Von Jürgen Zöllter
23. Juni 2008 Donnerstagmorgen in Los Angeles: Auf elf Fahrspuren Richtung Süden pulsiert der Berufsverkehr wie das Blut in einer überdimensionalen Schlagader. Zeit für die Morgentoilette auf dem Santa Ana Freeway. Zeitungen liegen über Lenkräder ausgebreitet, mit Blick in den Rückspiegel wird Make-up aufgetragen, jemand manikürt seine Fingernägel, andere frühstücken, fast alle telefonieren. Kaliforniens Westküste erwacht. Plötzlich hupt jemand und winkt aus einem Honda Civic herüber. Daraufhin heben auch andere ihre Augen über Trinkbecher hinweg. Einer wagt zu fragen: How much?
Die Begeisterung gilt nicht etwa Jon Bon Jovi, sondern einem orangefarbenen Coupé mit schwarzem Doppelstreifen, unserem Dodge Challenger SRT-8. Dem automobilen Klassiker aus den siebziger Jahren wie aus dem Gesicht geschnitten, tritt er auf, als sei die Zeit stehengeblieben. Doch er ist nagelneu und ein Symbol des unerschütterlichen Amerika. Denn in Zeiten des außenpolitischen Gesichtsverlusts und nationalen Kaufkraftschwunds stützt er die amerikanische Identität. 37.995 Bucks? That's okay!, kommentiert die Civic-Besatzung den Preis. So viel zahlen Europäer für einen VW Golf GTI.
Mächtig scharrt der Challenger mit den Hinterläufen
Der 5,02 Meter lange und 1,92 breite Zweitürer scheint auf den ersten Blick ein durch und durch amerikanisches Auto, mit riesigen 20-Zoll-Rädern und 313 kW (425 PS) starkem 6,1-Liter-V8-Triebwerk, weil Karosserie und Armaturenträger dem seinerzeit sehr beliebten, weil technisch einfachen, aber potenten und deshalb Muscle Car genannten Dodge Challenger von 1973 in Proportionen sowie zahlreichen Details entsprechen. Sogar sein Kraftwerk wurde dem damals gleich starken V8-Elephant Motor nachempfunden. Und wie der arbeitet er mit hemisphärisch geformten Brennräumen für hohe Kraftausbeute bei niedriger Kompression. Der Motor trägt deshalb den Beinamen HEMI.
Auch als wir in Downtown Los Angeles an eine Kreuzung rollen, bleiben Passanten bewundernd stehen. Junge Kerle hoffen dann, dass es beim Start nach Gummi riecht. Und manchmal geben wir nach. In der Mittelkonsole rechts unten wird ESP Off länger als drei Sekunden gedrückt. Nun kann die Antriebskraft enthemmt fließen. Mit dem linken Fuß auf der Bremse regelt der Gasfuß 4800 Touren ein. Mächtig scharrt der Challenger mit den Hinterläufen, aus den Radhäusern dringt weißer Qualm, und noch immer steht der Wagen still. Burn out, formulieren Passanten, sie heben die Daumen. Wir öffnen die Bremse und geben den Challenger frei. Mit radierenden Hinterreifen schwänzelt er über die Kreuzung und lässt begeisterte Amerikaner zurück.
Ein Hochzeitsgeschenk aus Stuttgart
Den neuen Dodge Challenger bietet Chrysler in den Vereinigten Staaten über seine SRT-Tuningabteilung (Street and Racing Technology) zunächst nur mit dem gewaltigen 6,1-Liter-V8-Hammerwerk an, das wir aus dem Chrysler 300 C und Jeep Grand Cherokee kennen. 2009 wird der Challenger R/T mit 5,7-Liter-V8 und 260 kW (354 PS) nachgeschoben, etwas später auch mit 187 kW (254 PS) starkem 3,5-Liter-V6. Zusammen mit der Retrostyle-Karosserie und dem eigens gestalteten Interieur wuchert das Coupé im amerikanischen Selbstverständnis wie seinerzeit die erfolgreiche Mondlandung.
Nur wenige Amerikaner wissen indes, dass Handling und hohe Querdynamik des Coupés erst wegen der Bodengruppe mit aufwendig gestalteter Mehrlenker-Hinterachse möglich sind. Und kaum jemand erinnert sich, dass diese als Hochzeitsgeschenk nach der deutsch-amerikanischen Eheschließung von Daimler und Chrysler aus Stuttgart kam. Sie trug einst den Mercedes-Benz-E-Klasse-Vorgänger W210, heißt bei Chrysler heute LX-Plattform und unterbaut seit 2004 die heckgetriebenen Limousinen Chrysler 300C und Dodge Charger sowie den Kombi Dodge Magnum.
Challenger bereits 2,5 Jahre im voraus ausverkauft
Doch der neue Dodge Challenger versteht kein Deutsch. Wenn sein Triebwerk ins Leben springt, brodelt es furchterregend. Die Mercedes-Fünfgangautomatik wählt den ersten Gang vor, und ab geht die Post. Schnell und geschmeidig geht's in den zweiten. Doch als der dritte Gang einrückt, scheint dem Challenger die Puste auszugehen. Mehr als 1500 Touren beträgt der Sprung zwischen zweiter und dritter Gangstufe. Zu viel, um das Temperament zu halten. Dass auch die vierte Stufe zu lang übersetzt ist, verkraftet man leichter, wenn man sie als Appetitzügler begreift. Dennoch wünscht man ein enger abgestuftes Sechsganggetriebe herbei, damit der Challenger SRT-8 so sportlich zu bewegen ist, wie er auftritt.
Dass dieses Coupé im Retro-Design der siebziger Jahre nahezu ungeteilte Sympathien erntet, liegt besonders an den gegenwärtig vorherrschenden sozioökonomischen Zusammenhängen. Der neue Challenger erinnert an Zeiten, die viele Amerikaner als prosperierend verklären, wird damit zum Symbol nationaler Stärke. Er entsteht auf derselben Produktionsstraße im Chrysler-Werk Brampton/Ontario, auf der bisher der 300C-Kombi Dodge Magnum entstand. Dieser wurde jüngst aus dem Angebot gestrichen und setzte eine Produktionskapazität von jährlich 6500 Einheiten frei. Da bis heute schon 15.000 Bestellungen vorliegen, ist der neue Challenger bereits 2,5 Jahre im voraus ausverkauft. Wer hierzulande gern mit automobilen Muskeln spielt und nicht mindestens drei Jahre auf den Challenger warten möchte, sollte überlegen, das Retro Muscle Car nicht zuletzt wegen der Dollarschwäche drüben persönlich einzukaufen.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Hersteller