Genfer Autosalon

Volkswagens Show der Superlative

Von Henning Peitsmeier, Genf

04. März 2008 Das Ende der Bescheidenheit kommt auf extrabreiten Reifen daher. Es ist ein Bentley Brooklands zum Preis eines Einfamilienhauses. Die silbergraue Nobelkarosse ist der passende Auftakt für eine Autoshow der Superlative. Volkswagen hat am Vorabend des Genfer Autosalons mehr als 1000 Gäste in eine aufwendig dekorierte Halle geladen, um auf einer hundert Meter langen Bühne das Schnellste und Teuerste zu präsentieren, was auf vier Rädern zu haben ist. Fast hat es den Anschein, als wolle es Europas größter Autohersteller noch einmal richtig krachen lassen, bevor er unter das Dach der neuen Porsche-Holding schlüpfen muss. Denn wenige Stunden bevor Konzernchef Martin Winterkorn im gleißenden Scheinwerferlicht die „Volkswagen Group“ als „das faszinierendste Automobilunternehmen der Welt“ lobpreist, hatte Porsche schon Fakten geschaffen.

Winterkorn verschweigt den neuen Eigentümer nicht. „Uns freut es sehr, dass Porsche die Mehrheit übernehmen will“, spricht er in sein Headset. „Es zeigt das Vertrauen, das Porsche in Volkswagen hat“, sagt Winterkorn. Drei Dutzend Kameras sind auf den bulligen Mann gerichtet. Und dann setzt er telegen sein breitestes Lächeln auf. Das muss genügen. In der ersten Reihe sitzt Ferdinand Piëch. Auch der mächtige VW-Aufsichtsratsvorsitzende lächelt, wenn auch nicht so breit wie sein Vorstand.

Ein 15 Minuten langer Imagefilm - auf zwei Leinwänden

Auf zwei Videoleinwänden läuft ein 15 Minuten langer Imagefilm über alle acht Marken des VW-Konzerns, inszeniert in bester James-Bond-Manier. Allein dieser Agentenfilm, sagt später der Pressesprecher eines Autozulieferkonzerns, habe mehr gekostet als sein gesamtes Jahresbudget. Die Gesamtkosten der VW-Gala in Genf schätzt ein Marketingmanager auf einen „ordentlichen, zweistelligen Millionenbetrag“. Aber glaubt man Konzernchef Winterkorn, dann hat VW auch allen Grund zum Feiern. Vom „besten Geschäftsjahr in der VW-Geschichte“ spricht Winterkorn wieder in Superlativen, schwärmt von dem Milliardenprofit und exakt 6,2 Millionen verkauften Autos. Nichts soll an diesem Abend an den rigiden Sparkurs seines Vorgängers Bernd Pischetsrieder erinnern, der in den Jahren davor fast 20.000 Stellen gestrichen hatte. Die Krisenrhetorik, mit der Pischetsrieder erst die Voraussetzung für die gute Ertragslage geschaffen hat, ist nicht die Sprache von Winterkorn.

Dem schwäbischen Technikenthusiasten geht es um Hubraum und PS, um Drehmoment und Spaltmaße. Damit erfreut er seinen Aufsichtsratsvorsitzenden. Denn auch Piëch steht für die scheinbar schönen Jahre in Wolfsburg, für Absatzrekorde, Sonderschichten und automobile Träumereien. Auf der Genfer Showbühne rollen sie der Reihe nach herein, Realität gewordene Automobile, die die Spitze deutscher Ingenieurskunst repräsentieren. Es geht Schlag auf Schlag: Dem Bentley Brooklands folgt ein Bugatti Veyron mit 16 Zylindern und 1001 PS, danach entfaltet ein Lamborghini Gallardo in dem turnhallengroßen Saal schon nach kurzem Tritt aufs Gaspedal den Lärm eines startenden Flugzeugs. Nach einer Dreiviertelstunde fällt erstmals das Wort „ökologisch“, ausgerechnet im Zusammenhang mit dem Gallardo: Der habe nämlich den CO2-Ausstoß um 18 Prozent verbessert, sagt der Lamborghini-Chef - und verschweigt den absoluten Wert. Und als der Supersportwagen R8 von Audi die Runde dreht, sagt Audi-Chef Rupert Stadler in entwaffnender Offenheit: „Damit zeigen wir, wo der Hammer hängt.“ Das alles muss für den neuen Eigentümer wie eine Provokation klingen. VW protzt mit Eigenschaften, die eigentlich den Sportwagen Porsche aus Zuffenhausen zugeschrieben werden. Selbst der neue Kleinwagen Ibiza von Seat wird in einer ferrariroten Sportversion gezeigt, mit 19-Zoll-Leichtmetallfelgen und „muskulösen Flanken“, wie Seat-Chef Erich Schmitt die ausgestellten Kotflügel nennt.

Von Porsche ist jetzt keine Rede mehr

Von Porsche ist jetzt keine Rede mehr. Und das sollte sich auch während der Messe am Genfer See nicht ändern. Der Vorstandsvorsitzende Wendelin Wiedeking hat alle seine Termine abgesagt. Doch jeder weiß, dass längst die Musik in Zuffenhausen spielt, dass Porsche bei Volkswagen den Ton angibt: „Unser Ziel ist die Schaffung einer der innovativsten und leistungsstärksten Automobil-Allianzen der Welt, die dem verschärften internationalen Wettbewerb gerecht wird“, ließ der Vorstandsvorsitzende von Porsche am Montag, wenige Stunden vor der VW-Feier verlauten. Mit der Übernahme werde der Weg dafür geebnet, dass VW und Porsche künftig „gemeinsam in einer fairen und kollegialen Partnerschaft ein neues Kapitel Automobilgeschichte schreiben können“.

Für die Kakophonie der vergangenen Wochen und Monate, als sich Vorstände und Betriebsräte beider Unternehmen gegenseitig brüskierten, will nun offenbar keiner mehr verantwortlich sein. So oder so: Porsche und VW werden gemeinsam Europas größten Autokonzern bilden mit mehr als 100 Milliarden Euro Umsatz, mit deutlich mehr als 300.000 Beschäftigten und bald zehn Marken. Weil VW jetzt auch noch erfolgreich seine Lastwagensparte mit Scania fusioniert, entsteht obendrein noch Europas Marktführer bei Nutzfahrzeugen. Auch das ist erst an diesem Montag bekanntgeworden. VW-Chef Winterkorn war morgens noch in Stockholm, ist dort, wie er behauptet, „herzhaft von den Scania-Mitarbeitern“ begrüßt worden. Schon bald übernimmt er das Kommando beim schwedischen Lastwagenkonzern.

Doch das ganz große Ziel von Volkswagen heißt Toyota. An dem hochprofitablen japanischen Konkurrenten müsse sich VW messen lassen, fordert Porsche-Chef Wiedeking gebetsmühlenartig. Die Toyota Motor verdankt ihre Ausnahmestellung allerdings nicht irgendwelchen Technikspielereien, sondern zuverlässigen und preiswerten Allerweltsvehikeln. Der Messe-Star der Japaner ist ein umweltschonender Kleinstwagen. Und den präsentieren sie in Genf ganz unspektakulär, ohne Allüren und ohne großes Tamtam.



Text: F.A.Z., 05.03.2008, Nr. 55 / Seite 14
Bildmaterial: dpa

 
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