Navigationssysteme

Gute Führungsqualitäten sind leider nicht selbstverständlich

Von Michael Spehr

21. November 2006 Fünf Wochen quer durch Europa: Ziele in der Großstadt ansteuern, komplizierte Einbahnstraßenregelungen beachten und dann auch noch Restaurants und Parkplätze finden. Kein einfacher Job für den Kopiloten. Wir hatten den TS 6000 T von Navigon im Einsatz - und waren sehr zufrieden. Der Apparat unter der Windschutzscheibe warnte vor Geschwindigkeitsüberschreitungen in der Stadt, und auf langen Autobahnfahrten zeigte er das aktuelle Tempolimit. Der Fahrspurassistent war eine große Hilfe, und die wegweisenden Ansagen kamen stets zum richtigen Zeitpunkt.

Aber nicht nur das: Im Unterschied zu allen anderen bislang ausprobierten Navis unter der Windschutzscheibe arbeitete TS 6000 äußerst zuverlässig im Dauerbetrieb. Aussetzer bei schlechtem Satellitenempfang kamen de facto nicht vor. Nur muß man Geduld mit ihm haben. Nach dem Einschalten braucht der Navigon etliche Sekunden bis zur Entgegennahme der Befehle, und die Routenberechnung zum Ziel dauert entsetzlich lange. Trotzdem gibt es nach Tausenden von Kilometern eine klare Kaufempfehlung und eine Frage: Warum für das fest eingebaute Navi-System ab Werk 2000 bis 3000 Euro zahlen, wenn es schon für rund 300 Euro eine verflixt gute Alternative gibt?

GPS-Empfänger meist nicht im Gerät eingebaut

Der Markt für die portablen Navis explodiert geradezu. 2005 wurden 2,3 Millionen Geräte in Deutschland verkauft, in diesem Jahr werden es nach ersten Schätzungen mehr als 3 Millionen sein. Marktführer ist Navigon, gefolgt von Tomtom, Falk und Map & Guide. Machen die kleinen Knubbel den Festeinbau überflüssig? Wie gut sind die Geräte, und worauf muß man achten? Wir haben uns einige Produkte angesehen und vor allem im Dauerbetrieb ausprobiert. Im folgenden geht es nur um portable Navis für die Windschutzscheibe. Fest eingebaute Nachrüstlösungen hatten wir hier am 28. Juni 2005 vorgestellt, und die Handy-Navigation bleibt einem weiteren Artikel vorbehalten.

Die PNAs laufen auch unter dem Namen „Plug & Play“-Navigation, und damit ist die Sache schon auf den Punkt gebracht: Sie dienen ausschließlich der Navigation und sind nach dem Auspacken einsatzbereit. Das unterscheidet sie von PDA-Navigationssystemen: Hier erhält man einen vollwertigen Taschencomputer mit dazu, der sich auch für die Verwaltung von Adressen und Terminen eignet. Die Navigation ist Zusatzsoftware, und häufig, etwa bei Aldi, werden Hard- und Software zusammen verkauft. Allerdings ist der GPS-Empfänger meist nicht im Gerät eingebaut, sondern ein kleines Kästchen, das zusätzlich unter der Windschutzscheibe zu verstauen ist.

PDA als individuelles System für Computer-Freaks

Die Vorzüge beider Geräteklassen sind auf den ersten Blick ersichtlich: Dank kompakter Bauform - typische Maße sind 12 × 7 × 2 Zentimeter oder kleiner - läßt sich der Apparat schnell im Auto anbringen. Braucht die Tochter am Wochenende den Kopiloten, nimmt sie ihn einfach in ihr Fahrzeug mit. Auch der günstige Preis lockt: Schon von 250 Euro an erhält man einen PNA, und wer bereits einen Taschencomputer besitzt, kann Navi-Software und GPS-Empfänger von 100 Euro an dazukaufen. Die PDA-Lösungen bieten mehr Flexibilität und Vielfalt: Gefällt die Software nicht, läßt sie sich austauschen. Und zudem kann man ohnehin vorhandene Adressen im Taschencomputer flink als Navi-Ziel programmieren.

Weiterhin gibt es die Möglichkeit, bestimmte Sonderziele via Internet nachzuladen. Dazu gehören auch Datenbanken über Unfallschwerpunkte mit Geschwindigkeitsmeßanlagen. Die Nachteile der PDAs: Man muß Software und Kartenmaterial selbst am PC installieren, häufig gibt es eine Zwangsregistrierung via Internet. Das Ganze kann also kompliziert werden. Neben dem Stromversorgungskabel vom Zigarettenanzünder zum mobilen Gerät führt ein zweites Stromkabel zum GPS-Empfänger. Sendet er seine Daten mit Bluetooth an den Taschencomputer, kann die Kopplung der beiden Partner aufwendig sein. Wer es einfach mag, wählt also einen PNA, während sich Computer-Freaks mit einem PDA ein individuelles System zusammenstellen.

Besondere Tücke bei Oberklassefahrzeugen

Bleiben wir gleich bei der Hardware: Wieviel unter der Frontscheibe zu verstauen ist, zeigen die schönen Fotos der Werbung meist nicht. Zum Gerät kommt die Saugnapfhalterung für die Scheibe und das Ladekabel zum Zigarettenanzünder. Die eingebauten Akkus halten meist nicht länger als zwei bis drei Stunden durch, der externe GPS-Empfänger läuft etwas länger. Beherrscht der Apparat die dynamische Navigation, landet auch noch eine Wurfantenne für UKW unter der Scheibe. Beim Anbringen sollte man darauf achten, daß die Anlage den Airbags nicht in die Quere kommt. Navis unter der Windschutzscheibe können bei einem Unfall gefährlich werden. Deshalb lohnt sich ein Blick auf bessere Einbaulösungen. Nachrüster wie die Arat GmbH in Stukenbrock (www.arat.de) bieten über den Fachhandel fahrzeugspezifische Halterungen an, die beschädigungsfrei an bestehende Befestigungspunkte des Armaturenbretts angeschraubt werden. Das sieht besser aus und ist sicherer.

Auch die Autohersteller reagieren auf den Boom der Nachrüst-Navis: Seat und Skoda bieten für einige Modelle passende Andockstationen. Mercedes-Benz hat eigene PNAs mit Befestigung auf der Instrumententafel im Angebot, die crashtestgeprüft sind und dieselben Anforderungen wie die ab Werk installierten Innenraumbauteile erfüllen. Was allen Routenführern fehlt, ist ein Anschluß an das Tachosignal des Fahrzeugs. Auf diese Weise können Festeinbauten auch dann navigieren, wenn das GPS-Signal kurzfristig aussetzt, etwa in einem Tunnel. Dazu später mehr. Apropos GPS: Eine weitere Tücke gibt es bei stolzen Besitzern eines Oberklassefahrzeugs. Ist die Frontscheibe mit Metall bedampft, funktioniert der GPS-Empfang nicht und man braucht einen externen Empfänger.

Minutenlang „kein GPS-Empfang“

Bei PNAs und Taschencomputern landet das Kartenmaterial der beiden Hersteller Navteq und Tele Atlas meist auf einer wechselbaren Speicherkarte. Navigatoren mit Festplatte sind nicht empfehlenswert, weil deren Lebensdauer bei der Rüttelei im Fahrzeug begrenzt ist. Einige Geräte - etwa von Sony - nutzen einen Festspeicher. Alle zwei Jahre ist die Aktualisierung der Karten erforderlich. Für diese Prozedur muß der elektronische Wegweiser an den PC angeschlossen werden, um die Daten von CD oder DVD zu kopieren. Schon beim Kauf sollte man darauf achten, wie umfangreich die elektronischen Landkarten sind: alle Straßen Deutschlands, zusätzlich die europäischen Hauptverkehrsstraßen oder gar das gesamte europäische Netz? Ist nur Deutschland verzeichnet, kauft man für den Urlaub kurzerhand eine zweite Speicherkarte mit den kartographischen Informationen des Ziellandes und wechselt an der Grenze. Am besten, einfachsten und teuersten sind Systeme mit ganz Europa auf einer 2-Gigabyte-Secure-Digitalkarte.

Bei der Inbetriebnahme eines PNAs oder Taschencomputers mit Navi-Software stellt sich oft erst einmal Enttäuschung ein: Minutenlang zeigt die Neuerwerbung „kein GPS-Empfang“. Die erste Kontaktaufnahme zu den Erdtrabanten kann durchaus etwas länger dauern und ist kein Sachmangel. Alle Systeme werden mit dem berührungsempfindlichen Bildschirm bedient. Am besten mit den Fingern. Geräte mit kleinen Sensorflächen und Stift schneiden schlechter ab. Die meisten Produkte haben noch ein paar Seitentasten für die Einstellung der Lautstärke oder die Führung „nach Hause“. Während der Fahrt zeigen die Kopiloten dann ganz unterschiedliche Qualitäten.

Zu kleine Displays, zu leise Ansagen

Der anfangs beschriebene Navigon-PNA verdient mit seinen Ansagen und den klaren Hinweisen auf dem Bildschirm ein „sehr gut“ und kann es mit jedem Festeinbau aufnehmen. Empfehlenswert sind auch die Produkte von Blaupunkt, Becker und VDO Dayton, also Unternehmen mit jahrelanger Erfahrung in diesem Bereich. Bei den Newcomern erlebt man manche Überraschung: Es hapert bei der Menügestaltung, der Eingabe des Ziels, der Anzeige während der Fahrt und den Sprachkommandos. „Nehmen Sie die Ausfahrt vor Ihnen“, sagen etwa Tomtom-Modelle, selbst wenn die zweite Ausfahrt gemeint ist. Vor allem in der Großstadt mit verwirrender Straßenführung zeigt sich, daß die jungen Unternehmen noch viel lernen müssen.

Ein weiteres Problem so gut wie aller Systeme ist die Zuverlässigkeit bei schwachem oder fehlendem GPS-Empfang. Das betrifft Fahrten im Tunnel, in der Großstadt mit Hochhäusern und unter Bäumen. Navigon-PNA ist eine löbliche Ausnahme, die meisten Kopiloten schwächeln. Einige verlieren nur ein-, zweimal in der Stunde, andere noch öfter den Kontakt zu den Satelliten und beginnen dann mit der Routenneuberechnung. Für den Vielfahrer ist deshalb ein Festeinbau die bessere Lösung. Andere Widrigkeiten der mobilen Systeme: spiegelnde, zu kleine Displays mit überfrachteten Menüs, zu leise Ansagen, lange Pausen bei der Routenberechnung oder -neuberechnung, unzureichende Streckenwahl und zuwenig Flexibilität bei der Stauumfahrung. Es gibt Kopiloten, die einen von der Autobahn holen und gleich wieder hinaufführen oder kilometerlang durch die Innenstadt führen, obwohl das Ziel in Sichtweite einer Autobahnausfahrt liegt.

Herausforderung für die Autohersteller

Dazu kommt, daß manche Hersteller das mobile Navi mit allem nur denkbaren Schnickschnack überfrachten. Da kann man sich auf dem Mini-Display Bilder anzeigen lassen oder MP3-Songs über die quäkenden Lautsprecher ausgeben. Auch die Nutzung als Handy-Freisprechanlage mit zusätzlichem Mikrofon, weiteren Kabeln und einer grottenschlechten Akustik ist vollkommen überflüssig. Sinnvolle Details neuerer Geräte sind die Anzeige der blauen Autobahnschilder mit der Originalbeschriftung und den geltenden Tempolimits sowie eine Warnfunktion bei Überschreiten der Geschwindigkeit. Auch die Fahrspuranzeige auf Autobahnen ist ein Gewinn. Sonderziele von namhaften Herstellern wie Merian, Marco Polo oder Via Michelin helfen dem Vielreisenden.

Wer eine gute dynamische Navigation „um den Stau herum“ sucht, braucht einen TMC-Pro-Empfänger. Die Verkehrsinformationen dieses kostenpflichtigen Dienstes sind deutlich besser als die unentgeltlich ausgestrahlten. TMC Pro bieten aber derzeit nur die Navigatoren von Klicktel und Destinator. Als Fußgänger- oder Fahrradnavigation eignen sich die PNAs und Taschencomputer übrigens kaum, nicht nur wegen der kurzen Akkulaufzeit. Sie kennen ausschließlich das Straßennetz für den Autoverkehr, also keine Fußgängerzonen oder den Weg entgegen der Fahrtrichtung von Einbahnstraßen. Für den Einsatz jenseits der Straße sind GPS-Handgeräte, etwa von Garmin, empfehlenswert.

Trotz dieser Einschränkungen ist die Leistung der kleinen elektronischen Helfer beeindruckend - und eine Herausforderung für die Autohersteller. Eine nackte Navi-Lösung ab Werk für 2000 Euro und mehr: Da wird über kurz oder lang der aufgeklärte Käufer eines Neuwagens den Kopf schütteln. Zuwenig Leistung für zuviel Geld. Wohin es in Zukunft geht, zeigen schon heute die hochwertigen Anlagen etwa bei Audi (MMI-System) oder Comand in der neuen S-Klasse: Hier ist die Navigation mit einem großen Bildschirm eingebunden in sämtliche Unterhaltungselektronik und Kommunikation. Es gibt ein gemeinsames Verzeichnis für Adressen und Telefonnummern, auf die alle Abteilungen zugreifen können. Und die Bedienung ist „aus einem Guß“, ohne jede Fummelei. Diesen schönen Luxus wird man sich auch weiterhin gern gönnen.



Text: F.A.Z., 21.11.2006, Nr. 271 / Seite T1
Bildmaterial: F.A.Z. - Wolfgang Eilmes, Hersteller

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