Von Boris Schmidt
17. Juli 2005 Es gibt kaum eine Facette des öffentlichen Lebens, über die sie sich noch nicht ihre Gedanken gemacht hat: Elisabeth Noelle ist die Grande Dame der deutschen Meinungsforschung, und vieles ist in den bisher 88 Jahren ihres bewegten Lebens von ihr und über sie geschrieben worden, nur ihre Liebe zum Automobil blühte bisher etwas im verborgenen.
Dabei hat sie schon 1935, mit 18 Jahren, in ihrer Geburtsstadt Berlin den Führerschein gemacht, auf einem DKW mit Holzboden, sie erinnere sich genau, sagt sie heute. Das Auto war für die aufstrebende junge Dame ein selbstverständlicher Gegenstand. Ihre Eltern waren wohlhabend, sie hatten stets einen großen Fuhrpark nebst Chauffeur. Bewegt wurden Automobile mit klangvollen Namen: Brennabor, Horch oder Packard. Auch ihre Mutter fuhr selbst, meist den Horch.
Frühe Liebe zum Automobil
Aus heutiger Sicht war die junge Elisabeth Noelle eine "Emanze", sie tut Dinge, die für junge Frauen zumindest ungewöhnlich waren. Sie fährt Auto, studiert in Berlin bei Emil Dovifat Zeitungswissenschaft und schreibt ihre Doktorarbeit über Meinungsforschung in den Vereinigten Staaten von Amerika. Nach der Recherche vor Ort macht sie eine Weltreise, später wird sie Redakteurin, zuletzt bei der "Frankfurter Zeitung", dort ist sie die erste Frau in der Redaktion. Kurze Zeit später wird das Blatt von Hitler verboten. 1947 gründet sie zusammen mit ihrem damaligen frisch angetrauten Ehemann und Journalisten Peter Neumann (den Doppelnamen, unter dem sie bekannt und berühmt wurde, benutzt sie seit drei Jahren nicht mehr) das Institut für Demoskopie in Allensbach. Das kleine Dorf am Bodensee war damals ihr Zuhause, und die französische Besatzungsmacht suchte jemanden, der Umfragen unter Jugendlichen organisieren konnte. Noelle-Neumann konnte und wollte.
Noch heute lenkt sie die Geschicke des "Instituts für Demoskopie" in Allensbach, seit 1988 zusammen mit Renate Köcher. Das Institut selbst hat sie 1996 in eine selbständige Stiftung verwandelt. Daß die Meinungsforscherin auch noch mit 88 Jahren vor Ideen, Tatendrang und Forschergeist strotzt, konnte sie im März bei Sandra Maischberger im Fernsehen zeigen. Sie würde auch noch Auto fahren, wenn eine Augenoperation vor fünf Jahren sie nicht zum Aufgeben gezwungen hätte.
Mit dem Karmann Ghia durch Amerika

Nicht irgendeine Nummer: CH steht für die Schweiz, und 19 war schon immer die Glückszahl der Professorin.
Zwar hatte die erfolgreiche Wissenschaftlerin, die neben ihrem "privaten" Institut als leitende Professorin das Institut für Publizistik an der Gutenberg-Universität in Mainz aufgebaut hat, schon früh einen Chauffeur - schließlich kann nur der, der nicht fährt, auch im Auto arbeiten. Doch das eigene Auto war ihr immer wichtig, in den sechziger Jahren fuhr sie VW Käfer Cabriolet, ihre große Liebe galt und gilt aber dem VW Karmann Ghia. In dieses Auto hat sie sich regelrecht verguckt, und sie läßt nichts auf es kommen. Während einer Amerika-Reise begleitete sie ein Karmann Ghia durch 40 von 50 Bundesstaaten.
Symbol des Wirtschaftswunders
"Er unterscheidet sich von allen anderen Wagen dadurch, daß er so elegant ist", doziert Frau Professor. "Er ist ein Wagen von unerschöpflicher Jugend", lobt sie das Coupe, das von 1955 bis 1974 gebaut wurde und als Symbol des Wirtschaftswunders gilt. Die Professorin hätte sich in den sechziger Jahren anderes leisten können, aber es mußte der kleine Karmann sein mit seiner klassenlosen Eleganz. Gleich drei davon waren einst in ihrem Besitz. Einer stand in Mainz, einer in Allensbach und einer in ihrem Tessiner Ferienhaus. Der Mainzer Wagen ist inzwischen verkauft, der Tessiner wurde von einem Mitarbeiter zu Schrott gefahren, als dieser ihn an den Bodensee fahren sollte. Nur der Allensbach-Karmann lebt noch. Als ihr jetziger Chauffeur der Professorin nahelegte, den Wagen doch zu verkaufen, da sie nicht mehr selbst fahre, hieß die Antwort schlicht, aber bestimmend: "Der Wagen wird nicht verkauft, auf gar keinen Fall."
Coupé im Originalzustand
Es ist ein grüner Karmann aus der vorletzten Serie mit 1,6-Liter-Motor (50 PS), Erstzulassung 1971. Listenpreis damals: 8490 Mark. Die Laufleistung beträgt 28500 Kilometer. Das ist wenig für ein 34 Jahre altes Auto, erklärt sich aber aus den zwei "Konkurrenten", und lange Strecken wurden damit nie gefahren. Meist ging es vom Seeweg in Allensbach (es ist immer noch das gleiche Haus wie 1947) ins nahe Institut. Seitdem Noelle nicht mehr selbst am Lenkrad sitzt, läßt sie sich einmal im Jahr um den Bodensee fahren, dabei steigt sie in das flache Coupe ein und aus wie ein junges Mädchen. Ein Mitarbeiter aus dem Institut (der Sohn ihres ersten Chauffeurs) kümmert sich um das Auto, das noch im Originalzustand ist. "2001 hat mich Frau Professor angerufen, ich solle jetzt die historische Zulassung erledigen", erzählt er. "Ich war baff, daß sie das wußte."
50 Jahre Karmann
Für die Ausfahrt 2005 hat Karmann aus Osnabrück in Form eines weißen Cabriolets einen standesgemäßen Begleiter geschickt. Schließlich wird der Karmann dieses Jahr 50, und das Modell ist das einzige Serienauto, das offiziell den Namen des Traditionsunternehmens trägt. Damals wie heute entstehen in Osnabrück Autos (meist offene) im Auftrag der jeweiligen Hersteller. Die Grundidee zum Coupe auf Käfer-Basis stammt von Wilhelm Karmann II, der das noch mit Käfer-Vater Ferry Porsche ausgeheckt hatte. Nach dem Krieg entwarf Luigi Segre (von der Carrozzeria Ghia, Italien), der mit Karmann freundschaftlich verbunden war, ein entsprechendes Auto, das letztlich Gefallen beim damaligen VW-Chef Nordhoff fand. Am 14.Juli vor 50 Jahren wurde der VW Karmann-Ghia in Osnabrück offiziell der Presse vorgestellt. Zwei Jahre später kam das Cabriolet auf den Markt. Bis 1974 entstanden 486374 Fahrzeuge (inklusive der "Karmänner", die auf dem VW 1500/1600 basierten und von 1961 bis 1969 gebauten wurden).
In der Modellgeschichte von Volkswagen nimmt der Karmann Ghia hinsichtlich der Bedeutung gleichauf mit dem Bus hinter dem Käfer den zweiten Platz ein. Noch heute kennt fast jeder das Auto, und viele Fans hegen und pflegen ihn. Da es sowohl vom Bus als auch vom Käfer inzwischen Neuausgaben gibt, läge es doch nahe, auch dem Coupe einen modernen Nachfolger zu geben.
Während der Mittagspause auf der Bodensee-Tour fachsimpelt Elisabeth Noelle mit dem Karmann-Pressesprecher Christian Eick über dieses Thema. "Ein neuer Karmann?" Frau Professor guckt etwas ungläubig. "Quatsch, besser geht es doch gar nicht", sagt sie etwas unwirsch und beendet die Diskussion. Später führt die Strecke am Internat Salem vorbei, hier hat die kleine Elisabeth in den zwanziger Jahren einen Teil ihrer Schulzeit verbracht und damals beschlossen, am Bodensee seßhaft zu werden. Die Ausfahrt endet im Seeweg in Allensbach. Der Karmann kommt an seinen Platz unter einem offenen Carport. Wie seit 34 Jahren.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 10.07.2005, Nr. 27 / Seite V9
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