Von Henning Peitsmeier und Roland Lindner
02. Juli 2008 Der deutsche Automarkt kommt nicht in Fahrt. In den ersten sechs Monaten legten die Neuzulassungen in Deutschland zwar um 4 Prozent auf 1,63 Millionen Autos zu. Doch waren die Verkaufszahlen im Vorjahr wegen der Mehrwertsteuererhöhung sehr niedrig gewesen. Im Juni war die Steigerung mit 1 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat nur verhalten.
Dramatischer fielen die Zahlen jenseits des Atlantiks aus: In Nordamerika brachen die Absatzzahlen im Juni gegenüber dem Vorjahr nach Angaben des Marktforschungsinstituts Autodata um 18 Prozent ein. Im gesamten ersten Halbjahr schrumpften die Verkaufszahlen um 10 Prozent auf 7,4 Millionen Fahrzeuge. Setzt sich diese Entwicklung fort, wird die Branche 2008 in Amerika weniger als 15 Millionen Fahrzeuge verkaufen und damit einen Tiefpunkt in diesem Jahrzehnt erleben. In den vergangenen Jahren haben die Hersteller regelmäßig rund 17 Millionen Autos verkauft.
Besser läuft es im Ausland
In Deutschland bewertete der Verband der Automobilindustrie (VDA) das Halbjahresergebnis positiv. Wir liegen damit auf Kurs, auch wenn wir uns günstigere Rahmenbedingungen für die Inlandskonjunktur erhofft hatten, sagte VDA-Präsident Matthias Wissmann. Für das Gesamtjahr bekräftigte er seine verhaltene Erwartung von 3,2 Millionen Neuzulassungen. Im Vorjahr hatte die Autoindustrie in Deutschland lediglich 3,15 Millionen Fahrzeuge abgesetzt, so wenig wie noch nie seit der Wiedervereinigung.
Besser läuft es im Ausland. Dort konnten nahezu 2,3 Millionen Fahrzeuge abgesetzt werden, 2 Prozent mehr als vor einem Jahr. Die Produktion legte um ebenfalls 2 Prozent auf gut 3 Millionen Einheiten zu. Sorgen bereiten der Autoindustrie allerdings die Verteuerungen für Stahl, Aluminium und Kupfer. Autohersteller und -zulieferer könnten die Belastungen aus den angekündigten Preiserhöhungen nicht allein schultern, meint Wissmann. Deshalb verlangt er einen Beitrag von den Stahlkonzernen: In der automobilen Lieferkette müssen die Mehrbelastungen, die sich zwangsläufig ergeben, von allen Schultern getragen werden, auch von der Stahlindustrie.
Autos müssen für den Bürger bezahlbar sein
Der VDA hob das leichte Inlandswachstum im Halbjahr hervor, weil es trotz heftigen Gegenwinds erreicht worden sei. Tatsächlich kletterte der Preis für einen Liter Dieselkraftstoff in den vergangenen zwölf Monaten um 31 Prozent, Superbenzin verteuerte sich um 13 Prozent. Sollten die Kraftstoffpreise auf diesem Niveau verharren, ergebe sich für das Gesamtjahr ein Kaufkraftentzug von 12 Milliarden Euro gegenüber dem Vorjahr, sagte Wissmann. Angesichts hoher Mobilitätskosten forderte er die Politik abermals auf, die Autofahrer zu entlasten und die Pendlerpauschale wieder vom ersten Kilometer an zu zahlen.
Auch der Verband der Autoimporteure (VDIK) bemängelte das Fehlen staatlicher Anreize zum Umstieg auf ein abgasärmeres Neufahrzeug. Deshalb sei die private Nachfrage auch im Juni nicht angesprungen. Der Bürger kann überhaupt nicht erkennen, welche Entwicklung in den nächsten Jahren bei Energie- und Kraftfahrkosten auf ihn zukommt, sagte VDIK-Präsident Volker Lange. Der Zentralverband des Deutschen Kraftfahrzeuggewerbes (ZDK), dem mehr als 80 Prozent der Werkstätten und Autohäuser in Deutschland angehören, kritisierte die hohen Fahrzeugpreise. Autos müssen für den Bürger bezahlbar sein, sagte ZDK-Präsident Robert Rademacher. Sparsame Autos hätten selbst in Zeiten hoher Benzinpreise keine echten Marktchancen, wenn der Kunde beim Neuwagenkauf einen Aufpreis zahlen müsse, der sich nicht über die gefahrenen Kilometer amortisiere. An diesem Punkt hört die Liebe des Autofahrers zur Umwelt auf.
Chrysler will Werk schließen
In Amerika schlagen sich die Folgen der Benzinpreise schon in veränderter Nachfrage nieder: Die von den Amerikanern früher geliebten Geländewagen (SUV) und Transporter (Pick-ups) werden immer mehr zu Ladenhütern. Dagegen erfreuen sich Autos mit niedrigem Benzinverbrauch wachsender Beliebtheit. Viele Hersteller sind auf diesen Wandel aber nicht eingestellt: Sie kommen mit der Fertigung kompakter Autos nicht nach, während die Großraumfahrzeuge auf Halde produziert werden.
Besonders schlecht schnitten daher die amerikanischen Hersteller ab, deren Produktpalette von großen Autos dominiert wird: General Motors meldete für den Juni einen Absatzrückgang von 18 Prozent, bei Ford waren es 28 Prozent und bei Chrysler sogar 36 Prozent. Alle drei Hersteller wollen ihre Produktionskapazitäten deutlich reduzieren. Chrysler kündigte Anfang der Woche an, ein Werk, in dem Vans produziert werden, zu schließen.
Dramatische Absatzrückgänge
Auch der japanische Hersteller Toyota, der sich in der Vergangenheit von seinen amerikanischen Rivalen abkoppeln konnte, blieb nicht verschont und musste ein deutliches Minus von 21 Prozent hinnehmen. Toyota hat seit einiger Zeit verstärkt SUVs und Trucks im Angebot und erlebt nun ebenfalls dramatische Absatzrückgänge.
Auf der anderen Seite hat das Unternehmen Lieferengpässe bei kleineren Autos wie dem Hybridmodell Prius. Zu den wenigen Gewinnern im Juni gehörte der japanische Wettbewerber Honda, der stärker auf Personenwagen ausgerichtet ist. Auch die meisten deutschen Hersteller schnitten gut ab: Mercedes-Benz und Volkswagen hielten den Absatz gegenüber dem Vorjahr stabil, Audi schaffte ein Plus von 5 Prozent, Porsche legte um 14 Prozent zu. Nur BMW meldete einen Absatzrückgang um 11 Prozent.
Text: FAZ
Bildmaterial: ddp