NSU Sport Prinz Coupé

Der Prinz für kleine Fluchten aus dem grauen Alltag

Von Dieter Günther

Der schmucke NSU Sport Prinz Coupé gilt schnell als “Facharbeiterporsche“

Der schmucke NSU Sport Prinz Coupé gilt schnell als "Facharbeiterporsche"

09. September 2008 Erst die Pflicht, dann die Kür. Nach jahrzehntelanger Auto-Abstinenz verblüffen die NSU Werke Neckarsulm im September 1957 mit dem Prinz, einer kleinen Limousine von kerniger Wesensart und freundlicher Erscheinung. Gelungen, mehr nicht. Aber dann! Nur ein Jahr später heißt es Tusch und Applaus für das NSU Sport Prinz Coupé, einen bildhübschen Zweisitzer mit lichtem Pavillon und sanft abfallender Dachpartie. Ein Sympathieträger! Die juristische Vaterschaft an seiner romantischen Linienführung beansprucht, völlig einwandfrei, Carrozzeria Bertone für sich; aber es war Franco Scaglione, Chef-Designer des nahe Turin gelegenen Karosseriebetriebs, der den kleinen Schönling aus Neckarsulm modellierte.

Technisch basiert der leistungsgesteigerte Sport Prinz auf der Limousine. So rumort nun ein luftgekühlter Zweizylinder-Viertakter unter seiner Heckklappe, ein von Schubstangen und einer obenliegenden Nockenwelle gesteuerter Parallel-Twin, der aus knapp 600 ccm Hubraum 30 PS (statt 20 bei der Limousine) holt. Verblockt mit Vierganggetriebe und Differential, entspricht der Zweitakter „in seiner Grundhaltung dem vielfach bewährten Motor der NSU Max“, einem Motorrad, schreibt Redakteur Hugo Seib vor einem halben Jahrhundert in dieser Zeitung. Eine Vorderradaufhängung an Querlenkern, hintere Pendelachse sowie Trommelbremsen, 12-Volt-Anlage und selbsttragende Karosserie bestätigen den Eindruck gehobener Technik. Was sich in Testberichten nur bedingt niederschlägt.

Ein Ja zur Mobilität: Das praktische Coupé mit viel Platz für zwei

Ein Ja zur Mobilität: Das praktische Coupé mit viel Platz für zwei

Straßenlage, Handlichkeit und das geräumige, helle Cockpit mit halbrundem Tacho und Knüppelschaltung werden gelobt, die enttäuschende Verarbeitung der bei Bertone nicht nur entworfenen, sondern auch gebauten Karosserie moniert. Größter Schwachpunkt aber ist die mangelnde Fahrkultur - schicke Schale, rauher Kern - des kleinen Coupés. Auch Tempo 130, wie versprochen, sind nicht drin, der Tatendrang des Sport Prinz endet bei gut 120 km/h; Werksangaben erweisen sich eben gern als allzu optimistisch. Dass Prinz und Sport Prinz aber durchaus sportliche Gene in sich tragen, belegen Rallyes, Berg- und Rundstreckenrennen. In der Kategorie „Tourenwagen bis 600 ccm Hubraum“ am Start, hat die Prinzengarde oft genug die Nase vorn.

Trumpf im Ärmel: den Wankel-Motor

Die von Hugo Seib ausgemachte Nähe zum Max-Motor kommt nicht von ungefähr, NSU ist Mitte der fünfziger Jahre einer der weltgrößten Motorrad-Produzenten. Aber das Fundament des Erfolgs bröckelt. Motorräder - damals noch keine Lustobjekte mit Saisonkennzeichen, sondern Gebrauchsartikel - verkaufen sich zunehmend schlechter. NSU reagiert und versucht sich 1953/54 an der Max-Kabine, legt dies untaugliche Dreirad-Projekt aber schnell zu den Akten. Stattdessen schlägt die Stunde des intern A 602 genannten Prinz, der sich zügig zur Serienreife entwickelt und 1957 debütiert. NSU hat einen weiteren Trumpf im Ärmel: den Wankel-Motor. Die Lizenznehmer stehen Schlange, was den Aktienkurs in lichte Höhen treibt: Dümpelte das NSU-Papier 1957 bei 124 Mark, so steht es drei Jahre später bei 2995 Mark. Nicht nur bei Großaktionären knallen die Korken.

„Fahre Prinz und Du bist König“, lautet augenzwinkernd die NSU-Werbung. Was zumindest für alle, die vorher auf zwei Rädern unterwegs waren, zutrifft. Erfreulich, dass der Griff nach der Krone immer leichter fällt: Von 6550 Mark sinkt der Preis des Sport Prinz schrittweise bis auf 5135 Mark im April 1965 - herrliche Zeiten! Vielleicht ist dies die Reaktion auf das BMW 700 Coupé, das ein paar Monate nach dem Sport Prinz die Arena betritt und 5300 Mark kostet (später klettert der Preis um 200 Mark). Um neben dem schnörkellosen, beinahe ehrfürchtig „Facharbeiter-Porsche“ genannten BMW zu bestehen, vermarktet NSU den verspielter geformten Sport Prinz zunehmend als Zweitwagen für die elegante Dame - auf dessen knapper Rückbank sich Kinder, der Pudel des Hauses oder die Wochenendeinkäufe problemlos unterbringen lassen. Statt Fernweh mit großem Gepäck transportiert der Sport Prinz nun Suppengrün und deutsche Markenbutter, schade eigentlich. Damit Madame gern hinter dem anfangs hellen, später schwarzen Lenkrad Platz nimmt, betreibt NSU Modellpflege und spendiert im September 1960 eine bessere Heizanlage, ein überarbeitetes Fahrwerk und neue Sitze.

Frischzellenkur für Sport Prinz

Im Jahr darauf debütiert der Prinz IV mit laufruhigerem Triebwerk, das mit unverändert 30 PS bei minimal erhöhtem Hubraum auch im Sport Prinz zum Zuge kommt. Neben einer leichtgängigeren Kupplung für mehr Bedienungskomfort werten Rundinstrumente das Cockpit auf. Auch die Verarbeitungsqualität steigt: Spätestens ab Juni 1962 (die Quellen sind sich da nicht einig) fertigt das Karosseriewerk Drauz in Heilbronn, seit 1965 vollständig in NSU-Besitz, die Sport-Prinz-Hülle.

Unterdessen hat Bertone gleich zwei Prototypen verwirklicht, 1959 eine viersitzige Limousine (NSU sagt höflich „nein danke“ und verpasst dem Prinz IV ein „hausgemachtes“ Kleid), dann, 1960, eine sportliche Offen-Version, die 1963 als NSU Wankel Spider zu rauschenden Ehren kommt - als erstes Serienauto der Welt mit Wankelmotor. Aber das ist eine andere Geschichte . . . Spätestens nach seiner Frischzellenkur erfreut der Sport Prinz, der seit Ende 1964 mit ATE-Scheibenbremsen vorn verzögert, als liebenswertes kleines Auto, das eine Menge Fahrspaß vermittelt und sich noch immer sehen lassen kann. So führt er ein langes, über achtjähriges Autoleben, das erst im Juni 1967 endet, nach 20.831 Exemplaren (von denen 18.116 bei Drauz und 2715 bei Carrozzeria Bertone entstehen).

“Fahre Prinz und du bist König“, heißt es in der zeitgenössischen Werbung

"Fahre Prinz und du bist König", heißt es in der zeitgenössischen Werbung

Heute, 40 Jahre später, gehört der Sport Prinz zu den fast „vergessenen“ Schöpfungen der fünfziger Jahre, verehrt allenfalls von einer kleinen Schar von Anhängern. Oder doch nicht? Wer im „Design Lexikon Deutschland“ (Köln 2000) blättert, stößt auf Bauhaus-Klassiker wie die Tischlampe von Wilhelm Wagenfeld und Karl Jucker, auf Marcel Breuers Stahlrohrsessel „Wassily“ oder auf den von Hans Gugelot und Dieter Rams 1956 entworfenen Braun Phonosuper SK 4, eine salopp „Schneewittchensarg“ genannte Radio-Plattenspieler-Einheit. Das Sport Prinz Coupé gibt sich ebenfalls die Ehre, hat sich keck unter Design-Ikonen wie NSU Ro 80 oder Porsche 911 gemischt. Na bitte! Mochte sein noch immer bildhübsches Gewand stilistisch weder nachhaltig, prägend oder gar bahnbrechend gewesen sein - allein hier aufgeführt zu werden, an berufener Stelle und in bester Gesellschaft, verdient Anerkennung.

Text: F.A.S.
Bildmaterial: Archiv Dieter Günther

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