputt. Das mag der eine oder andere nicht glauben, aber es ist eine erwiesene Tatsache. Ein Ölwechsel alle 5000 Kilometer gehört längst der Vergangenheit an, der neue Opel Corsa muß alle 30 000 Kilometer zur Wartung. Nur weil sonst die Werkstätten gar nichts mehr zu tun hätten, ist ein jährliches Intervall vorgeschrieben.
Warum hat man es gekauft?
Für diese Redaktion, die sich schon seit Ende der sechziger Jahre systematisch mit den automobilen Neuheiten befaßt - und mit Motorrädern, Wohnmobilen, Booten, Flugzeugen, Fahrrädern und Wohnwagen -, wird die Arbeit durch immer bessere Autos nicht leichter. Im Gegenteil. Immer schwieriger wird es, funktionale Unterschiede zwischen den einzelnen Modellen der Automarken herauszufiltern, immer mehr Gewicht bekommt das Fühlen - wie faßt sich ein Auto an, wie wirkt es auf seinen Piloten und seine Crew, welche Botschaft transportiert es, kann man sich darin sehen lassen, oder muß man sich ständig rechtfertigen, warum man es gekauft hat?
Bei der Auswahl der Fahrzeuge, die mit großen oder kleineren Fahrtberichten in dieser Zeitung gewürdigt werden, geht die Redaktion selbstverständlich nicht willkürlich vor, sondern gewichtet in der Regel nach Marktpräsenz und Nachrichtenwert. Vereinfacht gesagt: Wenn der neue VW Golf erscheint, muß alsbald ein großer Fahrtbericht ins Blatt. Die wichtigsten Autos rasch sofort nach ihrem Debüt in den Fuhrpark zu holen, ist nicht einfach, aber es gelingt uns meistens. Daß auch einmal ein Rolls-Royce Phantom gefahren werden darf, sei dem übergeordneten Interesse an der Marke geschuldet. 385 000 Euro sind ein schönes Sümmchen, aber mitunter liest man sich vielleicht auch gern in einen unerschwinglichen Wagen hinein. Und wer ihn kaufen will, darf erfahren, was wir von ihm halten.
Vor unserer Liebe sind alle Autos gleich
Ein Rolls-Royce kann zu den Höhepunkten eines redaktionellen Autojahres zählen, aber vor unserer Liebe zum Auto sind alle gleich. Er ist eine Ausnahme wie Porsche Carrera GT oder Ferrari Scaglietti, die wir für die Serie "Im Grenzbereich" aus anderem Blickwinkel betrachteten. Der Alltag ist Kia Picanto, Renault Clio und VW Jetta, gewürzt mit Porsche Cayman, BMW Z4 und Audi TT Coupé. Zugegeben, Autos mit Erlebnisanspruch fahren wir ein wenig öfter als jene, bei denen es wirklich nur um das Fahren von A nach B geht. Aber auch das kann seinen Reiz haben. Mehr als 100 Fahrtberichte sind im vergangenen Jahr in "Technik und Motor" erschienen, dazu erprobte die Redaktion 26 Motorräder, fünf Motorroller, bewegte sechs Reisemobile und nahm fünf Caravans an den Haken. Stets versuchen wir dabei, Stärken und Schwächen der Probanden im Alltagseinsatz zu ergründen; als Faustregel gilt bei den Autos eine zurückzulegende Distanz von 2000 Kilometer, die fast immer eingehalten wird. Ein bestimmte Runde im Taunus fahren wir mit jedem Wagen.
Daß hinsichtlich der Herkunft der Fahrzeuge nicht ganz die Marktverhältnisse abgebildet werden, sei verziehen, sonst müßten zwei Drittel der Testwagen aus deutschen Landen kommen. So aber sind Audi, BMW und Co. mit einem Anteil von knapp 40 Prozent vertreten. Bei den großen Fahrtberichten waren nur 14 von 51 Artikeln Fahrzeugen aus Deutschland gewidmet. Daß danach 13 Fahrzeuge japanischer Provenienz kommen, ist zwar auch Zufall, zeigt aber, welches Gewicht sich die Autos aus dem Land der aufgehenden Sonne in nun gut 30 Jahren erarbeitet haben. Zudem werden die koreanischen Beiträge zur Mobilität immer wichtiger, mit fünf großen Fahrtberichten lagen sie noch vor den Herstellern aus Frankreich (4).
Ein Jahr des Innehaltens
Allgemein war das Autojahr 2006 ein wenig ein Jahr des Innehaltens, wie fast immer, wenn keine Internationale Automobil-Ausstellung in Frankfurt ansteht. Die ganz große, wichtige innovative Neuheit fehlte, und der Mercedes-Benz S 500 (7. Februar) schwappte noch von 2005 herüber. Von übergeordneter Bedeutung in unserer Fahrtbericht-Flotte waren Audi Q7 und TT, der Fiat Grande Punto, der Ford S-Max (als Auto des Jahres), der Honda Civic, der mit seinen futuristischen Formen in jedem Science-fiction-Film mitmachen könnte, der Mazda MX-5, der Porsche Cayman, der Skoda Roomster, der Opel Astra Twin Top und der VW Eos. Vergangene Woche durfte noch der neue Opel Corsa zeigen, was er kann. Diese Autos sind für die jeweiligen Marken wichtige Imageträger und Umsatzbringer. Der Roomster von Skoda geht wie der Civic in der Formensprache neue Wege, die Stahldach-Kabrios Astra Twin Top und Eos stehen für eine technische Entwicklung, die längst das gesamte Kabrio-Wesen erfaßt hat. Auch der neue Roadster MX-5, mit dem Mazda die Renaissance der sportlich-kleinen Zweisitzer Ende der achtziger Jahre einläutete, ist jetzt mit festem Dach im Angebot (Fahrtbericht demnächst). 2007 bekommt auch das BMW-3er-Cabriolet ein festes Klappdach.
Wenn halb Europa Diesel fährt, kann sich die Redaktion dieser Entwicklung nicht entziehen. Rund 40 Prozent der bewegten Autos waren Selbstzünder (so hoch ist inzwischen der Anteil bei den Neuzulassungen), und in dieser Gruppe sind auch die sparsamsten Autos zu finden. Nur 6 Liter auf 100 Kilometer benötigte der Toyota Yaris, bei 6,2 Liter landeten der Peugeot 207 und der Skoda Roomster, bei 6,4 der Fiat Grande Punto. Wie sparsam Riesen mit Diesel sind, zeigten der BMW 745d mit 10,6 Liter und der Mercedes-Benz S 320 CDI, der nur 9,6 Liter auf 100 Kilometer benötigte. Den Verbrauchs-Vogel schoß der Porsche Cayenne Turbo S ab: 19,7 Liter Super. Da war der Rolls mit seinen 15,9 Liter vergleichsweise sparsam.
So schließt sich das Autojahr 2006, und wir freuen uns schon auf 2007 und den neuen Audi A4, die neue C-Klasse von Mercedes-Benz, den neuen Ford Mondeo und den neuen Opel Vectra. Es kommen zudem: Toyota Auris, Fiat Bravo, Renault Twingo und viele, viele andere (siehe Motormarkt vom kommenden Samstag). Keine Frage, uns (und hoffentlich auch unseren Lesern) wird es nicht langweilig.
Text: F.A.Z., 27.12.2006, Nr. 300 / Seite T3
Bildmaterial: AFP