28. September 2006 Mit dem vom S40/V50 abgeleiteten Typ C70, der ein Cabriolet mit klappbarem Stahldach ist, bietet Volvo jenen Stoff, aus dem die sanft-frivolen Träume vom Oben-ohne-Auto sind. Wirf dein Dach zurück, mach dein neues Glück, biet dem Wind die Stirn, hör nicht auf dein Hirn: das ist nicht der Un-, sondern der Wirrsinn, dem viele Zeitgenossen gern folgen, wenn sie zur ultimativ angesagten Musik dem Alltag begegnen und ihn dabei vergessen. Nichts scheint besser geeignet für eine Fahrt in den nächsten Sommer als ein offener Volvo, der zu den herzhaften Tugenden der Marke noch das herzliche Flimmern der dachlosen Mobilität bietet.
Für den Volvo C70 stehen drei Benzinmotoren und ein Diesel zur Wahl. Den 2,4-Liter-Fünfzylinder gibt es in zwei Leistungsstufen mit 103 kW (140 PS) und 125 kW (170 PS). Darüber rangiert der 2,5-Liter-Fünfzylinder mit Turboaufladung und 162 kW (220 PS). Auch der einzige Diesel ist ein Reihenfünfzylinder, er kommt mit 132 kW (180 PS) und überzeugt vor allem mit seinem Drehmoment von 350 Nm, das über dem des Turbo-Benziners liegt. Das wirkt wie eine wohlig-motorische Ordnung, aber nun blicken wir mal auf die das Durchzugsvermögen definierenden Drehmomentwerte bei den Benzinern: Da gibt es 220 Nm bei 4000/min, dann 230 Nm bei 4400/min und schließlich turbo-füllige 320 Nm schon bei 1500/min. Wer nun fragt, was der stärkere Sauger soll, darf keine befriedigende Antwort erwarten. Wir hoffen, dieser Motor könnte schärfer, spitzer und drehfreudiger agieren als jene Maschine, die unseren Testwagen bewegte. Die Volvo-Verantwortlichen hatten uns im Sinne des gemeinsamen Bekenntnisses zur Sparsamkeit mit dem Saugmotor versehen, aber die beste Ausstattung (Summum) anvertraut..

Drei quer zur Fahrtrichtung verlaufende Nähte scheint der Dachaufbau des C70 zu tragen, es sind die Trennungslinien zum Klappen und Verstauen. Der gesamte Vorgang der Wandlung des Coupés in ein Cabrio nimmt gut 30 Sekunden in Anspruch und wird leider begleitet von einer aufdringlichen Kakophonie aus Summen und Sirren, aus Knacken und Klacken, die zudem mit heftigen Einrasttönen und damit verbundenen Bewegungen des Wagenkörpers einhergeht. Dann ist das Dach abgelegt, und der im Vergleich zur Limousine unwesentlich längere Wagen ist offen, wie die nordischen Götter es lieben.
Eleganteste Erscheinung unter den Klappdach-Cabrios
Sowohl geschlossen als auch offen: der Volvo C70 ist die derzeit eleganteste Erscheinung unter den Klappdach-Cabrios. Seine Proportionen signalisieren spannende Harmonie, und die knapp unter der Fensterlinie verlaufende, muskulöse Gürtelwölbung zieht sich mit hoher Beschleunigung von vorn aus dem bulligen Kühlerbau rund um den Autokörper und grenzt ihn ein und ab. Das Heck ist knackig und graphisch klar, im Aussehen ist der offene Volvo ein großer Klarer aus dem Norden.
Das gilt auch für den Innenraum. Dieser entspricht in Materialien und Verarbeitung, aber auch in seiner Design-Aussage jener Botschaft, die wir gern als typisch für Volvo interpretieren. Dazu gehört jene Reduzierung auf nötige Dinge und Funktionen, die immer wichtiger geworden ist. Weil Nordmänner wohl ohnehin nach dem Stand der Sterne und dem Kot der Elche navigieren, ist das einschlägige System mit zwei Nachteilen behaftet: Der auf dem Armaturenträger sitzende, auf Befehl ausfahrende und zu klein dimensionierte Bildschirm ist nur nachts sicher abzulesen; und die Navi-Bedienung hockt unsicht- und höchstens tastbar unter dem Volant, irgendwo, jedenfalls im Abseits. Hinter den Vordersitzen geht es recht eng zu, der Knieraum ist keineswegs üppig bemessen. Das muß man auch dem Kofferraum attestieren. Der wird systembedingt vor allem von den übereinandergestapelten Dachsegmenten beansprucht. Ein Porsche Carrera hat noch weniger Platz, aber den konfrontiert man auch mit anderen Ansprüchen. Liegt das Dach über dem Innenraum, dann sind gut 400 Liter Stauvolumen bereit, das ist mehr als ausreichend. Auf die Hälfte schrumpft das Volumen bei eingeklapptem Dach, ein Abdeckmodul sorgt dafür, daß Koffer und Abdeckteile sich nicht ins Gehege kommen.
Das Lenkrad liegt gut in der Hand, die Armaturen sind modisch-klein geraten, aber die Menge sowie Dimensionierung der Ablagen sind zu rügen. Knut Hamsuns Hunger in gedruckter Form ist nirgendwo unterzubringen. Die Sitze sind schön beledert und bequem gepolstert, aber sie halten den Körper nur unzureichend. Für den Fahrer ist es ratsam, auf schmales Schuhwerk umzusteigen, sein Fußraum mit der Pedalerie ist recht eng eingerichtet. Der Handbremshebel auf der Mittelkonsole ist viel zu nah an den Chromrahmen der Schaltkulisse herangerückt, da klemmt man sich gern den dicken Finger ein. Die erfreulich leicht geratene Schaltertafel der Mittelkonsole ist in alu-ähnlichem Material ausgeführt, das wirkt zwar edel, sorgt aber bei entsprechender Sonneneinstrahlung für störende Reflexe. Das wird fast alles vergessen, wenn das Dach verstaut ist und die Sehnsucht nach Sonne befriedigt wird. Dabei darf das Auto durchaus schnell und die Umgebungstemperatur niedrig sein. Selbst bei Höchstgeschwindigkeit sitzen vorn zwei Menschen gut behütet, ein ziemlich aufwendiges Windschott schützt vor den Orkanen aus dem Hintergrund, und das Klimasystem schlägt jeden Kanonenofen. Wenn nötig, kühlt es zuverlässig.
Abgeklärte Natur des Autos
Relativ schnelles Fahren ist möglich, aber nicht richtig spaßig. Das liegt eher an der prinzipiell abgeklärten Natur des Autos, nicht etwa am Windlärm. Der bleibt nämlich für das Coupé wie für das Cabrio in sehr erträglichen Maßen. Mehr Spaß als hektisch über die Straßen zu heizen macht im Volvo C70 freilich jener Vorgang, den man am besten mit Kalifornien in Verbindung bringt: das satte Dahinströmen mit niedrigerem Tempo und mit ganz leichter Flegelhaltung auf dem Fahrersitz.
Der Motor klingt stärker, als er ist. Nach dem ersten Zünden dreht er für eine Viertelminute deutlich über seiner Leerlaufdrehzahl und fällt dann auf diese zurück. Dabei murmelt er dunkle Botschaften des Startens, wie man sie von einem Fünfzylinder erwartet. Die jederzeit gut, aber zu zurückhaltend tönende Maschine dreht schlecht hoch und zieht in den größeren Gängen nicht wirklich bullig durch. Auf der Autobahn muß man häufig in die vierte oder gar in die dritte Stufe zurückschalten, und wenn man am Ende der tempobegrenzten Baustelle aus 80 km/h im fünften Gang durch Niedertreten des Fahrpedals ohne Zurückschalten zügig wegkommen möchte, dann ist eher Geduld als Genießen gefragt. Der nur mit Fahrer besetzte C70 kommt auf über 1,7 Tonnen, und da hat der Fünfzylinder kein leichtes Spiel.
Das gilt auch für das Fahrwerk. Die Vorderachse ist hoch belastet, der Fronttriebler fährt am liebsten geradeaus, er untersteuert meistens und läßt sich nur mit starken Lastwechseln zu einem sanften Eindrehen in die Kurve animieren. Den Eindruck einer besonderen Agilität vermag der C70 nicht zu vermitteln. Hohes Lob ist den Volvo-Mannen für die lückenlose Sicherheitsvorsorge auszusprechen. Das gilt für die passive und die aktive Sicherheit. Die Suche nach hoher Crash-Sicherheit trug dem Cabrio eine sehr gute Verwindungssteifigkeit ein, Karosseriegeräusche sind ihm tatsächlich fremd, ruhiger ist kein offenes Auto dieser Größe.
Mit der Leistung des schwächeren Saugmotors kann man natürlich leben. Aber souveränes Fahren sieht ein bißchen anders aus, der Verbrauch geht in Ordnung. Unter dem Strich ist der C70 tatsächlich wieder ein offener Volvo - so wie man ihn sich in den dunklen Tagen vorstellte. Und das kann durchaus genügen für einen lange währenden Mittsommernachtstraum.
Text: F.A.Z., 26.09.2006, Nr. 224 / Seite T3
Bildmaterial: F.A.Z., Hersteller